Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schwere Zeiten für Augenoptikerbetriebe

09.01.2004


Da ab 1. Januar 2004 der Krankenkassenzuschuss für Brillengläser weggefallen ist, verschärft sich die Marktsituation für Augenoptikerbetriebe noch mehr. Insbesondere mittelständische Betriebe sind durch den sich abzeichnenden Umsatzeinbruch stärker existenzbedroht, wie jetzt eine Studie von Professor Armin Töpfer, Professur für Marktorientierte Unternehmensführung der TU Dresden, im Auftrag des Zentralverbandes der Augenoptiker (ZVA) analysierte.



Im Dezember 2003 kam es zu einem wahren "Run" auf die Optikergeschäfte. Viele Kunden wollten sich noch schnell eine Brille mit Krankenkassenzuschuss anfertigen lassen. In manchen Optikergeschäften gab es lange Warteschlangen, die Umsatzzuwächse waren zweistellig auf hohem Niveau. Allerdings haben von diesen "Hamsterkäufen" Filialisten wie Fielmann erheblich mehr profitiert als der typische mittelständische handwerkliche Augenoptikerbetrieb. Der Grund liegt darin, dass insbesondere Fielmann mit seiner Werbekampagne der "Nulltarif-Brille" den Nerv der Preissensibilität vieler Kunden traf. Auch wenn der Kunde bei einem Augenoptiker-Filialisten dann doch eine höherwertige Brille gekauft hat, hatte er oftmals dennoch das Gefühl, dass er für diesen Preis eine deutlich bessere Leistung als anderswo erhalten hat.



Die Krankenkassen verbreiteten die Information, dass der Zuschuss nur noch für Brillen gewährt wird, die bis zum 31. Dezember 2003 ausgeliefert werden. Durch den starken Andrang der Kunden war dies jedoch nicht generell möglich. Nach Meinung der Augenoptikerbetriebe war der Zeitpunkt der Bestellung der Brille in 2003 entscheidend für die Gewährung des Krankenkassenzuschusses. Fielmann machte sich sogar zum "Anwalt der Kunden", da das Unternehmen androhte, Krankenkassen, die den Zuschuss auf dieser Basis nicht gewähren, zu verklagen. Für den Fielmann-Kunden bestand also kein Risiko.

Ab Anfang dieses Jahres ist mit bis zu 25 Prozent geringeren Umsätzen auf dem ca. 4 Mrd. Euro Augenoptikermarkt zu rechnen; Filialisten wie Fielmann oder Apollo haben jedoch durch den vorgezogenen Umsatz und Ertrag eine deutlich bessere Ausgangsbasis für 2004 als die mittelständischen Augenoptikerbetriebe.

Die bundesweite Befragung von über 500 Optikerkunden in der Studie von Prof. Töpfer belegte, dass Fielmann ein nahezu ideales Profil in den Augen aller Befragten hat: Das Unternehmen besitzt ein modernes Image, bietet eine große Auswahl an Brillen zu attraktiven Preisen mit einer guten Beratung und einem guten Service - auch wenn man vor Jahresende deutlich länger warten musste. Alle anderen Augenoptikerbetriebe konnten mit dieser Gesamteinschätzung durch die Kunden kaum mithalten. Mittelständische Betriebe erhalten oft Bestnoten bei Service und Beratung; ohne preislich attraktive Angebote reicht dies allerdings nicht aus. Von mittelständischen Betrieben zu Filialisten haben deshalb fast dreimal so viele Kunden gewechselt wie umgekehrt.

Existenzgefährdet, so Prof. Töpfer, sind bis zu 2.000 mittelständische Augenoptikerbetriebe von den insgesamt knapp 10.000 Augenoptikergeschäften, und zwar insbesondere solche, die mehrere qualifizierte Angestellte, also eine fixe und damit kurzfristig schwer veränderbare Kostenstruktur aufweisen. Im Vergleich hierzu werden kleine Augenoptikerbetriebe, die ihr Geschäft in einer eigenen Immobilie haben, Familienangehörige mitbeschäftigen, Unternehmerlohn nicht explizit kalkulieren und die Spielräume bei den Herstellern in der Warenbelieferung ausnutzen, eher überleben. Betriebe mit einem hohen Anteil an Kunden aus gesetzlichen Krankenkassen, die bisher den Krankenkassenzuschuss erhielten, werden von den Umsatzeinbrüchen deutlich stärker betroffen als Betriebe mit überwiegend privat versicherten Kunden. Dies kann dann mehr als ein Viertel des Umsatzes gefährden. Vor diesem Hintergrund wird es in Zukunft zu einer noch stärkeren Polarisierung im Augenoptikermarkt kommen: Wenigen großen Filialisten steht eine Vielzahl relativ kleiner Betriebe gegenüber. Filialisten wie Fielmann gehen deshalb davon aus, dass sie von den Konsequenzen der aktuellen Gesundheitsreform profitieren, auch wenn sie zunächst Umsatzreduzierungen hinnehmen müssen.

Die neue Entwicklung, dass Augenärzte angedroht haben, die Refraktion, also die Bestimmung der benötigten Brillenstärke, den Patienten, von Ausnahmen abgesehen, immer privat - mit einem Betrag von ca. 25 Euro - in Rechnung zu stellen, verunsichert die Betroffenen noch mehr. Von der Gesundheitsministerin Schmidt wurde klargestellt, dass Patienten für die Verordnung einer Brille nicht zuzahlen müssen; der Berufsverband der Augenärzte hat der Ministerin jedoch widersprochen. Dies ist - so Prof. Töpfer - "eine Steilvorlage für die Augenoptiker": Denn viele Brillenträger wissen auch heute noch nicht, dass die Bestimmung der Brillenglasstärke neben den Augenärzten auch direkt von den Augenoptikern durchgeführt werden kann. Die Patienten sparen seit dem 1. Januar 2004 dann gegebenenfalls sogar noch die Praxisgebühr von zehn Euro. Prof. Töpfer empfiehlt insbesondere den mittelständischen Augenoptikern, mit einer professionelleren Kommunikation und Werbung ihre Stärke einer "Komplettleistung aus einer Hand" zu betonen, also Refraktion, Beratung bei der Brillen- und Gläserauswahl, Anfertigung und Anpassung der Brille.

Die Chancen können laut Prof. Töpfer in Zukunft in folgender Strategie liegen: Auf jeden Fall müssen die Augenoptikerbetriebe neben Beratung und Service den Kunden ein attraktiveres Preis-Leistungs-Verhältnis bieten. Da der Kassenzuschuss weggefallen ist, kommt es zusätzlich darauf an, die Einstellung der Kunden zur Brille zu verändern und dabei insbesondere den typischen Brillenkaufzyklus von drei bis vier Jahren zu verkürzen. Die Studie hat gezeigt, dass jeder zweite Befragte seine Brille nicht gern trägt. Neben dem Preis ist deshalb das Kriterium "passt gut zu meinem Aussehen" besonders wichtig. Nur wenn die Kunden das Gefühl haben, eine gut zu ihnen passende Brille preisgünstig zu bekommen, dann wird sich also ihr Verhalten eher in Richtung: "Brille sehen - gefallen - kaufen" ändern.

Birgit Berg | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-dresden.de

Weitere Berichte zu: Augenoptikerbetrieb Filialist Krankenkassenzuschuss

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Europaweite Studie zu „Smart Engineering“
30.03.2017 | IPH - Institut für Integrierte Produktion Hannover gGmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten