Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neuerscheinung: Betriebliche Bündnisse für Arbeit – das Ende des Flächentarifvertrags?

27.10.2003


Neue Studie des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung belegt: Betriebliche Regelungen führen nicht zur Abschaffung des Flächentarifs


Abb. : Betriebliche Bündnisse und Abweichungen vom Flächentarifvertrag. Wie stark weichen betriebliche Bündnisse von geltenden Flächentarifverträgen ab? Im Rahmen der organisierten Dezentralisierung sind die Abweichungen zahlreich, wobei im Verlauf der neunziger Jahre große Schwankungen zu beobachten waren. Betriebliche Bündnisse wurden zuerst am Rand des Institutionensystems entwickelt und sind dann in seinen Kern gewandert. 1992 waren alle Bündnisse, die geschlossen wurden, nicht tariftreu. Während der Hochphase der Rezession änderte sich dies schlagartig. Viele an den Flächentarif gebundene Unternehmen nahmen den neuen Vereinbarungstyp auf und nutzten ihn innerhalb des Spielraumes, den das System ihnen einräumte. Erst 1996 nahm der Anteil abweichender Bündnisse wieder zu und pendelte sich auf ein konstant hohes Niveau ein. Seit 1996 ist mehr als jeder zweite Arbeitnehmer, für den ein Pakt geschlossen wurde, dadurch nicht mehr voll an den Flächentarif gebunden.
Bild: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung



In den 1990er Jahren hat sich in deutschen Unternehmen eine neue Art von Abkommen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern etabliert. Noch ist wenig über die Merkmale und Funktionsweise der so genannten Bündnisse für Arbeit auf betrieblicher Ebene bekannt. Doch wird ihnen ein bedeutender Beitrag zur Dezentralisierung des deutschen Lohnverhandlungssystems zugeschrieben. Eine Studie am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung macht deutlich, dass die Bündnisse zwar erheblich zum Wandel, aber keineswegs zur Abschaffung des Flächentarifs beigetragen haben.



Sie sind eine Antwort auf verschärfte Wettbewerbsbedingungen auf internationalen Produktmärkten: die so genannten betrieblichen Bündnisse für Arbeit. Arbeitnehmer und Arbeitgeber vereinbaren (meist wechselseitige) Konzessionen zur Beschäftigungssicherung und Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens auf. Damit sollen die Arbeitskosten gesenkt und die Arbeitsbedingungen flexibilisiert werden. Als Gegenleistung erhalten die Arbeitnehmer Beschäftigungsgarantien oder Investitionszusagen.

Von traditionellen Betriebsvereinbarungen unterscheidet sich ein betriebliches Bündnis dadurch, dass auch Themen verhandelt werden, die nach den Bestimmungen des Betriebsverfassungsgesetzes nicht der Mitbestimmung unterliegen, sondern dem Weisungsrecht der Unternehmensleitung oder der Regulierung durch die Tarifparteien. Betriebliche Pakte sind damit komplexer als herkömmliche Betriebsvereinbarungen und erfassen auch Themenfelder wie Personalpolitik, Lohnfindung, Arbeitsbedingungen, Investitionsentscheidungen oder die Organisation der Produktionsbedingungen. Die mit den Bündnissen einhergehende schleichende Erweiterung der betrieblichen Mitbestimmung um das Themenfeld der Investitionsentscheidungen stellt besonders die Betriebsräte vor große Herausforderungen.

Betriebliche Pakte antworten auf eine akute und existenzielle Krisensituation, und sie beinhalten verpflichtende Regelungen für jede Seite. Die Spielräume geltender Flächentarifverträge werden dabei genutzt, gedehnt und manchmal auch überschritten. Betriebliche Pakte sind ein neues und innovatives Instrument im deutschen Lohnverhandlungssystem, sagen die einen. Andere betrachten sie als Vorboten des Zusammenbruchs des zentralen Lohnverhandlungssystems in Deutschland.

Die Anzeichen für eine Schwächung des Flächentarifes sind deutlich. Sein Geltungsbereich schrumpft kontinuierlich, die Zahl der Haustarifverträge steigt parallel dazu an. Immer weniger Beschäftigte sind flächentarifgebunden. 1998 waren es in Westdeutschland nur noch rund 69 Prozent. "Dennoch ist die überbetriebliche Regulierung der Arbeitsbedingungen in Deutschland noch der Regelfall," betont Britta Rehder, Nachwuchswissenschaftlerin am Kölner Max-Planck-Institut und Autorin der Studie. "Das heißt nicht, dass sich nichts verändert hätte. Vielmehr hat sich der Flächentarif selbst tief greifend gewandelt und für die betrieblichen Bündnisse geöffnet." Die Normierungskraft des Flächentarifes hat abgenommen. Er ist jedoch weit davon entfernt, obsolet zu werden.

"Wandel kann eine wichtige Voraussetzung für Stabilität sein", stellt die Wissenschaftlerin fest und zeigt in ihrer Studie, wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam den Wandel ihres Verhandlungssystems vorantrieben, ohne den Fortbestand des Flächentarifs in Frage zu stellen. Die Verbetrieblichung hat zugenommen, für die meisten Unternehmen fand dies jedoch innerhalb des "dualen Systems" der deutschen Arbeitsbeziehungen statt. Die Arbeitsteilung zwischen betrieblicher und überbetrieblicher Regulierung wurde nicht aufgehoben, sondern neu gestaltet. Tarifverträge markieren heute vielfach immer noch die Grenzen für betriebliche Vereinbarungen. Neu ist, dass die Möglichkeit, betriebliche Vereinbarungen abzuschließen ihrerseits gleichzeitig Restriktionen für das Tarifvertragssystem setzt.

Rehders Studie zeigt zudem, dass die betrieblichen Bündnisse keine spezifisch deutsche Erscheinung sind. Ihre Wurzeln liegen im amerikanischen "Concession Bargaining" der achtziger Jahre, das von in den USA ansässigen Automobilkonzernen nach Deutschland importiert wurde. Durch schrittweise Anpassung an das deutsche Institutionensystem entwickelte sich das "Concession Bargaining" zum "betrieblichen Bündnis". Lohnkonzessionen der Arbeitnehmer, wie sie in den USA üblich sind, sind aufgrund tarifvertraglicher Regulierungen und des großen Einflusses der Arbeitnehmervertretungen in Deutschland nur begrenzt möglich. So wurden in deutschen Bündnissen alternative Konzessionen entwickelt, die produktivitätssteigernde Maßnahmen und Programme zur Arbeitsumverteilung beinhalten. Und während in den USA Konzessionsverhandlungen häufig mit gewerkschaftsfeindlichen Strategien der Arbeitgeber einhergingen, geschah in Deutschland das Gegenteil: Betriebliche Bündnisse wurden meist mit den Gewerkschaften geschlossen und nicht ohne oder gegen sie.

Für ihre Studie analysierte Britta Rehder Daten der 100 größten deutschen Unternehmen aus dem Zeitraum von 1986 bis 1996. In 52 dieser Unternehmen wurden im angegebenen Zeitraum 156 Vereinbarungen geschlossen. Diese bilden das Herzstück der Untersuchung. Interviews mit Vertretern der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite sowie Verbandsvertretern waren ebenso Bestandteil der Studie wie eine Dokumentenanalyse und die Auswertung bereits vorliegender Datensammlungen zum Thema. Die Studie ist als Dissertation im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Einfluss der Internationalisierung auf das deutsche System der Arbeitsbeziehungen am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung entstanden und im Oktober 2003 im Campus Verlag erschienen. Rezensionsexemplare erhalten Sie von der Pressestelle des Verlags unter Tel. 069/976516-20.

Originalveröffentlichung:

Britta Rehder
Mitbestimmung und Flächentarif im Wandel
Schriften des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, Bd. 48 Frankfurt a.M.: Campus, 296 Seiten, ISBN 3-593-37372-6, 34,90

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Britta Rehder
Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln
Tel.: 0221 2767-190
Fax: 0221 2767-555
E-Mail: rehder@mpi-fg-koeln.mpg.de


Christel Schommertz (Pressebeauftragte)
Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln
Tel.: 0221 2767-130
E-Mail: redaktion@mpi-fg-koeln.mpg.de

Dr. Andreas Trepte | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/instituteProjekteEinrichtungen/institutsauswahl/gesellschaftsforschung/index.html

Weitere Berichte zu: Betrieblich Flächentarif Lohnverhandlungssystem Regulierung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu Bildungsangeboten für die Industrie 4.0 in Österreich
05.02.2018 | Fachhochschule St. Pölten

nachricht Schildkrötengehirne sind komplexer als gedacht
05.02.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics