Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Starke Impulse für den Arbeitsmarkt

23.07.2003


Reduzierung der Mehrwertsteuer auf arbeitsintensive und konsumnahe Dienstleistungen birgt laut Institut für Mittelstandsforschung (ifm) an der Universität Mannheim Potenzial für 250.000 neue Arbeitsplätze


Wie die jetzt vorgestellte aktuelle Untersuchung des Instituts für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim (ifm) ergab, könnte eine Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes auf arbeitsintensive und konsumnahe Dienstleistungen von jetzt 16 % auf 7 % in Deutschland zu mehr als 250.000 neuen Arbeitsplätzen führen. Etwa 60 % der neuen Stellen (ca. 150.000) entstünden dabei im Handwerk, insbesondere im Bau- und Ausbaugewerbe (ca. 100.000) und im Friseurgewerbe (etwa 20.000). Im Gastgewerbe könnten 70.000 neue Arbeitsplätze entstehen, im handwerksähnlichen Gewerbe etwa 10.000 und im Bereich der haushaltsnahen Dienstleistungen etwa 20.000.

Mit der für das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg durchgeführten Wirkungsanalyse sollte der Frage nachgegangen werden, welche Auswirkungen auf das Steueraufkommen sowie auf Güter- und Faktormärkte zu erwarten sind, wenn bei arbeitsintensiven und konsumnahen Dienstleistungen der aktuell geltende Mehrwertsteuersatz von 16 % auf 7 % abgesenkt würde. Die möglichen Steuerausfälle und die durch zu erwartende Preissenkungen bewirkten Nachfrageeffekte waren dabei gleichermassen von Interesse.


Im Unterschied zum enumerativen EU-Modellversuch wurde ein systematischer Ansatz zugrundegelegt. Als konsumnah wurde ein Unternehmen dann definiert, wenn dessen Anteil des Umsatzes mit privaten Haushalten mindestens 40 % beträgt. Als arbeitsintensiv wurde ein Unternehmen definiert, wenn dort das Verhältnis zwischen Lohnkosten (Löhne, Gehälter, Personalnebenkosten) und Umsatz eine Höhe von mindestens 35 % erreicht. Etwa 38 % der Handwerksgewerbe erfüllen diese Kriterien. Besonders arbeitsintensive Handwerksbereiche sind etwa das Friseurhandwerk (Arbeitsintensität 67,7 %), das Gebäudereinigerhandwerk (69,8 %) oder das Maler- und Lackiererhandwerk (54,9 %). Die arbeitsintensiven und konsumnahen Branchen sind besonders von Schwarzarbeit betroffen. Untersucht wurden die Wirtschaftsbereiche Handwerk, handwerksähnliche Gewerbe, haushaltsnahe Dienstleistungen und Gastgewerbe.

Um ein möglichst realitätsnahes Bild zeichnen zu können, wurden sowohl methodisch verschiedene Fallkonstellationen untersucht und unterschiedliche Preiselastizitäten für die Nachfrageeffekte zugrundegelegt, als auch zwei Fallmodellierungen mit voller und nur teilweiser Weitergabe der Preisreduzierungen an den Endverbraucher vorgenommen. Um die fiskalischen Effekte bewerten zu können, wurden der Belastung des Staatshaushaltes durch Mehrwertsteuerausfälle die zusätzlichen Einnahmen gegenübergestellt: insbesondere Steuern und Sozialabgaben aus Neubeschäftigungen, Einsparungen von Transferleistungen wie etwa Arbeitslosengeld sowie zusätzliche Einnahmen aus Steuern und Sozialabgaben aus Unternehmereinkommen.

Für die einbezogenen Handwerksbereiche ergab die ifm-Studie, dass im besten Fall eine Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes nahezu haushaltsneutral durchgeführt werden könnte. Im besten Modellfall stünden Mehrwertsteuer-Ausfällen in Höhe von 5,3 Mrd. Euro zusätzliche Einnahmen von 4,6 Mrd. Euro gegenüber (bei voller Weitergabe der zu erwartenden Preissenkungen, einer Preiselastizität von 2,8 und der Annahme, dass 50 % der neu entstehenden Arbeitsplätze von bisherigen Arbeitslosen besetzt würden).
Im Friseurhandwerk, das wegen der besonderen Gefahr der Substituierung durch Schwarzarbeit ausgeprägt preiselastisch reagiert, würden in der best-case-Variante die Zusatzeinnahmen des Staates (in Form von Steuern und Sozialabgaben) die Mehrwertsteuer-Ausfälle sogar übersteigen. Als wahrscheinlichster Fall ergab sich hier aber zumindest eine nahezu volle Haushaltsneutralität bei einer Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes.

Beim Gastgewerbe würden im wahrscheinlichsten Fall einer mittleren Preiselastizität die Mehrwertsteuer-Ausfälle mögliche Zusatzeinnahmen deutlich übersteigen. Allerdings ist der geltende Mehrwertsteuersatz im Gastgewerbe in Deutschland ein gravierender Standort- und Wettbewerbsnachteil, da 12 von 15 Mitgliedsstaaten der EU bereits reduzierte Sätze auf Beherbergungsleistungen eingeführt haben.

"Massnahmen zur Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes sind zwar steuersystematisch nur eine second-best-Lösung aber als beschäftigungspolitische Chance in jedem Fall einer Überlegung wert, da sie den Faktor Arbeit entlasten", so die Geschäftsführerin des Instituts für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim (ifm), Dr. Birgit Buschmann.

Dies zeigen auch die Erfahrungen aus dem EU-Modellversuch, der seit dem 1. Januar 2000 in neun europäischen Ländern läuft. So hat das niederländische Finanzministerium ermittelt, dass die Zahl der Beschäftigten im Jahr 2000 im niederländischen Friseurhandwerk im Vergleich zu 1999 um 12,7 % zugenommen hat. Und auch der Erfahrungsbericht der französischen Regierung zieht positive Bilanz. Hier schätzt man, dass rund ein Drittel der durch die Mehrwertsteuerreduzierung ausgelösten Umsatzsteigerungen im Bausektor von rund 1,4 Mrd. Euro zwischen 1999 und 2001 auf eine Verschiebung der Dienstleitungen aus dem Bereich der Schwarzarbeit in den legalen Bereich zurückzuführen ist. Ähnlich günstige Beurteilungen liegen aus Luxemburg und Griechenland vor.

Insbesondere etwa im durch Schwarzarbeit besonders gefährdeten handwerklichen Bau- und Ausbaugewerbe kann daher erwartet werden, dass bis zu 70 % der Arbeitsplätze, die in Folge einer Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes entstehen könnten, von bisherigen Arbeitslosen besetzt würden.

"Um arbeitsintensive und konsumnahe Dienstleistungen auf dem regulären Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig zu machen und die Schattenwirtschaft einzudämmen, ist ein Massnahmenmix aus Reduzierung der Lohnnebenkosten und steuerlicher Entlastung erforderlich", so Mittelstandsforscherin Buschmann.

Ansprechpartner für fachliche Fragen zur Studie:

Dr. Birgit Buschmann
Geschäftsführerin des Instituts
für Mittelstandsforschung
Telefon: 0621-181-2890

Ralf Bürkle | idw
Weitere Informationen:
http://www.ifm.uni-mannheim.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Future Security Conference 2017 in Nürnberg - Call for Papers bis 31. Juli

26.06.2017 | Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Digital Mobility“– 48 Mio. Euro für die Entwicklung des digitalen Fahrzeuges

26.06.2017 | Förderungen Preise

Fahrerlose Transportfahrzeuge reagieren bald automatisch auf Störungen

26.06.2017 | Verkehr Logistik

Forscher sorgen mit ungewöhnlicher Studie über Edelgase international für Aufmerksamkeit

26.06.2017 | Physik Astronomie