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Tübinger Sportwissenschaftler untersuchen den Hochleistungssport der Olympianationen

07.07.2003


Olympias Glanz und der Hochleistungssport - die Tübinger Sportwissenschaftler Helmut Digel und Verena Burk untersuchten die Organisationssysteme acht erfolgreicher Sportnationen nach den Sommerspielen 1996 in Atlanta. Die Ergebnisse sollen Sportexperten in aller Welt zeigen, wie unterschiedlich die Erfolgsrezepte einzelner Nationen sind und auch auf das häufig ignorierte Problem einer mangelnden Chancengleichheit aufmerksam machen.


Im November 1892 schlug der französische Baron Pierre de Coubertin ein internationales Sportfest vor, das dem Frieden und der Völkerverständigung dienen und den Namen der berühmtesten Wettkampfveranstaltung des Altertums tragen sollte: Die Olympischen Spiele. In der Antike gehörten die Wettkämpfe zu den vier panhellenischen Spielen. Sie wurden zu Ehren des Gottes Zeus ausgetragen. Die Olympiade der Moderne findet zwar nicht mehr zu Ehren der Götter statt, eine gewisse Aura der Feierlichkeit umgibt sie dennoch. Das Ansehen erfolgreicher Olympioniken und der Glanz, den ihre Siege auch auf das Heimatland abstrahlen, ist bis heute unangefochten. Wie sich der Hochleistungssport in den einzelnen Nationen organisiert, welche Ressourcen genutzt werden, wie und mit welchen Mitteln das gemeinsame Ziel - der Olympiasieg - angesteuert wird, haben Prof. Helmut Digel und Verena Burk vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen durchleuchtet und gerade in einer mehrbändigen Buchreihe, der "Edition Sport International", veröffentlicht.

"In einigen erklärten Sportnationen, wie etwa Australien, rangiert die gesellschaftliche Bedeutung des Sports noch vor Wissenschaft und Literatur", streicht Digel die Bedeutung des Hochleistungssports und der olympischen Bewegung hervor. Zwar sind die fünf farbigen Ringe Symbol für das Verbundensein der fünf Kontinente und Sinnbild für den universellen, völkerverbindenden Charakter der Spiele, doch zählt im nationalen Kräftemessen letztlich mehr, als nur "dabei gewesen" zu sein. Nach den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta sei man auf der Sitzung des Deutschen Sportbundes mit dem Abschneiden "nicht ganz zufrieden gewesen", erklärt Digel die Hintergründe seines Forschungsprojekts. "Zu wenig Expertenwissen über die Hochleistungssysteme der Konkurrenz", wurde bemängelt. Und gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Abhängigkeit des modernen Hochleistungssports von Politik und Wirtschaft ist heute Kompetenzwissen von Nöten, will man unter dem Symbol der Ringe faire Strukturen schaffen. In einem dreijährigen Untersuchungszeitraum analysierte der Sportwissenschaftler Digel deshalb bis Ende 2002 acht ausgewählte Nationen mit langer olympischer Tradition und nahezu kontinuierlicher Teilnahme: Australien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Russland und die USA. Das Internationale Olympische Komitee (IOC), das Nationale Olympische Komitee für Deutschland (NOK), der Weltleichtathletikverband (IAAF), das Bundesinstitut für Sportwissenschaft und mehrere Wirtschaftsunternehmen brachten sich finanziell ein. Burk und Digel führten auch vor Ort Interviews durch, mit denen die Analyse von Literatur und Dokumenten, soziodemographischen Daten und schriftlichen Expertenbefragungen untermauert wurde.


Für die exemplarischen Disziplinen Leichtathletik, Schwimmen und Volleyball wurden auf drei verschiedenen Ebenen Daten erhoben: So wurde zunächst die gesellschaftliche Ebene betrachtet. Die Sportwissenschaftler versuchten zu klären, welche Rahmenbedingungen einen zentralen Einfluss auf die sportliche Erfolgswahrscheinlichkeit eines Landes ausüben. Die politischen Strukturen wurden danach beurteilt, ob sie sich hemmend oder fördernd auf die Hochleistungssportsysteme auswirken. Dabei spielten der Zentralisierungsgrad eines Landes ebenso eine große Rolle wie etwa die organisatorische Ausgestaltung des Militärs. So tragen beispielsweise in Deutschland die Sportförderkompanien der Bundeswehr einen sehr hohen Anteil am Hochleistungssport, meint Digel, was noch von der Zeit des kalten Krieges herrühre. Bei den Olympischen Winterspielen 1998 in Japan waren von den 134 Teilnehmern immerhin 43 Angehörige der Bundeswehr, die 16 von insgesamt 29 Medaillen errangen. Aber auch das Bildungssystem ist entscheidend: Russland und China fördern nach dem Modell der DDR den Sport hauptsächlich über das Schulsystem und in den USA spielen die Highschools und Universitäten eine tragende Rolle im Hochleistungssport. "Es ist wirklich überraschend, wie unterschiedlich sich die Organisation des Hochleistungssports in den Ländern darstellt", meint Digel. Die wirtschaftliche Situation des Landes und der Bevölkerung, gesellschaftliche Kommunikationsinhalte, Aspekte der Sozialstruktur wie Bevölkerungsgröße und -entwicklung, die Altersstruktur, Religion, all das ist verflochten mit dem System des Hochleistungssports und dessen Effektivität.

Auf einer zweiten Untersuchungsebene, die tiefer in die organisatorischen Strukturen geht, betrachten Digel und Burk eine Vielzahl von Einzelkategorien. Historische Besonderheiten und die olympische Tradition werden hier beleuchtet, aber auch die Art der Finanzierung, die Talentsuche und -förderung, Sportstätten, Trainer und Athleten selbst. Auch die Bekämpfung des Doping-Problems, das es bereits in der Antike gab, fällt in diesen Untersuchungsrahmen. Eine dritte Ebene befasst sich dann mit der Betrachtung der Umwelt des Hochleistungssports: Wirtschaftsinteressen, die Funktion der Massenmedien als Mediator, der Beitrag der Politik und die Funktionen der Wissenschaft für den sportlichen Erfolg. Auch in der Wichtigkeit der Medien hat Digel große Unterschiede festgestellt, ein direkter Vergleich sei jedoch schwierig: So hat Italien drei tägliche Sportzeitungen, aber kein Abonnentensystem bei Tageszeitungen, wie es bei uns üblich ist. Hier wird direkt am Kiosk gekauft. In Deutschland dagegen leben die Medien vom Sportteil der Tageszeitungen und auch in England gibt es keine eigenen Sportzeitungen. Dafür übersteigt im englischen Fernsehen die Sportberichterstattung mit 30.819 Stunden im Jahr 1999 alles, was in Deutschland oder in Italien in diesem Jahr gezeigt wurde. Großbritannien lag mit einem Anteil von 23,2 Prozent auch in der europäischen Fernsehsportberichterstattung weit vor allen anderen Nationen, was allerdings in erster Linie dem digitalen Pay-TV Sender BskyB zuzuschreiben ist, der 1999 allein 20.000 Stunden Sport offerierte. Überhaupt ist, so Digel, ein Vergleich zwischen den einzelnen Nationen nicht unproblematisch. Er ist als abschließende Studie zum Ende des Jahres als Veröffentlichung geplant, doch dürfen hier "Äpfel nicht mit Birnen verglichen werden", und das ist nicht immer leicht. Mangelnde Transparenz an der einen, oder Imitationsprozesse an der anderen Stelle sowie starke Unterschiede in Kultur und Gesellschaft machen eine Interpretation der erhobenen Daten und einen direkten Vergleich schwierig. Die Systeme der einen Kultur lassen sich eben nicht ohne weiteres auf eine andere übertragen.

Das zeigte sich übrigens auch auf der praktischen Ebene: so waren "Kooperationsvereinbarungen", die in China und Russland mit finanziellem Aufwand betrieben werden mussten, ein "für unsere Verhältnisse eher ungewohntes Vorgehen der Recherche", berichtet Digel. Auch die sprachlichen Hindernisse waren hier am stärksten, trotz Auswahl von Tutoren mit einem besonderen Interesse an der jeweiligen Nation und entsprechenden Kenntnissen. Doch auch die USA verhielten sich nicht so kooperativ, wie Digel es von einer offenen Gesellschaft erwartet hätte. "Das kompetitive Element war hier wohl so stark ausgeprägt, dass man das Gefühl hatte, sie wollten sich nicht in die Karten sehen lassen," sagt der Forscher. Dabei können von der Studie eigentlich alle nur profitieren, denn was die genaue Kenntnis der gegnerischen Strukturen betrifft, scheinen alle Olympianationen Nachholbedarf zu haben.

Die Ergebnisse der Forschungen werden auch in einer mehrbändigen Buchreihe, der "Edition Sport International", veröffentlicht.

Nähere Informationen:

Institut für Sportwissenschaft
Wilhelmstraße 124, 72074 Tübingen
Prof. Helmut Digel, Tel. 07071 - 29784-24
Verena Burk, Tel. 07071 - 29784-25
Fax 07071 - 292078

Michael Seifert | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html

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