Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Was kostet Alkoholmissbrauch? Neue Studie zur Kostenrechnung alkoholassoziierter Krankheiten

08.05.2003


Ökonomische Kriterien sind zu entscheidenden Faktoren im Gesundheitswesen geworden. Die effektive Verteilung der vorhandenen Finanzmittel setzt genaue Kenntnisse der ökonomischen Bedeutung von Krankheiten und deren Risiken voraus. Detaillierte Antworten auf die Frage nach den Kosten alkoholbedingter Krankheiten bietet nun eine Studie, die im Rahmen einer Dissertation am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin entstand.



Die Autoren Kerstin Horch und Eckardt Bergmann erstellten erstmals eine komplexe Kostenrechnung alkoholassoziierter Krankheiten in Deutschland. Die volkswirtschaftlichen Kosten betragen danach rund 20 Milliarden Euro pro Jahr. 42.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Der Ressourcenverlust durch vorzeitigen Tod beträgt ungefähr sieben Milliarden Euro. Etwa gleich hoch sind die Aufwendungen für Behandlung und Betreuung. Die ermittelten Daten eignen sich für europäische Vergleiche mit dem Programm der Weltgesundheitsorganisation "Verringerung der durch Alkohol, Drogen und Tabak verursachten Schäden". Die Arbeit "Kosten alkoholassoziierter Krankheiten" ist jetzt in der Reihe "Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes" erschienen. Sie kann im Internet kostenlos angefordert werden.



Die Analyse von Horch und Bergmann basiert auf umfangreichen Statistiken (u.a. Todesursachen, Krankenhausdiagnosen, Arbeitsunfähigkeit, Rehabilitation, Rentenzugang) sowie weiteren Erhebungen zur Bevölkerungsstruktur, Erwerbstätigkeit, Einkommenssituation, Sterbegeschehen, aber auch zur Sozial- und Suchthilfe. Über 90 alkoholassoziierte Krankheiten wurden hinsichtlich der Ausgaben für Behandlung und Betreuung berücksichtigt, ebenso die Ressourcenausfälle, also der volkswirtschaftliche Verlust durch Krankheit und vorzeitigen Tod. Im Beobachtungszeitraum 1993 bis 1995 wurden keine wesentlichen Veränderungen festgestellt, so dass von einem konstanten Problem ausgegangen wird.

Die Berechnungen sind mit anderen Krankheitskostenstudien vergleichbar und entsprechen internationalem Standard. Der Gesamtverlust von gut 20 Milliarden Euro ergibt sich aus direkten und indirekten Kosten. Zum direkten Ressourcenverbrauch (knapp 7,9 Milliarden Euro) tragen hauptsächlich stationäre und ambulante Behandlungen und Rehabilitationen sowie Vorbeugung und Betreuung bei. Hierher gehören aber auch die Kosten, die zum Beispiel durch Arbeitsunfälle, Sachschäden, Krankentransporte oder Verwaltungsausgaben und Forschung entstehen. Die indirekten Ressourcenverluste (über 12 Milliarden Euro) werden vor allem durch den Arbeitsausfall, die Frühberentung und den Tod erwerbstätiger Menschen bestimmt.

Aus der detaillierten Datenanalyse alkoholassoziierter Krankheiten ergeben sich beachtenswerte Aspekte. Da Männer häufiger als Frauen zu riskantem Alkoholkonsum neigen und gleichzeitig ein höheres Durchschnittseinkommen erwirtschaften, verursachen sie den Hauptteil der Kosten. Das gilt auch für die direkten Kosten der Rehabilitation: Männer sind durchschnittlich 14 Tage länger als Frauen in der stationären Rehabilitation (Entwöhnungsbehandlung). Die Auswertungen der Mortalität und Morbidität ergaben, dass Alkohol in riskanten beziehungsweise gefährlichen Mengen vor allem in mittleren Lebensjahren konsumiert wird. Zwar konnten Kerstin Horch und Eckardt Bergmann nicht nach sozialen Schichten unterscheiden. Doch entsprechend dem Ressourcenverlust verursacht der besser verdienende Alkoholiker deutlich höhere ökonomische Belastungen als der "arme Schlucker".

Die Sozialwissenschaftler betonen, dass aber schon für die jüngere Bevölkerung mit gravierenden gesundheitlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen gerechnet werden muss. Aus ihrer Sicht müsste zunächst im Sinne der Primärprävention der Alkoholkonsum eingeschränkt werden. Dazu können unter anderem strukturelle Maßnahmen wie Abgabenerhöhungen oder Durchsetzung von gesetzlichen Einschränkungen (Einhaltung von Altersgrenzen) beitragen. Mehr Mitverantwortung bei Bedienungs- und Verkaufspersonal ist ihrer Meinung nach ebenfalls notwendig. Das alles kann aber nur im Einklang mit der öffentlichen Meinung umgesetzt werden, betonen Horch und Bergmann. Darüber hinaus sollten die Früherkennung verbessert, Ärzte im ambulanten Bereich stärker für Alkoholprobleme sensibilisiert und Therapiekonzepte evaluiert werden.

Weitere Informationen erteilen:

Dr. Kerstin Horch
Tel.: 01888 - 754 3344
E-Mail: HorchK@rki.de

Dr. Eckardt Bergmann
Tel.: 01888 - 754 33 43
E-Mail: BergmannE@rki.de

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.rki.de/gbe/gbe.htm

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie