Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Alter schützt vor Straftat nicht - Berliner CRIME Studie untersucht die Lebensverläufe Straffälliger

27.10.2000


Der Einstieg in die Kriminalität ist keine reine Jugenderscheinung. Die CRIME Studie ergab, dass Erststraftaten auch im fortgeschrittenen Alter nicht ungewöhnlich sind. Nun wollen die Wissenschaftler prüfen, welchen besonderen Einfluss biographische Faktoren auf die kriminellen Lebensverläufe haben. Ziel des Projektes ist es, Methoden zu entwickeln, um Rückfalldelinquenz und Effektivität von sozialtherapeutischen Maßnahmen über lange Zeitverläufe vorhersagen zu können.

Während sich bisherige Untersuchungen meist auf Phänomene der Jugendkriminalität konzentrierten, haben die FU-Wissenschaftler um Dr. Klaus-Peter Dahle des Institutes für Forensische Psychiatrie seit 1976 die Lebensverläufe von fast 400 männlichen deutschen ehemaligen Strafgefangenen analysiert, die heute durchschnittlich rund 54 Jahre alt sind. Die Erstuntersuchung bestand aus dem Studium der Gerichtsakten, aus psychologischen Tests, Einzelbefragungen sowie körperlichen und neurologischen Befunden. Danach wurden anhand der Gefangenenakten die Haftverläufe rekonstruiert und mit Hilfe des Bundeszentralregisters (BZR) die weitere strafrechtliche Entwicklung bis heute nachgezeichnet.

Im Ergebnis dieser Langzeituntersuchung differenziert Klaus-Peter Dahle fünf typische Formen von Lebensverläufen: Die sog. Späteinsteiger (13%) fallen in ihrer Jugend strafrechtlich nicht auf, der Ersteintrag im BZR erfolgt durchschnittlich mit 24 Jahren. Am kriminell aktivsten sind sie zwischen dem 35. und 40. Lebensjahr. Doch auch danach nimmt die Zahl ihrer meist schweren Diebstähle, Betrugs- und anderer Vermögensdelikte kaum ab.

Auch die Gelegenheitstäter (47%) beginnen mit rund 25 Jahren eher spät, sich kriminell zu verhalten. Bei ihnen sind im Lauf ihres Lebens entweder wenige schwere Straftaten - meist Betrugs-, Wirtschafts- und Vermögensdelikte -, oder aber viele kleinere Verstöße im Strafregister verzeichnet.

Die Jungaktiven (16%) haben ihre aktivste Delinquenzphase schon im Jugend- und frühen Erwachsenenalter, wobei Häufigkeit und Schwere der Straftaten bereits vor dem 25. Lebensjahr deutlich abnimmt.

Die Gruppe der Altersbegrenzten Intensivtäter (11%) steigert hinsichtlich Anzahl und Schwere der Delikte bis zum 30. Lebensjahr ihre schon in der Kindheit und frühen Jugend begonnene kriminelle Karriere. Danach bricht sie weitgehend ab, nach dem 35. Lebensjahr finden sich kaum noch Straftaten. Auffällig ist hier das relativ abrupte Ende der Aktivitäten.

Die sog. Persistenten Intensivtäter (13%) zählen schließlich in jeder Lebensphase zu den aktivsten Straffälligen. Im Durchschnitt haben sie bislang 20 Einträge im BZR (u.a. schwere Raub-, Erpressungs- oder Sexualdelikte) und mit 17 Jahren mehr als dreimal so viel Lebenszeit im Strafvollzug verbracht wie die Täter aller übrigen Gruppen.

In der nächsten Erhebungsstufe wollen die Forscher anhand von Einzelauswertungen ermitteln, ob moderne Kriminalprognosemethoden für die Langzeitvorhersage krimineller Rückfälle brauchbar sind. Anschließend sind individuelle Nachbefragungen der Untersuchungsgruppe unter dem Aspekt vorgesehen, inwieweit kritische Ereignisse wie Krankheit, Unfall etc., aber auch positive Erfahrungen wie Berufseinstieg oder Partnerschaft die kriminelle Entwicklung beeinflussen können und ob es Indikatoren gibt, die eine Vorhersage über Rückfallrisiken über sehr lange Zeiträume gestatten.

Die Autoren sind aufgrund der bisherigen Ergebnisse zuversichtlich, dass die differenzierte Lebensverlaufsforschung auch langfristige Prognosen darüber zulässt, unter welchen Bedingungen Haftentlassene erneut straffällig werden und welche Interventionsmaßnahmen für die unterschiedlichen Tätergruppen am effektivsten sind. Das Forschungsprojekt wird in den kommenden zwei Jahren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Literatur:
Klaus-Peter Dahle, Straffälligkeit im Lebenslängsschnitt. In: Kröber/Dahle (Hgg.), Sexualstraftaten und Gewaltdelinquenz. Verlauf-Behandlung-Opferschutz. Kriminalistik Wissenschaft & Praxis, Heidelberg, 1998, S.47-55.

Nähere Informationen erteilt Ihnen gern:

... mehr zu:
»BZR »CRIME »Lebensverlauf »Straftat

Dr. Klaus-Peter Dahle, Institut für Forensische Psychiatrie, Limonenstraße 27, 12203 Berlin, Telefon 030-8445-1417, E-Mail: dahle@zedat.fu-berlin.de

Carmen Tschirkov

Anke Ziemer | idw

Weitere Berichte zu: BZR CRIME Lebensverlauf Straftat

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Molekül entscheidet über Freundschaften
19.07.2016 | Max-Planck-Institut für Psychiatrie

nachricht Diagnosen: Wann sind mehrere Ärzte besser als einer?
19.07.2016 | Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher entwickeln quantenphotonischen Schaltkreis mit elektrischer Lichtquelle

Optische Quantenrechner könnten die Computertechnologie revolutionieren. Forschern um Wolfram Pernice von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster sowie Ralph Krupke, Manfred Kappes und Carsten Rockstuhl vom Karlsruher Institut für Technologie ist es nun gelungen, einen quantenoptischen Versuchsaufbau auf einem Chip zu platzieren. Damit haben sie eine Voraussetzung erfüllt, um photonische Schaltkreise für optische Quantencomputer nutzbar machen zu können.

Ob für eine abhörsichere Datenverschlüsselung, die ultraschnelle Berechnung riesiger Datenmengen oder die sogenannte Quantensimulation, mit der hochkomplexe...

Im Focus: First quantum photonic circuit with electrically driven light source

Optical quantum computers can revolutionize computer technology. A team of researchers led by scientists from Münster University and KIT now succeeded in putting a quantum optical experimental set-up onto a chip. In doing so, they have met one of the requirements for making it possible to use photonic circuits for optical quantum computers.

Optical quantum computers are what people are pinning their hopes on for tomorrow’s computer technology – whether for tap-proof data encryption, ultrafast...

Im Focus: Quantenboost für künstliche Intelligenz

Intelligente Maschinen, die selbständig lernen, gelten als Zukunftstrend. Forscher der Universität Innsbruck und des Joint Quantum Institute in Maryland, USA, loten nun in der Fachzeitschrift Physical Review Letters aus, wie Quantentechnologien dabei helfen können, die Methoden des maschinellen Lernens weiter zu verbessern.

In selbstfahrenden Autos, IBM's Watson oder Google's AlphaGo sind Computerprogramme am Werk, die aus Erfahrungen lernen können. Solche Maschinen werden im Zuge...

Im Focus: Synthese-chemischer Meilenstein: Neues Ferrocenium-Molekül entdeckt

Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) haben zusammen mit Kollegen der Freien Universität Berlin ein neues Molekül entdeckt: Die Eisenverbindung in der seltenen Oxidationsstufe +4 gehört zu den Ferrocenen und ist äußerst schwierig zu synthetisieren.

Metallocene werden umgangssprachlich auch als Sandwichverbindungen bezeichnet. Sie bestehen aus zwei organischen ringförmigen Verbindungen, den...

Im Focus: Neue Entwicklungen in der Asphären-Messtechnik

Kompetenzzentrum Ultrapräzise Oberflächenbearbeitung (CC UPOB) lädt zum Expertentreffen im März 2017 ein

Ob in Weltraumteleskopen, deren Optiken trotz großer Abmessungen nanometergenau gefertigt sein müssen, in Handykameras oder in Endoskopen − Asphären kommen in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Laser für Neurochirurgie und Biofabrikation - LaserForum 2016 thematisiert Medizintechnik

27.09.2016 | Veranstaltungen

Ist Vergessen die Zukunft?

27.09.2016 | Veranstaltungen

Von der Probe zum digitalen Modell - MikroskopieTrends ´16

26.09.2016 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Nanotechnologie für Energie-Materialien: Elektroden wie Blattadern

27.09.2016 | Physik Astronomie

Ultradünne Membranen aus Graphen

27.09.2016 | Physik Astronomie

Ein magnetischer Antrieb für Mikroroboter

27.09.2016 | Biowissenschaften Chemie