Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Folgen des Klimawandels für die Nahrungsmittel- und Trinkwassersicherung in Russland

12.02.2003


Wenn Russland das Kyoto Protokoll zum Klimaschutz ratifiziert, wie Präsident Putin es in Johannesburg auf dem Weltumweltgipfel versprochen hat, würde es damit einen ausschlaggebenden Beitrag zu seiner eigenen Nahrungsmittelsicherung und Wasserverfügbarkeit im kommenden Jahrhundert leisten.



Dies zeigt eine neue Studie, die gemeinsam vom Wissenschaftlichen Zentrum für Umweltsystemforschung der Universität Kassel, der Fakultät für Geografie der Universität Moskau und dem Zentrum für Ökologie und Forstbau der Russischen Akademie der Wissenschaften erstellt wurde. Die Ergebnisse werden am Donnerstag, den 13. Februar in der deutschen Botschaft in Moskau im Rahmen des wissenschaftlichen Vortragsprogramms der Botschaft vorgestellt.



Diese Studie bestätigt, dass es auf Grund des globalen Klimawandels im Durchschnitt in Russland wärmer und feuchter wird. Das führte zu der Meinung, dass die russische Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren würde. Obwohl dies in einigen Teilen des Landes zutreffen mag, zeigt die neue Studie, dass es besonders in den Hauptanbaugebieten des Landes trockener werden dürfte, so dass wesentlich öfter Ernteeinbrüche zu erwarten sind. Insofern wäre die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls durch Russland nicht nur ein positiver Beitrag zum Klimaschutz, sondern auch ein Beitrag zum Selbstschutz und zur Nahrungssicherung des Landes.

Nur 15 von insgesamt 89 administrativen Regionen der Russischen Föderation sind wichtige Agrarexportgebiete und versorgen den Rest des Landes mit Grundnahrungsmitteln; sie spielen entsprechend eine wichtige Rolle in der Nahrungsmittelsicherung des Landes. Ungefähr die Hälfte der gesamten russischen Agrarproduktion heutzutage stammt aus diesen Regionen. Die Klimaszenarien zeigen, dass es in diesen sowie anderen Regionen Russlands wärmer wird, aber sie zeigen ebenfalls, dass es speziell in diesen Hauptanbaugebieten trockener werden könnte. Einige der Klimaszenarien berechnen in diesen Gebieten eine Abnahme der durchschnittlichen Niederschlagsmenge von bis zu 50% zwischen dem durchschnittlichen Normalklima (1961 - 1990) und dem voraussichtlichen Klima im Jahr 2020. Dieses wärmere und trockenere Klima wird die Produktionsmöglichkeiten wichtiger Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Kartoffeln, Mais und Gerste gefährden.

In dieser neuen Studie haben Wissenschaftler berechnet, dass das Produktionspotential in den Hauptagraranbaugebieten um 5 - 20% bis zum Jahr 2020 abnehmen wird. Bis zum Jahr 2070 ist sogar ein Rückgang um 30 - 40% (bezogen auf die heutigen Durchschnittswerte) zu befürchten. Noch größere Rückgänge sind in einzelnen Regionen durchaus möglich. Unter heutigen Klimabedingungen kommt es in 10 Jahren durchschnittlich alle ein bis drei Jahre in den Hauptanbaugebieten zu erheblichen Ernteausfällen (abhängig von der Region). Unter veränderten Klimabedingungen muss für einige Gebiete bis 2020 mit einer Verdoppelung der Häufigkeit von schlechten Ernteergebnissen gerechnet werden und bis 2070 sogar mit einer Verdreifachung. Zusätzlich erhöht sich das Risiko, dass es in mehreren Hauptanbaugebieten gleichzeitig zu Ernteeinbrüchen kommt. Während heutzutage 58 Millionen Menschen in Gebieten leben, in denen regelmäßig Missernten auftreten, kommt die Studie zu dem Schluss, dass sich diese Zahl im Jahr 2020 auf 77 Millionen und im Jahr 2070 sogar auf 141 Millionen erhöhen wird.

Für die Wasserreserven des Landes sieht es nach den Ergebnissen der Studie ähnlich aus. Obwohl eine Niederschlagszunahme zu erhöhtem Abfluss in den Flüssen und einer höheren Grundwassererneuerung führen wird, und so den allgemeinen Druck auf die Wasserreserven vermindern dürfte, kommt es in den Hauptanbaugebieten zu einer Wasserverknappung. Im Südwesten des Landes ist Wasser sowieso schon knapp, und die Studie zeigt, dass es hier durch häufigere Niedrigwasserereignisse öfter zu Engpässen kommen wird. Auf der anderen Seite kann auch der erhöhte Wasserabfluss in anderen Gebieten zu einem erhöhten Risiko von Überschwemmungen führen.

Im Gegensatz zur herkömmlichen Einschätzung hat diese Studie gezeigt, dass Russland nicht nur nicht von einem wärmeren Klima profitiert sondern sogar erhebliche negative Konsequenzen erleiden könnte. Obgleich es durchaus Strategien gibt, sich an ein sich wandelndes Klima anzupassen, wäre es für Russland trotzdem wichtig, dabei mitzuwirken, dass die Treibhausgasemissionen weltweit gesenkt werden, um seine eigene Nahrungsmittel- und Wasserversorgung zu gewährleisten. Um das Kyoto Klimaprotokoll endlich umzusetzen, bedarf es nur noch der Ratifizierung eines großen Landes wie Russland, das hierbei den Ausschlag geben könnte.

Die Studie über die "Folgen des Klimawandels für die Nahrungsmittel- und Trinkwassersicherung in Russland" unter Leitung von Prof. Dr. Joseph Alcamo, Direktor des wissenschaftlichen Zentrums für Umweltsystemforschung der Universität Kassel, und Prof. Dr. Genady Golubev, Professor an der Fakultät für Geografie der Universität Moskau und ehemaliger stellvertretender Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen UNEP, wurde diese Woche abgeschlossen. An der Studie wirkten Wissenschaftler vom Wissenschaftlichen Zentrum für Umweltsystemforschung der Universität Kassel sowie von der Fakultät für Geografie der Universität Moskau und dem Zentrum für Ökologie und Forstbau der russischen Akademie der Wissenschaften mit. Die Studie wurde mit Mitteln der Max-Planck-Gesellschaft und der Humboldt Stiftung finanziert. Der Projektleiter Dr. Alcamo hatte 1998 den Max-Planck Forschungspreis gewonnen und mit den dotierten Mitteln dieses Preises das Projekt unterstützt.

Infos zum Thema:

Universität Kassel
Wissenschaftliches Zentrum
für Umweltsystemforschung
Prof. Dr. Joseph Alcamo

Dr. Karl-Heinz Simon
Telefon: 0561 - 804 2273
E-mail: simon@usf.uni-kassel.de

Ingrid Hildebrand | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften