Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Aktuelle Studie zum Antibiotikaeinsatz in Deutschland

04.02.2003


Einst galten Antibiotika als Wunderwaffe gegen Infektionen. Doch ihr großzügiger Einsatz hat viele Erreger resistent gemacht. Eine gemeinsame Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) und des Universitätsklinikums Freiburg analysiert kritisch die Antibiotikaverordnungen in Deutschland und zeigt, wie Antibiotika gezielter eingesetzt werden können. Auch wenn in Deutschland im europäischen Vergleich der Verbrauch von Antibiotika relativ niedrig ist, besteht kein Grund zur Entwarnung. In einer zunehmend mobilen Gesellschaft kennen resistente Erreger keine nationalen Grenzen. Damit Antibiotika auch zukünftig noch wirken, muss lokal gehandelt und global gedacht werden.

Ein sorgloser und unangemessener Einsatz von Antibiotika führt dazu, dass Bakterien zunehmend gegen Antibiotika resistent werden. Auch für Deutschland scheint es eine Frage der Zeit zu sein, wann die Resistenzen verstärkt auftreten: Große regionale Unterschiede im Antibiotikaverbrauch sowohl bei der verordneten Menge als auch bei den verordneten Wirkstoffen begünstigen die Tendenz. Insbesondere Ärzte in den alten Bundesländer verordnen deutlich mehr Antibiotika als in den östlichen Regionen. "Im Saarland hat im Jahr 2001 jeder Versicherte rund 6,3 Tage Antibiotika verordnet bekommen. Das ist fast doppelt soviel wie ein Versicherter in Sachsen, der im gleichen Zeitraum mit knapp 3,5 Tagen ausgekommen ist. Ob hierbei Morbiditätsunterschiede eine Rolle spielen oder vielmehr regionale Verordnungsgewohnheiten der Ärzte und eine unterschiedliche Erwartungshaltungen der Patienten wirken, kann nur vermutet werden", so Helmut Schröder vom WIdO.

Antibiotika wirken bei Bakterien aber nicht bei Viren. Untersuchungen zeigen jedoch, dass beispielsweise in 80 Prozent der Erkältungsfälle trotzdem Antibiotika eingesetzt werden. Am Beispiel der häufigen Antibiotikaverordnungen bei Kindern stellt sich ebenfalls die Frage nach dem indikationsgerechten Einsatz. So erkranken Kinder besonders häufig an Mittelohrentzündungen. Das erfordert nicht in allen Fällen eine Antibiotikabehandlung, sondern heilt vielfach auch ohne Antibiotikagabe folgenlos aus. "Es liegen keine Erkenntnisse vor, ob der Einsatz von Antibiotika immer leitliniengerecht erfolgt", so Prof. Kern vom Universitätsklinikum Freiburg. Allein im Jahr 2001 haben mehr als 3 Millionen Kinder bis zu einem Alter von 10 Jahren im Durchschnitt eine 14tägige Antibiotikatherapie erhalten.

Ist eine Antibiotikatherapie angezeigt, spielt die Wahl des Wirkstoffs eine wichtige Rolle. Dabei sollte aufgrund der steigenden Resistenzen zunächst auf bewährte Antibiotika zurückgegriffen werden. Jede dritte deutsche Antibiotikaverordnung im Jahr 2001 fiel jedoch auf ein Reserveantibiotikum und begünstigt damit eine Resistenzentwicklung gegen die hochwirksamen Substanzen. Sie sollten aber nur bei schwerwiegenden Erkrankungen oder bei schon bestehenden Resistenzen eingesetzt werden.

Die vorliegende differenzierte Analyse bringt Licht ins Dunkel der Antibiotikaverordnungen in Deutschland und fragt nach dem Nutzen und Risiko der Antibiotikatherapie. Nur wenn die "goldene" Regel - so wenig wie nötig und so gezielt wie möglich - bei jeder Antibiotikaverordnung berücksichtigt wird, kann sicher gestellt werden, dass Antibiotika noch lange wirken.

Die Studie ist ab sofort im WIdO erhältlich.

J. Günther, W. V. Kern, K. Nink, H. Schröder, K. de With: Solange sie noch wirken ... - Analysen und Kommentare zum Antibiotikaverbauch in Deutschland



Wissenschaftliches Institut der AOK


Kortrijker Str. 1
53177 Bonn
Tel.: 02 28/84 33 93

Fax: 02 28/84 31 44
email: wido@wido.aok.bv.de

| ots

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie