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Der Neue Markt wird beerdigt - Gab es tatsächlich nur schwarze Schafe im IT-Segment?

20.11.2002


Fünf Jahre nach dem Start des Neuen Marktes ist das einst hoch gelobte Wachstums-Segment der Deutschen Börse in eine noch nie da gewesene Krise geraten. Der Neue Markt entwickelte sich innerhalb von nur zwei Jahren vom Liebling der Investoren zum Schwarzen Schaf der Börsenwelt und zog infolge der negativen Grundstimmung sogar solide Unternehmenswerte in Mitleidenschaft.



Die Deutsche Börse AG reagierte aufgrund der wachsenden Kritik und des negativen Images des einstigen Stars am deutschen Börsenhimmel mit der Entscheidung, bis Ende nächsten Jahres den Neuen Markt "zu beerdigen". Die Deutsche Börse kommt damit der Forderung und dem Wunsch vieler Marktteilnehmer nach, die Spreu vom Weizen zu trennen. Gute und solide Unternehmen, die sich nicht vor der Einhaltung hoher Standards scheuen, erhalten einen Upgrade in das neue Segment "Prime Standard". Die restlichen Unternehmen werden sich zukünftig in der Kategorie "General Standard" wiederfinden.



Angesichts der aktuellen Ereignisse hat Deloitte & Touche in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule München eine differenziertere Betrachtung der IT-Unternehmen am Neuen Markt vorgenommen und nun die Ergebnisse anhand einer Studie vorgelegt. Untersucht wurden 81 Unternehmen der Bereiche IT-Services, Software und Internet.

"Mit dieser Studie geben wir denen Informationen, die sich auch zukünftig mit Technologieunternehmen beschäftigen wollen, und möchten einen Beitrag zum besseren Verständnis dieser Unternehmen leisten," so Andreas Pohl, Geschäftsführer Deloitte & Touche Corporate Finance GmbH. Pohl weiter "Die Untersuchung soll helfen, die negative Grundstimmung zu einer positiven umzuschwenken, und zeigen, dass nicht alle Unternehmen des Neuen Marktes über einen Kamm geschoren werden können. Es gibt durchaus noch solide, erfolgreiche und profitable Unternehmen."

Analysiert wurden verschiedene Erfolgskriterien der einzelnen Unternehmen und deren Auswirkung auf die Kursentwicklung. Erstaunlicherweise gaben sich die Unternehmer sehr offen bei der Beantwortung der gestellten Fragen:

  • Ein Grossteil der Unternehmen gesteht ein, in der Vergangenheit strategische Fehler in bezug auf Controlling und Unternehmensführung begangen zu haben.

  • 40% der befragten Unternehmen sagen, sie hätten sich von der allgemeinen Markteuphorie zu Akquisitionen verleiten lassen, die sie aus heutiger Sicht nicht tätigen würden. Laut unserer Befragung bezeichneten im Jahr 2000 noch mehr als 50% der Unternehmen ihre Expansionspolitik als aggressiv, heute weniger als 20%.

  • Zu beobachten ist eine Besinnung der Unternehmer auf neue Bescheidenheit und Realitätsnähe, insbesondere in bezug auf Einschätzung der eigenen Marktstellung und Wachstumsperspektiven.

  • Die Unternehmen scheinen aus ihren Fehlern gelernt und Konsequenzen daraus gezogen zu haben. Insbesondere fällt deutlich auf, dass Unternehmen sich auf ihre Kernkompetenzen, den Ausbau des Wettbewerbsvorteils sowie eine gemäßigte Expansionspolitik besinnen.

  • 41% aller befragten Unternehmen schreiben mittlerweile wieder schwarze Zahlen auf EBITDA-Ebene.

Es besteht eine sehr starke direkte Korrelation zwischen operativem Geschäftserfolg und der langfristigen Entwicklung des Aktienkurses seit dem Zeitpunkt der Emission. Neun von zehn Unternehmen mit dem relativ stabilsten Kursverlauf seit IPO gehören auch zu den zehn erfolgreichsten Unternehmen auf EBITDA-Ebene. Die Studie zeigt deutlich, dass die New Economy letztendlich am erfolgreichsten mit den Regeln der Old Economy gefahren ist. Erfolgreich behaupten konnten sich vor allem Unternehmen mit den Zielrichtungen typischer Unternehmen der Old Economy:

  • Fokussierung auf Kernkompetenzen

  • Fokussierung auf gesundes Wachstum und Profitabilität

  • Angemessene Expansions- und Akquisitionsstrategie mit Fokus auf Synergieeffekte

Obwohl sämtliche Unternehmen in den Abwärtssog des Neuen Marktes gerissen wurden, konnten gerade die soliden, profitablen Unternehmen mit einem auf Wachstum ausgerichteten Geschäftsmodell die Verluste der Investoren begrenzen. Logische Folge war, dass der Markt gute solide Unternehmensführung honorierte.

Die Feststellungen der Studie betonen die Wichtigkeit einer differenzierten Betrachtung des Neuen Marktes. Danach müssen allgemeine negative Aussagen über den Neuen Markt vermieden werden. Dennoch scheint das Image des Neuen Marktes nachhaltig beschädigt, und den soliden Unternehmen soll nun die Möglichkeit gegeben werden, sich in dem neu entstehenden Segment "Prime Standard" in neuem Glanz zu präsentieren.

Die beständigen Unternehmen, die die sich der negativen Sogwirkung entziehen können, werden die Schaffung des neuen Segmentes "Prime Standard" mit höheren Standards begrüßen.

Dr. Andreas Pohl | Deloitte & Touche GmbH

Weitere Berichte zu: EBITDA-Ebene Economy Expansionspolitik Unternehmensführung

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