Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Studie gibt Auskunft: Wie wählen Neubürger?

30.08.2002


Politikwissenschaftler Andreas M. Wüst untersucht politische Einstellungen von Neubürgern - Rund zwei Drittel der eingebürgerten Türken wählen SPD und etwa drei Viertel der Russlanddeutschen CDU/CSU

Zur bevorstehenden Bundestagswahl 2002 sind über 61 Millionen Bürger berechtigt, ihre Stimmzettel abzugeben - darunter 2,75 Millionen so genannte Neubürger. Mit knapp 200 000 Einbürgerungen pro Jahr wächst der Anteil dieser Personengruppe an der wahlberechtigten Bevölkerung seit Mitte der neunziger Jahre kontinuierlich an. Der Politikwissenschaftler Andreas M. Wüst, der seit 1999 als Lehrbeauftragter am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg lehrt, hat sich in seiner soeben publizierten Dissertation eingehend mit politischen Einstellungen von Neubürgern und ihrem Wahlverhalten beschäftigt.

Die Grundlage der Studie bilden Umfragedaten. Zunächst wurden im Januar und Februar 1999 insgesamt 378 Eingebürgerte in Heidelberg interviewt. Von Februar bis Dezember 1999 konnten weitere 660 Eingebürgerte im Rahmen der ZDF-Politbarometer von der Forschungsgruppe Wahlen bundesweit befragt werden. Der Autor ist um größtmögliche Transparenz bemüht, denn sowohl die Fragenprogramme als auch die methodischen Details der Datenerhebung und -aufbereitung werden offengelegt.

Große innere Differenzierungen

Andreas M. Wüst untersuchte zunächst, wie sich die heterogene Gruppe eingebürgerter Personen zusammensetzt. Dabei werden in vielen Merkmalen signifikante Unterschiede bei den wichtigsten Neubürgergruppen deutlich: Die größte Teilgruppe der Neubürger bilden demnach Aussiedler, für die jedoch wiederum, abhängig vom Herkunftsland, eine große innere Differenzierung festzustellen ist. So unterscheiden sich vor allem Rumänien- von Russlanddeutschen. Insbesondere Russlanddeutsche zeigen erhebliche Defizite im Hinblick auf Sprachkompetenz und soziale Integration.

Rumäniendeutsche sind sehr viel besser in Deutschland integriert, doch auch eingebürgerte Türken schneiden bei der Integration gut ab. Diese Integrationsvorteile machen sich vor allem bei der politischen Informiertheit und der politischen Partizipation bemerkbar, mit denen sich der Politikwissenschaftler im Anschluss an die Charakterisierung der Neubürger beschäftigt. Eingebürgerte ehemals türkischer und ehemals rumänischer Staatsangehörigkeit kennen Parteien und Politiker deutlich besser als Russlanddeutsche: Auch das Politikinteresse ist in jenen Gruppen weitaus höher. Die Rückstände der Russlanddeutschen, so urteilt der Autor, sind beträchtlich - doch aufgrund der Daten besteht berechtigte Hoffnung, dass diese mit längerem Aufenthalt in Deutschland, wenn auch nur langsam, abnehmen werden.

Erhebliche Unterschiede im Wahlverhalten

Die Gemeinsamkeiten zwischen Rumäniendeutschen und eingebürgerten Türken enden spätestens bei der Parteipräferenz und beim Wahlverhalten, die Schwerpunkt der Analysen des Autors sind. Der Migrationshintergrund beeinflusst in ganz erheblichem Maße politische Einstellungen. Mögliche intervenierende Faktoren wie Geschlecht, Alter, Berufsgruppenzugehörigkeit, der Integrationsgrad und viele andere können den starken Zusammenhang zwischen ehemaliger Staatsbürgerschaft und parteipolitischer Präferenz nicht auflösen. So bevorzugt die Mehrheit der Arbeiter und Protestanten unter den Neubürgern nicht die SPD, sondern die CDU/CSU, weil diese Neubürger überwiegend Russlanddeutsche sind. Dagegen schneidet die SPD vergleichsweise gut bei den Selbständigen ab, denn in dieser Gruppe befinden sich viele Türkischstämmige.

Die Unterschiede zwischen der Wahlabsicht der Russlanddeutschen, die derzeit noch die größte Gruppe eingebürgerter Personen stellen, und derjenigen eingebürgerter Türken, deren Anteil kontinuierlich wächst, sind letzten Endes immens. Rund zwei Drittel der eingebürgerten Türken wählen SPD und etwa drei Viertel der Russlanddeutschen CDU/CSU.

Alle Differenzierungen erscheinen, so schlussfolgert Andreas M. Wüst, auch im Zeitverlauf äußerst stabil. Noch liegt der Anteil an der wahlberechtigten Bevölkerung bei 4,5 Prozent - da jedes Jahr 150 000 bis 200 000 Personen neu eingebürgert würden, rechnet der Autor mit einer zunehmenden Bedeutung dieser Gruppe für die Wahlergebnisse. Er plädiert für eine stärkere Berücksichtigung des Migrationshintergrundes in Wahlanalysen. Unter dem Titel "Wie wählen Neubürger? Politische Einstellungen und Wahlverhalten eingebürgerter Personen in Deutschland" ist die Dissertation soeben im Verlag Leske+Budrich (24,90 Euro) erschienen.
Carmen S. Freihaut

Rückfragen bitte an:
Dr. Andreas M. Wüst
Tel. 0621 1812878, Fax 1812880 
andreas.wuest@urz.uni-heidelberg.de

Dr. Michael Schwarz | idw

Weitere Berichte zu: CDU/CSU Eingebürgert Russlanddeutsche Wahlverhalten

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise