Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schwerbehindert und trotzdem fähig und fit für den Beruf? - Arbeitsmarktuntersuchung des IAT

14.08.2002


Sozialrechtliche Konstrukte überdecken die Vielfalt von beruflichen Schicksalen: "Außer dem Ausweis haben sie wenig gemein..."

Wer schwerbehindert ist, ist noch lange nicht berufsunfähig - und die überwiegende Mehrheit der Schwerbehinderten in Deutschland will arbeiten und ist auch - oder war - erwerbstätig. "Weniger das Etikett "Schwerbehinderung" als vielmehr die Schul- und Berufsausbildung bilden den Schlüssel zu Berufsschicksal und Erwerbstätigkeit," stellt Prof. Heiner Treinen, Gastwissenschaftler am Institut Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen), im soeben erschienenen IAT-Report 2002-07 fest. Wie eine repräsentative Untersuchung zur beruflichen Situation schwerbehinderter Menschen im Auftrag des Ministeriums für Arbeit und Sozialordnung und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und ihrer Freunde (BAG cbf) zeigt, besitzt ein Großteil schwerbehinderter Menschen professionelle Fähigkeiten und übt einen Beruf aus.

Insgesamt sind mehr als 50 Prozent der in der Studie Befragten berufstätig; weniger als 10 Prozent waren es noch nie (dabei 3,2 Prozent Auszubildende mitgerechnet). Ca. 80 Prozent der Berufstätigen sind im "ersten Arbeitsmarkt" beschäftigt; in geförderten Beschäftigungen befinden sich ca. 20 Prozent, vorwiegend Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Werkstätten für Behinderte. Nicht erwerbstätige Befragte finden sich vor allem in den höheren Altersgruppen: 48 Prozent der Nicht-Erwerbstätigen sind älter als 50 Jahre; ein Großteil von ihnen leidet unter spät erworbenen Schwerbehinderungen. Die als arbeitslos gemeldeten Schwerbehinderten rekrutieren sich mehrheitlich aus dieser Kategorie; allerdings streben lediglich 24 Prozent von ihnen tatsächlich einen Arbeitsplatz an. "Hier zeigt sich, dass "Arbeitslosigkeit" ein sozialrechtliches Konstrukt mit vielfältigen Inhalten über die Registrierung der Arbeitssuche hinaus darstellt, das kaum eine realistische Einschätzung des Potenzials von Nachfragern nach Arbeit erlaubt", so Treinen.

Im Gegensatz zu landläufigen Meinungen ist weniger das Etikett "Schwerbehinderung" als vielmehr die schulische und berufliche Ausbildung der Schlüssel zu Berufsschicksal und Erwerbstätigkeit. Der Bildungsstand der Befragten (ohne geistig und lernbehinderte Befragte) entspricht dem der Gesamtbevölkerung; der Anteil behinderter Menschen ohne Hauptschulabschluss ist sogar niedriger. Schon beim Einstieg ins Berufsleben türmen sich jedoch Barrieren: behindertengerechte Ausstattungen in Ausbildungseinrichtungen fehlen zumeist, so dass schwerbehinderte Schüler und Auszubildende - insbesondere Blinde, Gehörlose und Rollstuhlfahrer - trotz vorhandener kognitiver Voraussetzungen häufig am Unterricht nicht teilnehmen können.

Die Art der Behinderung ist auch entscheidend für die Art des Beschäftigungsverhältnisses: Während erwerbstätige gehbehinderte, gehörlose und psychisch behinderte Menschen sowie Rollstuhlfahrer zu mehr als 80 Prozent einer regulären Beschäftigung nachgehen, gilt dies für lernbehinderte Arbeitnehmer lediglich in einer Größenordnung von etwa 40, bei geistig Behinderten von etwa 30 Prozent. Die Mehrzahl der Schwerbehinderten dieser Kategorien sind in verschiedenen Arten geförderter Beschäftigung, vor allem in Behindertenwerkstätten tätig.

Die Berufstätigkeit schwerbehinderter Menschen ist vor allem vom aktuellen Alter, dem Alter bei Eintritt der Behinderung sowie vom Grad schulischer und beruflicher Ausbildung abhängig. Im beruflichen Alltag und im direkten Kontakt mit den Arbeitskollegen schwinden Vorurteile oder kommen erst gar nicht auf: die Befragten betonen zu einem hohen Prozentsatz das problemfreie, gute Verhältnis zu Kollegen am Arbeitsplatz. Wenn von Problemen berichtet wird, dann beziehen sich diese überwiegend auf Beziehungen zu Vorgesetzten oder auf Erfahrungen bei der Jobsuche.

Ob schwerbehinderte Arbeitnehmer beschäftigt werden oder nicht, scheint weitgehend von der Einstellung der Firmenleitungen abhängig zu sein. Wer unvertraut mit schwerbehinderten Menschen ist, assoziiert eher voraussichtliche Schwierigkeiten beim Umgang mit ihnen; dies gilt auch für Arbeitgeber, vor allem im mittelständischen Bereich. Erwartete Diskriminierungen schlagen sich in der Selbsteinschätzung der Behinderten nieder: In den Augen der Mehrheit von schwerbehinderten Menschen sind am Arbeitsplatz Zuverlässigkeit und freundliche Zurückhaltung gegenüber Kollegen gefragt; zur Bewältigung des Alltags hingegen kommt die durchaus vorhandene eigene Kreativität und Flexibilität bei der Umgehung von Barrieren und der Aktivierung der nichtbehinderten Umwelt zum Tragen.

Die Definition "Schwerbehinderung" ist eine amtliche Festlegung, die als Hilfestellung für Menschen mit schweren Handicaps dient, sie hat jedoch eine Nebenwirkung: sie "etikettiert" die Betroffenen als Personen, denen man die individuelle Bewältigung zentraler Lebensaufgaben, vor allem im Beruf, kaum zutraut. Der Vielfalt der Lebensläufe und dem Selbstverständnis über die Einsatzfähigkeiten behinderter Menschen wird dieses sozialrechtliche Konstrukt nicht gerecht. Die Untersuchungsergebnisse zeigen deutlich, dass schwerbehinderte Berufstätige sich nicht als eine Sonderkategorie der Bevölkerung betrachten: "Schwerbehinderte" als Kategorie von Menschen mit ähnlichen Eigenschaften gibt es nicht. Schwerbehinderte Berufstätige vergleichen sich mit Berufskollegen und nicht mit anderen behinderten Arbeitnehmern; sie betonen überdies ausdrücklich die Fähigkeit zu ’normalen’ Arbeitsleistungen. Die Krankheitsstatistik stützt diese Selbsteinschätzung: Krankheitsbedingte Fehlzeiten sind bei nicht behinderten und schwerbehinderten Berufstätigen gleich häufig.

Der IAT-Report von Heiner Treinen "Außer dem Ausweis haben sie wenig gemein...- Schwerbehinderte Menschen auf dem Arbeitmarkt" ist unter http://iat-info.iatge.de/iat-report/2002/report2002-07.pdf kostenlos erhältlich.

Für weitere Fragen steht
Ihnen zur Verfügung:
Prof. Dr. Heiner Treinen
Kontakt: treinen@iatge.de.

Claudia Braczko | idw
Weitere Informationen:
http://iat-info.iatge.de/iat-report/2002/report2002-07.pdf
http:///iat-info.iatge.de/

Weitere Berichte zu: Behindert Berufstätig Konstrukt Schwerbehindert

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie