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Die Mär vom Aufschwung, der mit der Autobahn kommt

31.07.2008
Geographin von der Universität Jena untersucht Regionalentwicklung an der Autobahn A 38

"Blühende Landschaften" werden längst nicht mehr beschworen, doch noch immer hält sich die Vorstellung hartnäckig, der Ausbau von Verkehrswegen ziehe automatisch den Aufschwung nach sich.

Ein vermeintlicher Selbstläufer, den es kritisch zu hinterfragen gilt. Unternommen hat das die Diplom-Geographin Claudia Heise von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. In ihrer Diplomarbeit untersuchte Heise die sozio-ökonomischen Auswirkungen der Südharzautobahn A 38 in Nordthüringen.

"Für die Ansiedlung neuer Industriebetriebe ist die Autobahn ein hilfreicher Faktor", sagt Heise. Jedoch reiche die neue Trasse keineswegs aus, Unternehmen in die Region zu locken. Zahlreiche weitere Faktoren seien notwendig, erfolgreich Firmengründungen anzustoßen. Dazu zählen ein intensives Werben um potenzielle Investoren, niedrige bürokratische Hürden, eine wirtschaftsfreundliche Finanz-, Steuer- und Förderpolitik sowie die Sicherung des Fachkräftebedarfs.

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Bislang haben sich die Erwartungen an die segensreichen Auswirkungen der neuen Autobahn nicht erfüllt. Noch kein auswärtiges Unternehmen siedelte sich entlang der A 38 neu an. Einheimische Unternehmen jedoch modernisieren ihre Betriebe, um auf dem nationalen und internationalen Markt vor neuer Konkurrenz bestehen zu können. Erreicht doch die Konkurrenz dank der Autobahn die Region rascher. "Die industrielle und gewerbliche Wirtschaft entwickelt sich gut", sagt Heise. Die gestiegene Zahl von Unternehmen reiche jedoch nicht aus, die Abwanderung der erwerbsfähigen Bevölkerung zu stoppen. "Wir beobachten einen klaren Rückgang der Bevölkerung, der auf negativen Geburtenraten und erhöhten Abwanderungszahlen beruht", sagt Heise. Ausnahmen seien die Mittel- und Unterzentren, wozu die Kreisstädte gehören.

Hier wird ein verstärktes Einpendeln beobachtet - die Autobahn erleichtert den Weg zu Arbeits- und Ausbildungsorten. In diesem Zusammenhang beobachten die Forscher verstärkt Suburbanisierung, das heißt in den Gemeinden im Umland der Mittelzentren steigt die Einwohnerzahl durch Zuzug.

Insgesamt gibt es in Nordthüringen deutlich mehr Aus- als Einpendler. Dieses verstärkte Auspendeln wurde bereits in den 1970-er Jahren bei Untersuchungen an neuen Autobahnen in der Schweiz nachgewiesen und es gilt auch für die A 38. Es kann dazu führen, dass Auspendler sich entscheiden, die Region ganz zu verlassen. Für andere, insbesondere Besitzer von Wohneigentum, sinkt durch günstige Verkehrsverbindungen der Druck, sich andernorts niederzulassen. "Eigentlich gilt, dass Eigentum stabilisiert", sagt Prof. Dr. Peter Sedlacek.

Der Lehrstuhlinhaber für Wirtschaftsgeographie und Regionalentwicklung der Friedrich-Schiller-Universität hat die Diplomarbeit Claudia Heises betreut. Eigentum stabilisiert, heiße konkret, wer ein Häuschen sein eigen nennt, bleibt eher der Heimat verbunden als der Bewohner einer Mietwohnung.

Die sogenannte Südharzautobahn verbindet die Wirtschaftsräume Halle-Leipzig und Kassel-Göttingen. Erste Planungen für die Trasse begannen 1991, die Autobahn soll Ende 2009 fertig gestellt werden. Aktuell behindern juristische Auseinandersetzungen um einige Teilstücke den Fortgang der Arbeiten.

Für ihre Studie befragte Claudia Heise leitende Mitarbeiter in den Wirtschaftsförderungsämtern der Landkreise entlang der Autobahn. "Die Resonanz war hervorragend, etwa 70 Prozent meiner Fragebögen wurden ausgefüllt zurückgesandt", sagt Heise. Involviert waren die Landkreise Eichsfeld, Kyffhäuserkreis, Nordhausen und der Unstrut-Hainich-Kreis. Zeitlich erstreckt sich die Studie auf die Zeit von 1991 bis 2007, also vom Beginn der Planungen bis zu den ersten Betriebsjahren auf einigen Streckenabschnitten.

Insgesamt kommt Claudia Heise zu dem Schluss, dass die Studie zunächst eine Momentaufnahme ist. Erst in der Zukunft werde sich erweisen, wie sich die Südharzautobahn in das bestehende Struktursystem Nordthüringens eingliedert und ob sie fördernd oder hemmend auf die soziale und wirtschaftliche Situation des Gebiets einwirkt.

Kontakt:
Prof. Dr. Peter Sedlacek / Dipl.-Geographin Claudia Heise
Institut für Geographie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Löbdergraben 32, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 948831 oder 0174 7606704
E-Mail: peter.sedlacek[at]uni-jena.de / claudiaheise[at]web.de

Stephan Laudien | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

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