Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mathe doch kein Jungenfach

23.07.2008
Psychologinnen der Universität Jena testen Kinder und Jugendliche auf Geschlechterstereotype

Frauen und Technik - das passt nicht zusammen! Die Frau gehört an den Herd und schmeißt den Haushalt, der Mann verdient das Geld und ernährt die Familie - solche Ansichten sind in manchen Köpfen noch fest verankert. Ihre Wurzeln reichen oft bis in die früheste Kindheit zurück. Auch in der Schule findet man solche klischeehaften Vorstellungen häufig. Mathematik gilt dort normalerweise als Jungen-, Deutsch als Mädchenfach.

Überraschend ist, dass dieses stereotype Denken offenbar bei Mädchen ausgeprägter ist als bei Jungen, wie Dr. Petra Jelenec von der Friedrich-Schiller-Universität Jena jetzt festgestellt hat. Die Psychologin hat das Phänomen der impliziten, also automatischen, Geschlechterstereotype im Rahmen ihrer Dissertation genauer unter die Lupe genommen und herausgefunden, dass Mädchen die Geschlechter automatisch stärker mit den Schulfächern assoziieren. Bei Jungen konnte sie diese spontane Verknüpfung dagegen nicht nachweisen.

Für ihre erste Studie untersuchte Petra Jelenec Grundschüler der 4. und Gymnasialschüler der 7. und 9. Klassen, mit jeweils gleichem Anteil von Jungen und Mädchen. Mit einem standardisierten Computertest ermittelte die Psychologin, wie sehr die insgesamt 535 Schülerinnen und Schüler Mathe spontan mit Jungen und gleichzeitig Deutsch spontan mit Mädchen verknüpfen.

"Erstaunlich waren die unterschiedlichen Ergebnisse bei Mädchen und Jungen", so die Wissenschaftlerin von der Universität Jena, die den Grund dafür in einem zweiten Test mit insgesamt 200 Gymnasialschülerinnen und -schülern der 9. Klasse untersuchte. Dabei wollte sie herausfinden, ob sich die von ihr festgestellten stärkeren automatischen Geschlechterstereotype bei Mädchen auf Mathe oder Deutsch beziehen. Mit Hilfe einer weiteren Testvariante stellte Petra Jelenec fest, dass Jungen sowohl Mathe als auch Sprache mit ihrer eigenen Geschlechtsgruppe verbinden, den Mädchen jedoch keines von beiden Fächern zuordnen. "Jungen nehmen demnach keine Einteilung in Mädchen- und Jungenfach vor. Vielmehr trauen sie sich offenbar beide Fächer zu", interpretiert Jelenec die Untersuchungsergebnisse. "Das erklärt auch, warum wir im ersten Test nur bei Schülerinnen Geschlechterstereotype feststellen konnten", erläutert die Psychologin von der Universität Jena weiter.

Mädchen zeigten dagegen im zweiten Test eine starke Assoziation ihres eigenen Geschlechts mit Deutsch. Mathe ordneten sie jedoch weder Jungen noch Mädchen zu. "Zwar scheint es auf den ersten Blick positiv, dass Mathematik für Mädchen kein ausgesprochenes Jungenfach ist. Allerdings scheinen Mädchen auch keine positiven spontanen Assoziationen zwischen Mathematik und ihrem eigenen Geschlecht aufbauen zu können", schließt die Wissenschaftlerin aus den Ergebnissen. Das könnte ihrer Meinung nach ein Indikator dafür sein, dass sich Mädchen und Frauen in mathespezifischen Fragen leichter verunsichern lassen. "Wenn Mädchen zum Beispiel in einem Mathematiktest an das Klischee 'Mathe ist eine Jungensache' erinnert werden, kann sie das durchaus beeinträchtigen und zu einer schlechteren Prüfungsleistung führen", so Jelenec. Solche Befunde haben sowohl ihre eigenen Studien als auch die anderer Forscherteams ergeben.

"In den von uns durchgeführten Tests bilden die Probanden oft ab, was sie sehen. Daher ist es gut möglich, dass sie Stereotype auch unbewusst von ihrer Umwelt, wie Eltern, Lehrern und Schulkameraden, übernommen haben", nennt Petra Jelenec mögliche Ursachen und fügt hinzu, dass die spontane Assoziation dabei nicht unbedingt immer an die persönliche Zustimmung zu dem Stereotyp gebunden ist.

Die Jenaer Psychologin fand bei Mädchen der 7. und 9. Klassen außerdem systematische Zusammenhänge zwischen ihren automatischen Geschlechtsstereotypen und ihren Schulleistungen sowie den Wahlabsichten für Deutsch und Mathematik für die Oberstufe. Die Ursachen und die Veränderbarkeit dieser automatischen Geschlechterstereotype wollen die Wissenschaftler der Universität Jena in einem zukünftigen Forschungsprojekt untersuchen.

Kontakt:
Dr. Petra Jelenec
Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Am Steiger 3 / Haus 1, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945113
E-Mail: Petra.Jelenec[at]uni-jena.de

Manuela Heberer | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wiederverwendung von IT- und Kommunikationsgeräten schont Klima und Ressourcen
23.02.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Klimawandel verstärkt Selenmangel
21.02.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie