Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erstmals wirksame Therapie gegen Kaufsucht

22.07.2008
Erfolgreicher Abschluss der Erlanger Kaufsucht-Studie: Nahezu jedem zweiten Patienten konnte mit einer speziellen Therapie geholfen werden, das exzessive Kaufverhalten in den Griff zu bekommen.

"Mit unserer Studie konnten wir in Deutschland erstmals eine wirksame Therapie gegen Kaufsucht wissenschaftlich nachweisen", sagte Studienleiterin Dr. Astrid Müller aus der Psychosomatischen und Psychotherapeutischen Abteilung am Universitätsklinikum Erlangen (Leiterin: Prof. Dr. Martina de Zwaan) heute (22.07.2008) auf einer Pressekonferenz am Uni-Klinikum Erlangen.

Das an der University of North Dakota (USA) entwickelte und in Erlangen erstmals für Deutschland umfassend getestete ambulante Gruppen-Therapiemodell wurde von November 2003 bis Mai 2007 an insgesamt 51 Frauen und 9 Männern im Alter zwischen 20 und 61 Jahren angewendet. Um den Erfolg der Therapie nachzuweisen, nahmen die Patienten an Fragebogenuntersuchungen und psychologischen Interviews teil.

Der kulturspezifische Verhaltensexzess "pathologisches Kaufen" (Kaufsucht) ist meistens ein langjähriges, heimliches Leiden, das bei den Betroffenen und ihren Angehörigen zu einem enormen Leidensdruck führt. Die meisten Betroffenen leiden zusätzlich unter Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen, Alkoholmissbrauch, Essstörungen und Impulskontrollstörungen. "Obwohl in den alten Bundesländern rund acht Prozent und in den neuen Bundesländern sechs Prozent der Bürger als "stark kaufsuchtgefährdet" eingestuft werden können, wird das Problem immer noch übersehen oder bagatellisiert", sagte Dr. Müller. Studien würden zeigen, dass prinzipiell alle Bevölkerungs- und Einkommensschichten betroffen sind.

Jüngere Menschen scheinen gefährdeter zu sein als ältere, Frauen eher als Männer. In Deutschland habe es bis jetzt keine einzige Therapiestudie zu diesem Thema gegeben. "Angesichts der stark wachsenden Kaufsuchtgefährdung in Deutschland müssen dringend wirksame Behandlungsangebote angeboten und von den Krankenkassen finanziert werden", forderte die Erlanger Psychologin.

Verschiedene Ausprägungen der Kaufsucht

Das Spektrum der Kaufsucht sei weit gestreut. Betroffene hätten von täglichen Kaufattacken, vom Kauf ganz spezieller oder mehrfach gleicher Artikel oder nutzloser, unsinniger Dinge berichtet. Generell würden kaufsüchtige Frauen eher Kleidung, Schuhe, Kosmetik, Lebensmittel und Haushaltsgeräte favorisieren. Männer hingegen eher moderne Technikartikel, Sportgeräte, Autozubehör und Antiquitäten. Meistens würden die gekauften Dinge nicht benutzt, sondern gehortet oder an nahe Bezugspersonen verschenkt oder einfach vergessen werden. "In der Regel geht es um das Lusterleben während des Kaufaktes. Schon beim Bezahlen treten schlechtes Gewissen und Schuldgefühle auf.

Die Betroffenen können sich nach dem Kauf meis­tens nicht mehr über die erstandenen Waren freuen. Manchmal scheinen die Betroffenen auch die durch Kaufsituationen entstandenen Kontakte zum Verkaufspersonal zu genießen", erläuterte Dr. Müller. Die exzessiven, unangemessenen Einkäufe führen zu immensen Schulden und oft sogar zu Strafverfahren.

Krankhafte Kauflust ist seit Anfang des Jahrhunderts bekannt

Die "krankhafte Kauflust" oder "Oniomanie" wurde bereits Anfang des Jahrhunderts vom Leipziger Psychiater Emil Kraeplin (1909) beschrieben. Wesentlich später interessierten sich kanadische, amerikanische und deutsche Konsumforscher für dieses Phänomen und seine Nachweisbarkeit mittels quantitativer Erhebungsinstrumente. Die Erfolg versprechenden Ergebnisse der wenigen offenen Medikamentenstudien zur Behandlung der Kaufsucht (z. B. mit Antidepressiva) konnten bisher durch kontrollierte Studien nicht bestätigt werden.

Außerdem wird von sehr hohen Abbruchraten (bis zu 60 Prozent) berichtet. Bereits Kraeplin zählte das pathologische Kaufen zu den Impulskontrollstörungen. In diese Gruppe von Störungen gehören auch das pathologische Spielen, die Trichotillomanie (Zwanghaftes Ausreißen der eigenen Haare), die Pyromanie und die Kleptomanie.

Ab Herbst 2008 wird eine neue Therapiegruppe am Uni-Klinikum Erlangen angeboten. Weiterbildungsangebote für ambulante Therapeuten sind ebenfalls in Planung. Eine Selbsthilfegruppe wurde in Fürth gegründet. Weitere Infos: http://www.psychosomatik.uk-erlangen.de.

Ute Missel | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-erlangen.de/
http://www.psychosomatik.uk-erlangen.de

Weitere Berichte zu: Impulskontrollstörung Kaufsucht

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften