Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vom Kampf gegen den Glimmstängel

14.07.2008
An der TU Chemnitz wurde der Tabakkonsum von Jugendlichen und erwachsenen Risikogruppen untersucht - Raucherambulanz Chemnitz plant Spezialkurse

Tabak ist die weitest verbreitete Droge in Deutschland - auch unter Jugendlichen: "Nach aktuellen Daten rauchen rund 20 Prozent der Elf- bis 17-Jährigen", berichtet Dr. Daniela Piontek, die nach ihrem Psychologiestudium an der TU Chemnitz zum Thema "Tabakkonsum bei Jugendlichen und erwachsenen Risikopopulationen. Einflussfaktoren und Ansätze zu Prävention und Intervention" promovierte.

Betreut wurde ihre Arbeit von Prof. Dr. Udo Rudolph, Inhaber der Professur Allgemeine Psychologie und Biopsychologie. Warum fangen Jugendliche an zu rauchen? Was können Schulen unternehmen, um die Zahl der qualmenden Schüler zu verringern? Diesen Fragen näherte sich Piontek durch eine Befragung an 40 weiterführenden Schulen im Freistaat Bayern.

Ihre Dissertation - die mit der Bestnote "summa cum laude" bewertet wurde - basiert auf einer Studie vom Institut für Therapieforschung in München, wo Piontek seit 2004 arbeitet, durchgeführt in Kooperation mit dem Kultusministerium und dem Gesundheitsministerium in Bayern sowie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Im zweiten Teil der Arbeit untersuchte die 27-jährige TU-Absolventin das Rauchverhalten von drei erwachsenen Risikogruppen: Alkoholabhängige, Mütter und Patienten, deren Gesundheit unter dem Tabakkonsum schon deutlich gelitten hat.

... mehr zu:
»Rauchverbot »Tabakkonsum

Rauchverbot an Schulen zahlt sich aus

"Wir haben erstmals in Deutschland systematisch die Tabakpolitik an Schulen untersucht und mit den Einflüssen anderer sozialer Systeme kombiniert", schätzt Piontek die Bedeutung der Studie ein. Befragt wurden die Schulleiter oder Suchtbeauftragten zur Rauchpolitik an ihren Einrichtungen sowie rund 3.000 Schüler zu ihrem Rauchverhalten und ihrem sozialen Umfeld, also ihrer Familiensituation und ihrem Freundeskreis.

Zur Zeit der Datenerhebung - im Sommer 2005 - gab es in Bayern noch kein allgemeines Rauchverbot an Schulen. Dieses wurde erst im Schuljahr 2006/2007 gesetzlich eingeführt - zu recht, wie Piontek einschätzt: "Unsere Studie hat ergeben, dass ein Rauchverbot zu einem niedrigeren Risiko führt, dass Schüler anfangen zu rauchen. Denn den Jugendlichen wird dadurch klar gemacht, dass das Rauchen nicht erwünscht ist - sowohl unter den Schülern als auch unter den Lehrern - und dass es keine Ausnahmen gibt."

Eben diese Konsequenz sei sehr wichtig und deshalb auch eine wichtige Errungenschaft der inzwischen in vielen Bundesländern eingeführten Rauchverbote an Schulen: "Schon vorher gab es oft ein Rauchverbot für Schüler, zumindest für die jüngeren, aber die Lehrer durften rauchen, wenn auch in abgetrennten Räumen. Für die Schüler entstand dadurch ein merkwürdiges Bild und es gab mehrdeutige Botschaften - keine guten Voraussetzungen dafür, dass ein Jugendlicher nicht anfängt zu rauchen", so Piontek.

Eine noch größere Vorbildfunktion als die Lehrer und die Eltern hat jedoch der Freundeskreis, so ein weiteres Ergebnis der Studie. Wichtig dabei sind vor allem das Rauchverhalten des besten Freundes und die Zahl der rauchenden Freunde. Auch positive Vorbildfunktionen können im Freundeskreis ausgelöst werden: Wenn aus einer Clique ein Mitglied aufhört zu rauchen, kann dies eine Initialzündung sein, die auch andere Gruppenangehörige dazu bewegt, nicht mehr zu qualmen.

Und was kann nun eine Schule unternehmen, um den Tabakkonsum unter Schülern gering zu halten? "Es braucht eine Kombination aus strukturellen und personenorientierten Maßnahmen", sagt Piontek und erklärt: "Neben einem konsequenten Rauchverbot müssen die Widerstandsfähigkeit und die Lebenskompetenz der Jugendlichen geschult werden. Sie müssen lernen, Versuchungen zu widerstehen, wenn sie etwa eine Zigarette angeboten bekommen. Ihnen müssen Möglichkeiten vermittelt werden, wie sie in einer solchen Situation reagieren können und wie es ihnen gelingt, standhaft zu bleiben."

Rauchen als Stressbewältigung

Während die Forscher bei Jugendlichen versuchen, die Zahl der Rauch-Anfänger zu reduzieren, zielen sie bei Erwachsenen hauptsächlich auf die Entwöhnung. Vor allem, wenn die Raucher zu einer der drei Risikogruppen gehören, die Piontek in ihrer Doktorarbeit untersuchte: alkoholabhängige Patienten in der stationären Rehabilitation - hier sind rund 80 Prozent und damit überdurchschnittlich viele der Betroffenen Raucher -, Mütter, die neben ihrer eigenen Gesundheit auch die ihrer Kinder negativ beeinflussen, und Patienten, die an chronischen Krankheiten leiden, die durch das Rauchen ausgelöst wurden.

Bei diesen drei Gruppen ist eine Rauchentwöhnung einerseits besonders wichtig - andererseits aber auch besonders schwierig: "Das Rauchen wird von diesen Personen häufig zur Stressbewältigung eingesetzt. Sie haben Schwierigkeiten mit ihrer Gesundheit, sind dadurch belastet und haben gelernt, durch das Rauchen ihren Stress zu reduzieren oder auch Nebenwirkungen von Medikamenten abzumildern", erklärt Piontek und ergänzt: "Vor allem bei Alkoholikern kommt noch der kommunikative Aspekt hinzu: In den Suchtrehakliniken treffen sich die Raucher etwa in speziellen Inseln auf dem Klinikgelände und haben hier eine Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. Sie gehören zu einer Gruppe, was für sie sehr wichtig ist."

Vor einem Tabakentwöhnprogramm muss bei diesen Zielgruppen deshalb zunächst die Motivationsarbeit stehen. Und auch nach der Entwöhnung sind diese Personengruppen problematischer als andere: "Die Aufrechterhaltung der Abstinenz ist extrem schwierig. Wir haben in unserer Studie die telefonische Nachsorge als einen Ansatz untersucht, der helfen könnte, die Abstinenz länger durchzuhalten. Hier wären aber noch weitere Studien wünschenswert, um genauer herauszufinden, was tatsächlich am meisten wirkt", blickt Piontek in die Zukunft. Die besten Chancen, dauerhaft vom Zigarettenqualm los zu kommen, habe jedenfalls, wer Unterstützung aus seinem sozialen Umfeld erhält und wer andere Möglichkeiten findet, Stress zu bewältigen.

Die Ergebnisse der Studie werden auch einfließen in das Angebot der Raucherambulanz Chemnitz, die seit Anfang 2008 Entwöhnungskurse für Erwachsene und jugendliche Raucher durchführt. "Mittelfristig sollen Spezialkurse etwa für Schwangere und deren Partner oder für Patienten mit Lungen-, Herz-Kreislauf- oder Gefäßkrankheiten angeboten werden. Darüber hinaus planen wir regelmäßige Auffrisch-Kurse sowie unentgeltliche Ehemaligentreffen der rauchfreien Teilnehmer", sagt Prof. Dr. Stephan Mühlig, Inhaber der Professur Klinische Psychologie an der TU Chemnitz, Leiter der Raucherambulanz und Gutachter der Dissertation von Daniela Piontek.

Weitere Informationen erteilt Dr. Daniela Piontek, Telefon 089 360804-82,
E-Mail piontek@ift.de.

Katharina Thehos | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-chemnitz.de/
http://www.raucherambulanz-chemnitz.de

Weitere Berichte zu: Rauchverbot Tabakkonsum

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Weltweit erste Therapiemöglichkeit für Kinderdemenz CLN2 entwickelt
25.04.2018 | Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

nachricht Tabakrauchen verkalkt Arterien stärker als reiner Cannabis-Konsum
11.04.2018 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics