Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mehr Produktivitätswachstum durch weniger Kündigungsschutz

24.06.2008
Fachkräftemangel und rückläufige Erwerbsbevölkerung erfordern ein ganzes Bündel von betrieblichen und politischen Anpassungsmaßnahmen. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Steigerung der Arbeitsproduktivität. Sie ist schon heute für die Hälfte des Wirtschaftswachstums pro Kopf in den OECD-Staaten verantwortlich. Anhand umfassender OECD-Daten belegt eine heute vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) veröffentlichte Studie, dass sich ein zu umfangreicher Kündigungsschutz deutlich negativ auf das Produktivitätswachstum auswirkt.

Dass das Niveau des Kündigungsschutzes unmittelbare Auswirkungen auf unternehmerisches Verhalten hat, leuchtet ein. Im Gegensatz zu den Beschäftigungseffekten des Kündigungsschutzes sind die Konsequenzen für die betriebliche und gesamtwirtschaftliche Produktivität aber noch weitgehend unerforscht. Prinzipiell könnten sie sowohl negativer als auch positiver Natur sein.

In negativer Hinsicht kann zu viel Kündigungsschutz die Firmen daran hindern, flexibel auf Nachfrageschwankungen und Strukturwandel zu reagieren oder die Risiken zu bewältigen, die mit der Entwicklung und Markteinführung neuer Produkte verbunden sind. Nicht von ungefähr setzen Unternehmen in Ländern mit geringem Kündigungsschutzniveau, wie z.B. in Großbritannien oder den USA, deutlich stärker auf die Entwicklung neuer Technologien und verfügen über eine oft größere Dynamik.

Zugleich kann ein überhöhtes Ausmaß an Kündigungsschutz negative Arbeitsanreize für die Beschäftigten zur Folge haben und ihre Produktivität herabsetzen, wie das IZA jüngst zeigen konnte (http://ftp.iza.org/dp3435.pdf). Ebenso sind aber auch positive Produktivitätseffekte eines ausgebauten Kündigungsschutzes denkbar, denn bei einer tendenziell längerfristigen Bindung der Arbeitnehmer an die Firmen steigen für beide Seiten die Anreize, in firmenspezifisches Humankapital, also z.B. in Weiterbildungsmaßnahmen, zu investieren.

Ob in der Praxis die positiven oder negativen Produktivitätseffekte überwiegen, untersuchte nun eine Forschergruppe um IZA-Fellow Luca Nunziata (Universität Padua). Gemeinsam mit den OECD-Experten Andrea Bassanini und Danielle Venn wertete Nunziata umfangreiche Daten aus den OECD-Ländern für den Zeitraum 1982 bis 2003 aus. Erstmals konnten dabei auch branchenspezifische Analysen vorgenommen werden. Ausmaß und Veränderung des Kündigungsschutzniveaus berücksichtigten die Forscher anhand von OECD-Indikatoren, die jedem Staat einen Wert auf einer Skala von 0 (kaum Kündigungsschutz) bis 6 (sehr starker Kündigungsschutz) zuweisen.

Für Branchen mit ausgeprägtem Wettbewerbsdruck, starkem Strukturwandel oder großer Innovationsabhängigkeit ermittelt die Studie einen auffallend negativen Zusammenhang zwischen Produktivitätswachstum und Ausmaß des gesetzlichen Kündigungsschutzes. Rein rechnerisch würde hier ein Rückgang des Kündigungsschutzniveaus um nur einen Punkt auf der Skala zu einem Produktivitätsschub von bis zu 0,40 Prozentpunkten führen. Die Veränderung des Produktivitätswachstums lässt sich dabei insbesondere auf Reformen des Kündigungsschutzes für reguläre Beschäftigungsverhältnisse zurückführen, während die Auswirkungen liberaler Regelungen bei der Zeitarbeit weitgehend zu vernachlässigen sind.

"Die Studie zeigt, dass gerade Deutschland dringend eine Reform des Kündigungsschutzes braucht. Zeitarbeit und befristete Beschäftigung sind hierfür kein Ersatz. Wenn man den Kündigungsschutz durch gesetzlich klar geregelte Ansprüche auf faire Abfindungszahlungen ersetzt, schafft das den nötigen Handlungsspielraum für die Unternehmen und sorgt für mehr Produktivitätswachstum. Zugleich entstehen Qualifizierungsanreize auf betrieblicher Ebene, und die Interessen der Arbeitnehmer werden besser geschützt als durch die heutige, unnötig komplizierte Rechtslage", so IZA-Experte Werner Eichhorst.

Der Volltext der englischsprachigen Studie ist kostenlos über die IZA-Homepage abrufbar:

Andrea Bassanini, Luca Nunziata, Danielle Venn:
Job Protection Legislation and Productivity Growth in OECD Countries
IZA Discussion Paper No. 3555 - http://ftp.iza.org/dp3555.pdf
Pressekontakt:
Dr. Werner Eichhorst
Stellv. Direktor Arbeitsmarktpolitik
IZA, Postfach 7240, 53072 Bonn
Tel.: (0228) 3894-531
E-Mail: eichhorst@iza.org

Holger Hinte | idw
Weitere Informationen:
http://www.iza.org
http://ftp.iza.org/dp3435.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Erste großangelegte Genomstudie prähistorischer Skelette aus Afrika
27.09.2017 | Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Max Planck Institute for the Science of Human History

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Salmonellen als Medikament gegen Tumore

HZI-Forscher entwickeln Bakterienstamm, der in der Krebstherapie eingesetzt werden kann

Salmonellen sind gefährliche Krankheitserreger, die über verdorbene Lebensmittel in den Körper gelangen und schwere Infektionen verursachen können. Jedoch ist...

Im Focus: Salmonella as a tumour medication

HZI researchers developed a bacterial strain that can be used in cancer therapy

Salmonellae are dangerous pathogens that enter the body via contaminated food and can cause severe infections. But these bacteria are also known to target...

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Konferenz IT-Security Community Xchange (IT-SECX) am 10. November 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Luftfracht

23.10.2017 | Veranstaltungen

Ehrung des Autors Herbert W. Franke mit dem Kurd-Laßwitz-Sonderpreis 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Magma sucht sich nach Flankenkollaps neue Wege

23.10.2017 | Geowissenschaften

Neues Sensorsystem sorgt für sichere Ernte

23.10.2017 | Informationstechnologie

Salmonellen als Medikament gegen Tumore

23.10.2017 | Biowissenschaften Chemie