Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vielversprechender Wirkstoff ohne Wirkung?

23.06.2008
Studie der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg: Rückenschmerz und Bewegungsfähigkeit unabhängig von Entzündungsbotenstoff

Die Hoffnung auf eine neue Gruppe von Wirkstoffen gegen Rückenschmerz ist durch das Ergebnis einer Studie an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg getrübt worden: Der körpereigene Entzündungsbotenstoff TNF-alpha hat - anders als bisher angenommen - vermutlich keinen Einfluss auf Schmerzen und Bewegungsfähigkeit.

In internationalen Expertenkreisen hatte man bislang große Hoffnungen in die Therapie mit neuen biologischen Wirkstoffen gesetzt, die den Botenstoff hemmen. Die Heidelberger Ergebnisse, die im renommierten Fachmagazin "The Clinical Journal of Pain" veröffentlicht wurden, stellen nun die Behandlungsoption mit dem Wirkstoff TNF-alpha-Blocker in Frage.

TNF-alpha-Blocker erfolgreich bei chronischen Entzündungen

... mehr zu:
»Rückenschmerz

TNF-alpha-Blocker sind Medikamente, die gezielt den körpereigenen Botenstoff TNF-alpha hemmen, der bei einigen chronisch-entzündlichen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielt. Sie werden bei Patienten mit schwerer rheumatoider Arthritis, Morbus Bechterew oder der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn bereits erfolgreich eingesetzt.

Akute und chronische Rückenschmerzen sind weit verbreitet: Rund 30 Millionen, also mindestens jeder dritte Bundesbürger, klagen einmal im Jahr darüber. Vom akuten zum chronischen Leiden ist der Weg oft nicht weit. Der volkswirtschaftliche Ausfall liegt schätzungsweise bei 20 Milliarden Euro pro Jahr.

Multidisziplinärer Therapieansatz gegen Rückenschmerzen

In der Studie verfolgten die Heidelberger erstmals den Blutspiegel von TNF-alpha bei Rückenschmerzpatienten über einen Zeitraum von sechs Monaten. Die Patienten, die zuvor erfolglos mit medizinischen Standardtherapien behandelt worden waren, nahmen an einem multidisziplinären Therapieansatz teil. Er umfasst neben Krankengymnastik, Rückentraining und Ergotherapie auch Gruppen- und Einzelpsychotherapie. Medikamente, die die Entzündungsbotenstoffe beeinflussen könnten, wurden nicht gegeben. Die vielseitige Therapie wird in Heidelberg bei Rückenschmerzen aller Schweregrade erfolgreich angewendet.

"Bei den Patienten war der Blutspiegel des Entzündungs-Botenstoffes deutlich häufiger erhöht als bei rückenschmerzfreien Kontrollpersonen", erklärt Professor Dr. Marcus Schiltenwolf, Leiter der Sektion Schmerztherapie Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg. "Auf den ersten Blick scheint TNF-alpha ein mögliches Angriffsziel für eine Therapie zu sein."

TNF-alpha blieb trotz Physio- und Psychotherapie erhöht

Die Studienergebnisse zeigten jedoch im Verlauf der Therapie: Die Schmerzen der Teilnehmer nahmen ab, die Bewegungsfähigkeit verbesserte sich, der Blutspiegel von TNF-alpha blieb jedoch trotzdem erhöht im Vergleich zu den gesunden Kontrollpersonen. "Wir konnten hier keinen direkten Zusammenhang feststellen", sagt Professor Schiltenwolf. "TNF-alpha hat bei Rückenschmerzpatienten keinen Einfluss auf Schmerzen und Bewegungsfähigkeit."

Diese Ergebnisse beeinflussen nicht nur die Suche nach möglichen Therapien. Sie zeigen außerdem, dass es für Grundlagenforscher noch ein weiter Weg dahin ist, die komplexen Zusammenhänge bei Rückenschmerzen zu verstehen.

Literatur:

Wang, Haili MD; Schiltenwolf, Marcus MD, PhD; Buchner, Matthias MD, PhD: The Role of TNF-[alpha] in Patients With Chronic Low Back Pain--A Prospective Comparative Longitudinal Study. The Clinical Journal of Pain, Volume 24(3), March/April 2008, pp 273-278

(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums
Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)
Kontakt:
Professor Dr. Marcus Schiltenwolf
Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg
Leiter Sektion Schmerztherapie
Schlierbacher Landstraße 200
69118 Heidelberg, Germany
Tel.: 06221 / 96 63 89
Fax: 06221 / 96-92 88
E-Mail: marcus.schiltenwolf@ok.uni-heidelberg.de
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse

Weitere Berichte zu: Rückenschmerz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten