Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hilfe für "beladene" Herzen

18.04.2008
Studie an der Universitätsmedizin Göttingen erforscht neue Behandlungsmöglichkeiten beim Zusammentreffen von Depression und Herzkrankheit. DFG fördert das Vorhaben mit einer Million Euro.

Das Herz wird krank - wenn Ärger, Stress, Wut und Sorgen keinen anderen Ausweg finden. Besonders gefährdet sind offenbar Menschen, die ihre Gefühle nicht ausdrücken können.

Eine Studie an der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen unter der Leitung von Prof. Dr. Christoph Herrmann-Lingen will für solche Menschen neue Behandlungsmöglichkeiten erforschen. Die Studie soll gezielt Patienten helfen, die bereits eine Herzerkrankung haben und unter depressiven Verstimmungen leiden, weil sie mit ihren negativen Gefühlen nicht gut umgehen können. Solche Patienten sind deshalb besonders gefährdet, vermehrte Komplikationen zu erleiden.

Die Behandlungsstudie läuft über fünf Jahre und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit zunächst 1,04 Millionen Euro gefördert. Kooperationspartner ist Priv.-Doz. Dr. Christian Albus, Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Köln. Neben der Abteilung Kardiologie und Pneumologie (Direktor: Prof. Dr. Gerd Hasenfuß) der Universitätsmedizin Göttingen sind neun weitere Universitätsklinika in Deutschland beteiligt. Erste Patienten werden im Herbst 2008 in das Programm aufgenommen und jeweils bis zu ein Jahr lang betreut. Für sie entstehen keine zusätzlichen Behandlungskosten. Ergebnisse sind voraussichtlich im Jahr 2013 zu erwarten.

Im Blickpunkt der Göttinger Behandlungsstudie stehen Patienten, die nicht über ihren Ärger oder andere so genannte "negative" Gefühle reden können. Psychosomatische Untersuchungen belegen: Menschen mit einer Depression haben ein doppelt so hohes Risiko, eine koronare Herzerkrankung zu entwickeln oder an ihren Folgen zu versterben. Als gefährdet gelten besonders Herzpatienten, die die typischen Verhaltensweisen des so genannten "Distressed Personality Type" aufweisen. Typisch ist: Sie neigen vermehrt zu negativen Gefühlen wie Ärger, Niedergeschlagenheit oder Sorgen. Sie verstecken diese aber vor anderen Menschen, weil sie Hemmungen haben, sich mit anderen Menschen auszutauschen. Die Folge: Die seelischen Belastungen werden nicht ausreichend abgebaut. Und dies macht dann Herz und Seele krank.

"Wir nehmen an, dass solche tief liegenden Persönlichkeitsmerkmale die Entstehung einer Depression begünstigen und eine Genesung behindern", sagt Prof. Herrmann-Lingen. Die Göttinger Studie bietet deshalb erstmals ein gestuftes Therapieangebot an. Die Studienteilnehmer sollen gezielt lernen, ihre krankmachenden Muster zu durchbrechen und besser mit psychischem Druck umzugehen. Die hierfür angebotene Psychotherapie wird am individuellen Bedarf ausgerichtet und mit der üblichen kardiologischen Behandlung für die Herzerkrankung kombiniert.

Auch genetische Faktoren hat die Psychosomatische Medizin im Visier. "Eine bestimmte Veranlagung, der ‚genetische Faktor', könnte ebenso eine Rolle spielen", sagt Prof. Herrmann-Lingen: "Wir suchen deshalb nach genetischen Merkmalen, die mit besonders günstigen oder ungünstigen Therapieverläufen einhergehen, um in Zukunft die Behandlung noch stärker an die individuellen Voraussetzungen anpassen zu können.

"Die Ergebnisse der Studie sind für die Behandlung von Herzerkrankungen sehr wichtig", sagt Prof. Dr. Gerd Hasenfuß, Direktor der Abteilung Kardiologie und Pneumologie am Herzzentrum der Universitätsmedizin Göttingen. Die Zahlen sprechen für sich: Etwa ein Drittel der Herzpatienten leiden an einer depressiven Erkrankung.

Der Einfluss psychischer Faktoren auf die Herzgesundheit ist vielfältig: Eine Depression erhöht das Risiko zu erkranken. Selbst leichtere depressive Verstimmungen verschlechtern bei Herzpatienten die Aussicht auf Genesung. Betroffene haben oft stärkere Herzbeschwerden. Sie zeigen weniger Antriebskraft, sich aktiv für die notwendige Verbesserung ihres Gesundheitsverhaltens einzusetzen. Auch die Regulation zahlreicher Körperfunktionen gerät durch die Depression aus dem Lot. Eine herkömmliche Verhaltenstherapie wirkt bei depressiven Patienten mit koronarer Herzkrankheit kaum. Viele Antidepressiva können nicht eingesetzt werden, weil sie auf das Herz-Kreislauf-System starke Nebenwirkungen haben. Bei leichteren Depressionen ist ihr Nutzen ungewiss. Dies kann zu einem Teufelskreis aus körperlichen und seelischen Leiden führen. Die Sterblichkeit nimmt dadurch drastisch zu.

WEITERE INFORMATIONEN:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität, Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Prof. Dr. Christoph Herrmann-Lingen, Telefon 0551 / 39-6707, E-mail: cherrma@gwdg.de, Von-Siebold-Straße 5, 37075 Göttingen, www.universitaetsmedizin-goettingen.de

Stefan Weller | Uni Göttingen
Weitere Informationen:
http://www.universitaetsmedizin-goettingen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu Bildungsangeboten für die Industrie 4.0 in Österreich
05.02.2018 | Fachhochschule St. Pölten

nachricht Schildkrötengehirne sind komplexer als gedacht
05.02.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics