Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Weniger Therapieabbrüche mit neuen Schizophrenie-Medikamenten

16.04.2008
Wolfgang Fleischhacker von der Klinischen Abteilung für Biologische Psychiatrie der Medizinischen Universität Innsbruck hat gemeinsam mit René Kahn, einem niederländischen Kollegen, die weltweit größte Behandlungsstudie über Therapieabbrüche bei Schizophrenie-Ersterkrankten geleitet. Dabei zeigte sich, dass Patienten Antipsychotika der zweiten Generation dauerhafter einnehmen als ein älteres Vergleichsmedikament. Die Studie wurde jetzt im „Lancet“ veröffentlicht.
Schizophrenie ist eine psychiatrische Erkrankung, die die gesamte Persönlichkeit des Patienten betrifft. Häufig leiden die Erkrankten unter Wahnideen oder Halluzinationen, hören Stimmen oder fühlen sich verfolgt.

Auch ziehen sich viele Patienten von ihren Mitmenschen zurück oder büßen intellektuelle Fähigkeiten ein. Im Durchschnitt erkrankt einer von Hundert Menschen irgendwann in seinem Leben an Schizophrenie.

„Schizophrenie kann gut mit Antipsychotika behandelt werden, wenn dies früh geschieht“, erklärt Wolfgang Fleischhacker. Diese Medikamente müssen lange eingenommen werden – bei einer Ersterkrankung mindestens ein Jahr.

Allerdings setzen viele Patienten ihre Medikamente vorzeitig ab. Ihnen drohen Rückfälle und eine Verschlimmerung der Erkrankung. Für den praktischen Erfolg einer Schizophrenie-Behandlung ist daher entscheidend, dass Patienten das ihnen verschriebene Antipsychotikum konsequent einnehmen.

Das tun sie in der Regel aber nur, wenn sie es gut vertragen und wenn sowohl sie als auch ihr behandelnder Arzt mit der Wirkung zufrieden sind. „Die Abbruchrate ist ein pragmatisches Kriterium, um die Effizienz eines Medikaments in der klinischen Realität zu messen. Denn darin spiegelt sich sowohl das Nutzen-Risiko-Verhältnis als auch die subjektive Akzeptanz wieder“, urteilt Fleischhacker.

Mit Hilfe dieses Kriteriums wurde in der Studie der Behandlungserfolg verschiedener Medikamente verglichen. Seit etwa zehn Jahren gibt es eine heftige Kontroverse, ob die älteren Medikamente oder die neuen Antipsychotika der zweiten Generation bessere Erfolge erzielen. Die alten Medikamente sind zwar billiger, stehen aber in dem Ruf, häufig zu motorischen Nebenwirkungen zu führen.

Ergebnis mit großer klinischer Relevanz
Es gibt bisher kaum Studien, die die Wirkung der beiden Medikamentengruppen an Patienten untersuchen, bei denen Schizophrenie zum ersten Mal aufgetreten ist. Noch seltener sind Untersuchungen an einer breiten, für die tägliche Praxis repräsentativen Patientengruppe über einen langen Zeitraum. Diese Lücke füllt nun die Innsbruck-Utrechter Untersuchung. Rund 500 ersterkrankte und noch nicht vorbehandelte Patienten in 13 europäischen Ländern nahmen ein ihnen nach dem Zufallsprinzip zugewiesenes Medikament ein: entweder Haloperidol, ein Antipsychotikum der ersten Generation, oder eines von vier neuen Medikamenten (Amisulprid, Olanzapin, Quetiapin, Ziprasidon). Nach einem Jahr wurde die Studie ausgewertet, und es zeigte sich, dass während einer Behandlung mit den neuen Antipsychotika deutlich weniger Behandlungsabbrüche zu verzeichnen waren als unter Haloperidol. Da ein Absetzen dieser Medikamente den häufigsten Grund für einen Rückfall darstellt, ist dieser Befund von großer klinischer Relevanz.
Überraschenderweise wurde als einer der Hauptgründe für den Unterschied in den Abbruchraten mangelnde Wirksamkeit angegeben. Die Studie wertete allerdings auch sekundäre Testvariablen aus, die keine Wirkungsunterschiede zwischen den Medikamenten widerspiegelten. Eindeutig war jedoch, dass Haloperidol zu mehr parkisonähnlichen Nebenwirkungen führte als die neueren Medikamente.

Fleischhacker schlussfolgert: „Diese Studie legt nahe, bei neuerkrankten Schizophrenie Patientinnen und Patienten ein Antipsychotikum der zweiten Generation als Therapie erster Wahl zu verschreiben.“

| Medizinische Universität Innsbru
Weitere Informationen:
http://www.i-med.ac.at

Weitere Berichte zu: Antipsychotikum Haloperidol Schizophrenie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Im Focus: XENON1T: Das empfindlichste „Auge“ für Dunkle Materie

Gemeinsame Meldung des MPI für Kernphysik Heidelberg, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

„Das weltbeste Resultat zu Dunkler Materie – und wir stehen erst am Anfang!“ So freuen sich Wissenschaftler der XENON-Kollaboration über die ersten Ergebnisse...

Im Focus: World's thinnest hologram paves path to new 3-D world

Nano-hologram paves way for integration of 3-D holography into everyday electronics

An Australian-Chinese research team has created the world's thinnest hologram, paving the way towards the integration of 3D holography into everyday...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

Branchentreff für IT-Entscheider - Rittal Praxistage IT in Stuttgart und München

22.05.2017 | Veranstaltungen

Flugzeugreifen – Ähnlich wie PKW-/LKW-Reifen oder ganz verschieden?

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Myrte schaltet „Anstandsdame“ in Krebszellen aus

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

22.05.2017 | Physik Astronomie

Wie sich das Wasser in der Umgebung von gelösten Molekülen verhält

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie