Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

WSI-Studie: 57 Prozent der Väter arbeiten länger als 40 Stunden pro Woche - Arbeitszeiten von Eltern stark polarisiert

28.03.2008
Die Arbeitszeiten von Müttern und Vätern in Deutschland sind stark polarisiert, obwohl viele berufstätige Eltern Erwerbs- und Familienarbeit eigentlich gleichmäßiger untereinander aufteilen wollen.

Normalerweise arbeiten Väter in abhängiger Beschäftigung im Durchschnitt 39,7 Stunden, Mütter dagegen 24,4 Stunden wöchentlich. Besonders groß ist der Unterschied in Westdeutschland: Hier arbeiten Väter 17 Stunden pro Woche länger als Mütter. Zu diesen Ergebnissen kommt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung.

Die Forscherinnen Dr. Christina Klenner vom WSI und Svenja Pfahl analysieren in ihrer Untersuchung Arbeitszeitrealität und -wünsche von Eltern und Personen, die Angehörige pflegen. Damit betreten sie Neuland: Bisher wurden die Arbeitszeiten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Kindern nicht systematisch erhoben und ausgewiesen. Die Wissenschaftlerinnen bezogen daher verschiedene Datenquellen mit ein: Sonderauswertungen des Mikrozensus werteten sie zusammen mit repräsentativen Spezialerhebungen, wie der WSI-Arbeitnehmer/innenbefragung 2003 und der ISO-Arbeitszeiterhebung 2003 aus.

Die Arbeitszeiten von Frauen mit Kindern gehen viel stärker auseinander als die der Väter, die mit wenigen Ausnahmen Vollzeit arbeiten. So arbeiten zwar mehr als die Hälfte der Mütter Teilzeit, darunter viele Minijobberinnen und geringfügig Beschäftigte. Die Durchschnittswerte verdeckten aber, dass bei weitem nicht alle Frauen durch kurze Arbeitszeiten auf Teilzeitbasis das Zeitbudget der Familie entlasten, so die Wissenschaftlerinnen. Je nach Datenquelle - die Werte differieren aufgrund von unterschiedlichen Erhebungsmethoden - sind 29 Prozent (Mikrozensus), 38 Prozent (ISO-Arbeitszeiterhebung) beziehungsweise 42 Prozent (WSI-Erhebung) der abhängig beschäftigten Mütter mit minderjährigen Kindern vollzeitbeschäftigt. Ein Teil von ihnen - nach der WSI-Befragung 17 Prozent aller Mütter - arbeitet sogar regelmäßig 41 und mehr Stunden pro Woche.

... mehr zu:
»Teilzeit »Vollzeit

Die Wissenschaftlerinnen schätzen, dass ein Drittel der Familien in Deutschland unter Zeitnot leidet. Hauptursache sind die nach wie vor langen Arbeitszeiten von Vätern, die der zunehmenden Erwerbstätigkeit der Mütter kaum Rechnung tragen: 97 Prozent der Väter arbeiten Vollzeit, 57 Prozent mehr als 40 Stunden pro Woche. Sowohl Eltern als auch Pflegende bewerten solche "überlangen" Arbeitszeiten von mehr als 40 Stunden als besonders problematisch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Im Durchschnitt arbeiten Männer mit minderjährigen Kindern sogar 1,2 Stunden pro Woche länger als Männer ohne Nachwuchs. Als Kernproblem machen die Expertinnen die traditionelle Norm der lebenslang gleichen Vollzeitarbeit aus, die unterschiedliche Lebensphasen nicht berücksichtigt. Das Konzept rechne mit dem "sorgelosen Arbeitnehmer", der sich mit ganzer Kraft dem Job widmen kann, weil ihm seine Frau zu Hause den Rücken freihält. Doch das Ernährermodell mit nicht erwerbstätiger Mutter ist längst in der Minderheit, zeigen die Daten: Nur ein knappes Viertel der Paare lebt in Westdeutschland noch in der Hausfrauenehe. Im Osten hat sie mit acht Prozent nur marginale Bedeutung.

Eine klare Mehrheit der Deutschen befürwortet das Zweiverdienermodell. Es überwiegt mit 45 Prozent die Variante einer so genannten modernisierten Ernährerkonstellation, in der ein Partner Vollzeit, der zweite Teilzeit arbeitet. Nach wie vor müssen sich allerdings vor allem Frauen zwischen Vollzeit und Teilzeit entscheiden. Damit haben sie häufig nur die Wahl "zwischen Zeitnot einerseits und Karriereverzicht und wirtschaftlicher Benachteiliung andererseits", stellen die Forscherinnen Christina Klenner und Svenja Pfahl fest. "Wenn Mütter Vollzeit arbeiten, steht dem meist keine Arbeitszeitreduktion der Väter gegenüber." Familienbedingte Teilzeit ist bei Vätern selten. Lange und überlange Arbeitszeiten belasten die Familienzeit und setzen dem häuslichen Engagement enge Grenzen. Die faktischen Arbeitszeitverlängerungen der letzten Jahre hätten zusätzlich dazu beigetragen, die Geschlechterungleichheit bei den Arbeitszeiten fortzuschreiben, betonen die Wissenschaftlerinnen.

Zu den Wünschen der Kinder an die Arbeitszeiten ihrer Eltern gibt es bislang keine repräsentativen Befragungen. Die Autorinnen greifen deshalb auf eigene qualitative Forschungen zurück. Danach begrüßen Kinder durchaus eine Erwerbstätigkeit beider Eltern. Sie wünschen sich verlässliche Arbeitszeiten, die wichtige Sozialzeiten wie Wochenenden oder Feiertage freihalten und Familienrituale zulassen.

Als Ausweg aus dem bestehenden Arbeitszeitdilemma plädieren die Autorinnen für ein erneuertes, familien- und gleichstellungsorientiertes Arbeitszeitkonzept. Die männlich geprägte Normalarbeitszeit sei auf den Prüfstand zu stellen und durch "ein Menü unterschiedlich langer Vollzeitstandards" für bestimmte Lebensphasen zu ersetzen. Betriebe und Politik müssten Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen mit Fürsorgeverpflichtungen als neue Norm anerkennen. Zugleich raten die Wissenschaftlerinnen, die Anreize für eine partnerschaftlich egalitäre Arbeitszeitverteilung zu verbessern. Aufgreifen ließe sich ein Vorschlag aus Schweden: eine subventionierte Verkürzung der Arbeitszeit von Müttern und Vätern um fünf Stunden pro Woche. Den vollen steuerlichen Vorteil soll es nur dann geben, wenn beide Eltern die Arbeitszeitabsenkung nutzen.

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/320_90337.html
http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/32014_90237.html
http://www.boecklerboxen.de/cps/rde/xchg/boxen/hs.xsl/3053.htm

Weitere Berichte zu: Teilzeit Vollzeit

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu Bildungsangeboten für die Industrie 4.0 in Österreich
05.02.2018 | Fachhochschule St. Pölten

nachricht Schildkrötengehirne sind komplexer als gedacht
05.02.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die Brücke, die sich dehnen kann

Brücken verformen sich, daher baut man normalerweise Dehnfugen ein. An der TU Wien wurde eine Technik entwickelt, die ohne Fugen auskommt und dadurch viel Geld und Aufwand spart.

Wer im Auto mit flottem Tempo über eine Brücke fährt, spürt es sofort: Meist rumpelt man am Anfang und am Ende der Brücke über eine Dehnfuge, die dort...

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: Hochkarätige Konferenz zu Empowerment in der agilen Arbeitswelt

20.02.2018 | Veranstaltungen

Aachener Optiktage: Expertenwissen in zwei Konferenzen für die Glas- und Kunststoffoptikfertigung

19.02.2018 | Veranstaltungen

Konferenz "Die Mobilität von morgen gestalten"

19.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Highlight der Halbleiter-Forschung

20.02.2018 | Physik Astronomie

Wie verbessert man die Nahtqualität lasergeschweißter Textilien?

20.02.2018 | Materialwissenschaften

Der Bluthochdruckschalter in der Nebenniere

20.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics