Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Studie zu sozialer Gerechtigkeit. Auf dem Weg in die "Zwei-Drittel-Gesellschaft"?

17.03.2008
Waren noch bis in die 1990er Jahre in der Soziologie Prognosen von der "Freizeitgesellschaft" und der "Erlebnisgesellschaft" verbreitet, sprechen SoziologInnen heute von der "Zwei-Drittel-Gesellschaft" und "modernen sozialen Konflikten". Die Sozialwissenschafterin Hilde Weiss hat untersucht, wie unterschiedliche soziale Gruppen in Österreich diese neuen Konflikte sehen und was für sie soziale Gerechtigkeit bedeutet.

"Für Österreich gilt: Die obersten Einkommens- und Bildungsschichten wissen ihre Interessen wahrzunehmen", erklärt Ao. Univ.-Prof. Dr. Hildegard Weiss vom Institut für Soziologie. Um die Interessen vieler anderer ist es nicht so gut bestellt: Während der Wohlstand insgesamt steigt, werden immer mehr Menschen immer ärmer. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung stehen in gesicherten Beschäftigungsverhältnissen, während ein Drittel davon ausgeschlossen bleibt.

Wie verschiedene soziale Gruppen mit den neuen (globalisierten) Rahmenbedingungen umgehen, wie sie zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit stehen und was das für ihre politische Gesinnung bedeutet, erforschte Hilde Weiss im Projekt "Konfliktwahrnehmung und Gerechtigkeitsvorstellungen in sozialen Milieus". Weiss und ihre MitarbeiterInnen befragten 1.018 ÖsterreicherInnen zwischen 18 und 65 Jahren.

Idee des sozialen Ausgleichs

... mehr zu:
»Soziologie

"Fleiß und Tüchtigkeit sind für die meisten ÖsterreicherInnen zentrale Werte. Trotzdem stößt die Idee eines unregulierten Kapitalismus auf wenig Beifall", erklärt Weiss. Sozialer Ausgleich ist den ÖsterreicherInnen sehr wichtig: 37 Prozent stimmen vorbehaltlos zu, dass Leute mit höherem Einkommen durch höhere Steuern zum Gemeinwohl beitragen sollten. 36 Prozent plädieren dafür, dass soziale Unterschiede weitgehend abgeschwächt werden sollen.

Biografie formt Einstellungen

Die Einstellung zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit hängt dabei weniger vom beruflichen Status als vielmehr von biografischen Erfahrungen wie Krisen oder Erfolgen ab: Soziale Aufsteiger, die es von ganz unten ins soziale Mittelfeld oder darüber hinaus geschafft haben, zahlen ungern Steuern und halten wenig von Sozialleistungen: "Diese Menschen haben hart gekämpft und glauben, dass das, was ihnen gelungen ist, allen möglich sei", erklärt Weiss. Soziale Absteiger hingegen denken tendenziell sozialer: "Sie haben oftmals erlebt, dass das Individuum nicht immer alle lebensbestimmenden Faktoren im Griff hat und dass Chancen ungleich verteilt sind."

Politikverdrossenheit

Wenn es um die Politik geht, haben gerade die "unteren" sozialen Schichten das Gefühl, keinen Einfluss auf ihr Schicksal nehmen zu können. "Die oberen Einkommensschichten hingegen fühlen sich politisch gut vertreten und wissen, wen es zur Stärkung der eigenen Interessen zu wählen gilt", erörtert Weiss. Generell hält man in Österreich wenig von PolitikerInnen: 37 Prozent der Befragten glauben, dass moralische Grundsätze in der Politik nichts mehr gelten.

Liberale Bourgeoisie

Während also die quasi traditionelle Autoritätshörigkeit bestehen bleibt, entfernten sich laut Analyse zumindest die mittleren und oberen Schichten der Gesellschaft von einem konservativen Familienbild mit den entsprechenden Geschlechterrollen. In den unteren Schichten allerdings gibt man sich diesbezüglich konservativ. "Dieser Konservatismus ist Teil einer pessimistischen, rückwärtsgewandten Lebensauffassung", erklärt Weiss, "er ist eng mit Zukunftsängsten verbunden."

In Fragen der Migrations- und Ausländerpolitik findet sich in der österreichischen Oberschicht ein deutlich aufgeklärteres Klima als bei sozialen Unterschichten. In diesen sozialen Schichten wird die Konkurrenz am globalen Arbeitsmarkt auch mehr als Chance denn als Risiko wahrgenommen.

Kontakt:
Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Hilde Weiss
Institut für Soziologie
1090 Wien, Rooseveltplatz 2
T +43-1-4277-481 36
hildegard.weiss@univie.ac.at
Rückfragehinweis:
Mag. Alexandra Frey
Öffentlichkeitsarbeit
Universität Wien
T +43-1-4277-175 31
alexandra.frey@univie.ac.at

Veronika Schallhart | idw
Weitere Informationen:
http://www.univie.ac.at

Weitere Berichte zu: Soziologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten