Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kleine Peiniger - Wenn Mini-Machiavellis an der Grundschule mobben

11.03.2008
Schule kann für manche Kinder auch ohne schlechte Noten ein Martyrium sein - Mobbing ist der Grund.

Die Palette reicht dabei von verbalen Attacken und Demütigungen sowie sozialer Ausgrenzung bis hin zu körperlichen Angriffen auf die Opfer. Bei Kindern wird dieses Mobbing auch Bullying genannt, was man mit "Tyrannisieren" oder "Drangsalieren" übersetzen kann.

In einer Querschnittstudie an Schülern aller Jahrgänge einer Münchener Grundschule konnte Privatdozentin Mechthild Schäfer vom Institut für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München jetzt mit ihren Mitarbeiterinnen Cathérine Hörmann und Julia Zihl nachweisen, dass auch schon Grundschüler fähig sind zu den komplexen sozialen Interaktionen, die Bullying erfordert.

Es zeigte sich, dass die Kinder typisches Verhalten für Bullying zeigen und die zugehörenden Rollen - also etwa Täter, Verteidiger und Opfer - erfüllen. Dabei bleiben Opfer und Verteidiger ihrer Rolle meist verhaftet, während die Täter - zumindest in den ersten beiden Jahrgangsstufen - weniger festgelegt sind. Erst ab der dritten Klasse gilt verstärkt: Einmal Täter, immer Täter. Überhaupt vollzieht sich zu dieser Zeit - also etwa ab dem achten Lebensjahr - eine Veränderung der Qualität und Dynamik von Bullying, was wesentlich auf die verbesserten sozialkognitiven Kompetenzen der Kinder zurückzuführen ist. Dann wird physische Gewalt eher durch psychologische Formen der Aggression ersetzt.

... mehr zu:
»Aggression »Mobbing

Gezielte, systematische und wiederholte Schikanen physisch und psychisch stärkerer Schüler gegenüber physisch und psychisch Schwächeren - die Definition von Bullying reicht fast ebenso weit wie das Phänomen selbst. Die Rechnung, die Schüler aus dem Klassenverband zu isolieren und zu attackieren, die eine leichte Angriffsfläche bieten und eher schutzlos sind, geht für Bullies oft auf. Denn aus Angst, selbst das nächste Opfer zu werden, stellen sich viele Schüler auf die Seite des Täters oder schweigen. Nur wo das Verhalten des Täters auf diese Weise toleriert oder sogar als gerechtfertigt akzeptiert wird, kann sich das Bullying aber etablieren.

"Umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche davor zu schützen", betont Schäfer. "Sie sollen sich nicht an ein Klima gewöhnen, in dem aggressives Verhalten gegen andere als akzeptable Form des Dominanzerwerbs im sozialen Miteinander toleriert wird." Mobbing unter Schülern ist ein gesellschaftlich und bildungspolitisch hoch relevantes Thema, weil es für die psychische Gesundheit und die persönliche wie auch schulische Entwicklung der Betroffenen eklatante Folgen hat. Weil die Täter oft sehr einflussreich sind, ist es für Klassen in der Regel aber schwierig, ohne Hilfe durch Eltern und Lehrer gegen das Bullying vorzugehen.

Tritt Bullying in Klassen auf, kann neun von zehn Schülern eine distinkte Rolle in diesem Prozess zugeordnet werden - auf der Pro- oder Contra-Seite. "Fast die ganze Klasse ist daran beteiligt", so Schäfer. "Und zwar nicht nur als Täter und Opfer. Es gibt auch noch Außenstehende und Verteidiger des Opfers sowie Assistenten und Verstärker des Täters. Freundschaften bestehen meist nur zwischen Schülern ohne aggressive Verhaltenstendenzen und zwischen jenen, die am Bullying beteiligt sind. Dadurch aber werden Klassen in zwei Lager gespalten. In einer vorangegangenen Langzeitstudie konnte Schäfer bereits zeigen, dass sich am Verhalten und den Rollen von Kindern in der Grundschule in gewissem Umfang vorhersagen lässt, ob sie in weiterführenden Schulen auch Bullies oder Opfer sein werden. Zwar ist das soziale Gefüge in Grundschulklassen vor allem noch durch symmetrische Zweierbeziehungen geprägt. "Aber auch in diesem Alter gibt es schon Bullying", berichtet Schäfer. "Die Täter konzentrieren sich kaum auf ein Opfer, so dass einzelne Kinder nur in Ausnahmefällen über längere Zeit attackiert werden. Entsprechend sind in dieser Altersklasse in der Regel die Täter, aber nur hie und da die Opfer bei den Mitschülern unbeliebt."

Erst gegen Ende der Grundschulzeit entwickeln die Kinder die Fähigkeit, komplexere Beziehungsgeflechte auszubilden, die den Aufbau hierarchischer Gruppenstrukturen möglich machen - was typisch ist für Klassen in höheren Schulen. Im Rahmen der aktuellen Studie zeigte sich, dass Opfer von Bullies in der Grundschule nicht unbedingt auch später in diese Rolle gezwungen werden. "Insgesamt lässt sich sagen, dass Opfer in der Grundschule zu sein, kein Risikofaktor ist, der eine Opferrolle in der weiterführenden Schule wahrscheinlicher macht", berichtet Schäfer. "Wir haben nur sehr wenige stabile Opfer gefunden. Zumindest ältere Bullies in der Grundschule werden dagegen sehr wahrscheinlich diese Rolle beibehalten - möglicherweise weil aggressives Verhalten Teil ihrer Sozialisation und ihrer Persönlichkeit ist." Dabei wurde aber auch deutlich, dass in den ersten und zweiten Klassen ein ganz anderer Tätertyp vorliegt als in den dritten und vierten Klassen. So sind die Täter in den ersten und zweiten Klassen durch physische Aggression und unterdurchschnittliche soziokognitive Fähigkeiten mit mäßiger Rollenstabilität charakterisiert. In den dritten und vierten Klassen hingegen zeigen die Täter vermehrt psychologische Formen von Aggression und überdurchschnittliche soziokognitive Fähigkeiten, was dann mit erhöhter Rollenstabilität einhergeht.

Bullies benötigen für die Manipulation ihres Umfelds und der sozialen Normen gute soziokognitive Fähigkeiten. Denn die geschickten und systematischen Attacken gegen das oder die Opfer sollen Lehrern und Erziehern verborgen bleiben und von der Klasse nicht nur gebilligt, sondern als gerechtfertigt akzeptiert werden. Die Täter müssen dafür aber nicht nur geeignete Zeitpunkte und Orte für ihre Attacken gegen das Opfer aussuchen, sondern auch möglichst subtile und effektive Methoden wählen und ihr Mitläuferfeld organisieren. "Das ist ein machiavellistisches Vorgehen, also eine Kombination von aggressiven und prosozialen Verhaltensstrategien, das sich hier als eine besonders günstige Methode zum Dominanz- und Statuserwerb in Gruppen erwiesen hat", meint Schäfer. "Weil die psychische Gewalt mit zunehmendem Alter häufig durch soziale Manipulation, also verbale Aggression wie etwa Degradierung, und auch psychologische Formen der Aggression, also Ausgrenzung oder die Verbreitung von Gerüchten, ersetzt wird, sollten Erwachsene genau hinsehen, um das Mobbing unter Schülern rechtzeitig zu erkennen. Und wachsam sein, dass man sich nicht als Lehrer für die Zwecke der Täter instrumentalisieren lässt. Man darf nicht außer Acht lassen, dass einige der kleinen Bullies schon perfekte soziale Kompetenzen an den Tag legen können, aber gleichzeitig mit erheblicher Aggressivität gegen ihre Opfer vorgehen."

Ansprechpartner:
PD Dr. Mechthild Schäfer
Department für Psychologie der LMU
Tel.: 089 / 2180 - 5156
Fax: 089 / 2180 - 5355
E-Mail: mechthild.schaefer@gmx.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.lmu.de
http://www.mobbingforschung.de

Weitere Berichte zu: Aggression Mobbing

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise