Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Überschuldete Menschen sind häufiger krank - Wissenschaftler fordern Präventionsprogramme

27.02.2008
Mainzer Studie zeigt erstmals für Deutschland den Zusammenhang zwischen Ausgabenarmut und mangelhaftem Gesundheitszustand

Überschuldete Menschen sind häufiger krank, nehmen aber gleichzeitig das Gesundheitssystem weniger in Anspruch. Wie eine Studie des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zeigt, leiden von zehn überschuldeten Personen acht zumindest an einer Krankheit, wobei den Betroffenen vor allem psychische Erkrankungen und Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen zu schaffen machen.

"Die Studie zeigt am Beispiel von Rheinland-Pfalz erstmals quantitativ den Gesundheitszustand von überschuldeten Privatpersonen in Deutschland auf", sagte Univ.-Prof. Dr. Stephan Letzel, Direktor des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin und Leiter der Studie "Armut, Schulden und Gesundheit" (ASG-Studie), bei der Vorstellung der Ergebnisse am Mittwoch in Mainz. "Zusammengefasst müssen wir feststellen: der Gesundheitszustand dieser Personengruppe ist absolut mangelhaft."

Ein immer größer werdender Anteil der deutschen Bevölkerung ist von Verschuldung und Zahlungsunfähigkeit betroffen. "Während sich die Unternehmensinsolvenzen durch den konjunkturellen Aufschwung rückläufig entwickeln, steigen die Insolvenzen natürlicher Personen in alarmierender Weise an", sagte Univ.-Prof. Dr. Curt Wolfgang Hergenröder, Professor für Bürgerliches Recht, Arbeits-, Handels- und Zivilprozessrecht an der Universität Mainz und Wissenschaftlicher Leiter des Schuldnerfachberatungszentrums in Rheinland-Pfalz. Beantragten 2005 in Deutschland 68.898 Personen die Eröffnung eines Verbraucherinsolvenzverfahrens, so waren es im folgenden Jahr bereits 92.310; ein Anstieg um 33 Prozent. Untersuchungen zufolge waren im Jahr 2006 2,9 Millionen Privathaushalte überschuldet, das heißt etwa 7,3 Prozent aller Privathaushalte sind in Deutschland von einer extremen Ausgabenarmut betroffen.

... mehr zu:
Ȇberschuldet

Im Land Rheinland-Pfalz, dessen Überschuldungsquote nach allen Untersuchungen einen mittleren Wert aufweist, existiert seit 1999 ein flächendeckendes Beratungsangebot für überschuldete Privatpersonen. Allerdings können die Beratungsstellen nur ca. 12 Prozent der Überschuldeten beraten. "Menschen in existenziellen Krisensituationen und mit begrenzten Selbsthilferessourcen können daher neben der ökonomisch-juristischen nicht immer in vollem Umfang auch die notwendige psychosoziale Beratungsleistung erhalten", so Dipl. Päd. Werner Sanio, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schuldnerfachberatungszentrums in Rheinland-Pfalz und Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung e.V.

Dass zwischen Armut und Gesundheit ein Zusammenhang besteht, ist wissenschaftlich eindeutig belegt. Dies trifft nicht nur für Länder der Dritten Welt, sondern auch für westliche Industrienationen wie die Bundesrepublik Deutschland zu. "Nur, wie es sich in der speziellen Risikogruppe der überschuldeten Bürger darstellt, darüber war bislang nichts bekannt", erklärte Prof. Dr. Eva Münster, Juniorprofessorin für Sozialmedizin und Public Health an der Uni Mainz und Leiterin der ASG-Studie. Mit der Studie "Armut, Schulden und Gesundheit" liegen nun erstmals für Deutschland Daten über die tatsächliche sozialmedizinische Situation von überschuldeten Privatpersonen vor. Die ASG-Studie wurde vollständig durch das Exzellenzcluster "Gesellschaftliche Abhängigkeit und soziale Netzwerke" des Landes Rheinland-Pfalz finanziert.

Die Erhebung erfolgte zwischen Juli 2006 und März 2007 in Kooperation mit 53 Schuldnerberatungsstellen in Rheinland-Pfalz durch eine schriftliche Befragung. Insgesamt nahmen 666 Personen im Alter zwischen 18 und 79 Jahren daran teil. Rund 80 Prozent der Probanden gaben an, derzeit an mindestens einer Erkrankung zu leiden, im Durchschnitt wurden zwei Erkrankungen pro Person genannt. Psychische Erkrankungen wie Angstzustände, Depressionen oder Psychosen sowie Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen sind mit jeweils rund 40 Prozent die häufigsten Beeinträchtigungen - unter denen Frauen übrigens jeweils deutlich häufiger leiden als Männer. Auch von Schilddrüsenproblemen scheinen Frauen eher betroffen zu sein, während Männern häufiger Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen zu schaffen machen: Jeder fünfte überschuldete Mann antwortete auf die betreffende Frage mit "habe ich derzeit". "Im Vergleich zur nicht überschuldeten Bevölkerung stellen wir bei Überschuldung ein zwei- bis dreifach größeres Risiko fest, an bestimmten Krankheiten erkrankt zu sein. Das ist eklatant", sagte Münster. "Eine zusätzliche Belastung ist, dass sich bei etwa der Hälfte der Überschuldeten Freunde oder Familie aufgrund der finanziellen Notlage zurückziehen. Das macht dann alles noch schlimmer."

Zu dem defizitären Gesundheitszustand der überschuldeten Privatpersonen kommt als nächstes das Problem der geringeren Inanspruchnahme medizinischer Leistungen hinzu. 65 Prozent der Befragten haben, nach eigenen Angaben, aus Geldmangel die vom Arzt verschriebenen Medikamente nicht gekauft. 60 Prozent haben Arztbesuche unterlassen, weil sie die nötigen finanziellen Mittel für die Zuzahlungen nicht aufbringen konnten. Und auch in anderer Hinsicht kann die untersuchte Personengruppe den Forderungen nach einem gesunden Lebensstil nicht nachkommen: Ungefähr jeder zweite gibt an, sich infolge der Überschuldungsproblematik weniger gesund zu ernähren, und ist zudem weniger sportlich aktiv.

"Die ASG-Studie legt den eindeutigen Schluss nahe, dass es sich bei der Überschuldungsproblematik nicht ausschließlich um ein ökonomisches oder juristisches Problem der Betroffenen handelt, sondern dass gerade gesundheitliche und soziale Probleme dominieren und eine Einschränkung insbesondere bei der gesundheitlichen Versorgung vorliegt", so das Fazit der Autoren. Sie raten dringend dazu, fächerübergreifende Präventionsprogramme einzurichten, in die die Sozialdienste der Schuldnerberatungsstellen, der Arbeitslosenberatungsstellen und des medizinischen Bereichs einbezogen werden. "Die Schuldnerberater könnten darauf geschult werden, die Anzeichen für psychische und physische Probleme zu erkennen und dann an medizinische oder psychologische Beratungsstellen verweisen, die ein entsprechendes Therapieangebot kostenlos bereitstellen", führte Münster beispielhaft an. Aber auch die Zuzahlungen bei Arztbesuchen oder beim Arzneimittelkauf müssten ohne bürokratischen Aufwand für die Betroffenen entfallen.

Neben dem öffentlichen Gesundheitsdienst, hier müssen Bundes- und Landesministerien unbedingt aktiv werden, sollte den Krankenkassen eine leitende Funktion in der medizinischen Versorgung von überschuldeten Privatpersonen zugesprochen werden, um so das verfassungsmäßig verbürgte Sozialstaatsprinzip nach Art. 20 I GG zu verwirklichen. Vor diesem Hintergrund unterstützt der BKK-Bundesverband im Rahmen seiner Initiative zur Verminderung sozial bedingter Ungleichheit "Mehr Gesundheit für alle" die Entwicklung eines Präventionsprogramms am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Mainz seit Anfang Februar 2008.

Kontakt und Informationen:
Prof. Dr. oec. troph. Eva Münster, MPH
Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Tel. 06131 39-30278
Fax 06131 39-36680
E-Mail: eva.muenster@uni-mainz.de

Petra Giegerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-mainz.de/FB/Medizin/asu/

Weitere Berichte zu: Überschuldet

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Entrepreneurship-Studie: Großes Potential für Unternehmensgründungen in Deutschland
15.09.2017 | Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie