Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Architekturkonzepte von Pflegeheimen für Demenzerkrankte müssen verändert werden

14.01.2008
Studie der TUD zeigt Vorteile von "konservativen" Gebäudestrukturen auf

Mit zunehmendem Alter wird eine Demenz immer wahrscheinlicher; jeder fünfte Deutsche im Alter zwischen 75 und 85 Jahren ist heutzutage daran erkrankt.

Welche generellen Auswirkungen die zunehmende Geriatrisierung auf das Gesundheitswesen und speziell auf die Architektur von Krankenhäusern und Pflegeheimen hat - damit haben sich drei Wissenschaftler der TU Dresden in einer neuen, von der Robert Bosch Stiftung geförderten Studie befasst. Die bei Prof. Heinzpeter Schmieg an der Professur für Sozial- und Gesundheitsbauten angesiedelte Arbeit hat dreißig Pflegeeinrichtungen aus ganz Deutschland untersucht und die Zusammenhänge zwischen der jeweiligen Architektur und der Orientierungsfähigkeit der Bewohner analysiert. Das überraschende Ergebnis ist: in "konservativen" Gebäudestrukturen mit geraden Fluren finden sich die Bewohner viel besser zurecht und sind deshalb viel selbständiger als in kleingliedrigeren Gebäuden mit Innenhöfen oder Atrien - genau den Strukturen, die jahrelang als empfehlenswert propagiert und seit den neunziger Jahren in vielen Neubauten verwirklicht worden sind.

Was die Fragestellung der Studie betrifft, erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Gesine Marquardt, so seien die Forscher eigentlich angetreten, um das bisherige Erfahrungswissen der Bauherren und Architekten empirisch zu untermauern. Über die Ergebnisse waren die Wissenschaftler dann erst einmal selbst erstaunt: nicht die offenen Formen wie etwa ein zentrales Atrium waren es, die den Demenzerkrankten die Orientierung leicht machten, sondern möglichst eindimensionale Strukturen, die man mit möglichst wenig Richtungswechseln ablaufen kann.

... mehr zu:
»Demenzerkrankt »Pflegeheim

Die medizinische Interpretation der Ergebnisse lieferten schließlich magnetresonanztomografische Untersuchungen der Medizinischen Fakultät und des Dresdner Universitätsklinikums. Die Arbeitsgruppe von der Psychiaterin Prof. Vjera Holthoff analysierte in Kooperation mit der Abteilung für Neuroradiologie um Professor Rüdiger von Kummer die Gehirnaktivität von Alzheimerpatienten beim Erinnern und Vorstellen räumlicher Strukturen, beim Erinnern von Bildern und Szenen. Die Verknüpfung der dazu notwendigen Teilinformationen fällt den Patienten mit Alzheimerdemenz deshalb so schwer, weil die dazu notwendigen Hirnstrukturen durch die Erkrankung beeinträchtigt sind, so dass nur weniger komplexe Erkennensvorgänge für die Patienten möglich sind. Daher liegt es nahe, dass sich diese Patienten an einfache räumliche Strukturen, die den Überblick gestatten und gedanklichen Halt zulassen, erinnern werden. Atrien beispielsweise werden eher als problematisch empfunden: sie bieten kaum räumliche Orientierungsmöglichkeiten. Die eigene Verortung und die Aufgabe, von dort aus einen Weg zu einem bestimmten Ziel zu finden, ist eher schwierig, da Demenzpatienten sich allozentrisch orientieren und ihre Wege quasi von einem Raummerkmal zum nächsten suchen. Sobald Knicke oder Rundwege das Gebäude verkomplizieren, wird auch die Orientierung schwieriger.

Gesine Marquardt hat für ihre Studie Daten zu 450 demenzkranken Pflegeheimbewohnern erhoben. Auf einer dreistufigen Skala sollten die Pflegekräfte angeben, ob die Bewohner der jeweiligen Einrichtung selbständig in den Gemeinschaftsbereich gehen könnten, ob sie den Weg in ihr Zimmer fänden etc. Daraus errechnete die Wissenschaftlerin Orientierungswerte für die Einrichtung. Über eine Signifikanzteststudie korrelierte sie die Aussagen der Fragebögen mit bestimmten architektonischen Merkmalen des Pflegeheims. Ihre wesentlichen Erkenntnisse: ein geradliniger Flur ist besser als jede Form, die einen Richtungswechsel beinhaltet. Endloswege sind problematisch. Und: ist es dem Patienten möglich, die Einrichtung möglichst ganz zu überblicken, nutzt das seiner Orientierung wesentlich. Schließlich helfen ihm bestimmte "Brennpunkte": Funktionsräume für Mahlzeiten oder geselliges Beisammensein sollten möglichst zentral und nicht über die Einrichtung verstreut liegen.

Aus ihren Ergebnissen hat die Wissenschaftlerin einen Kriterienkatalog mit Umsetzungsempfehlungen erstellt, der gerade erschienen ist. Darin nimmt sie auch auf so genannte milieutherapeutische Ansätze Bezug. Die Milieutherapie versucht, eine Krankheit durch die Gestaltung der Umwelt des Patienten positiv zu beeinflussen. So sind die täglichen Verrichtungen für Patienten einfacher, wenn die Einrichtung der Zimmer aus Zeiten stammt, in denen ihre Gedächtnisfähigkeit noch nicht beeinträchtigt war.

Gesine Marquardt weist hier auf einen eklatanten Widerspruch hin: "Mit modernen Griffleisten einer Multifunktionsküche zum Beispiel können viele Demenzerkrankte überhaupt nichts anfangen - drückt man ihnen aber einen Kartoffelschäler in die Hand, wissen sie sofort damit umzugehen. Diese einleuchtende Erkenntnis wurde bei der Einrichtung der Patientenzimmer, beispielsweise mit den vertrauten Tapeten, auch schon berücksichtigt. Und dann bauen wir den Patienten ein hypermodernes Gebäude in einer Architektur, mit der sie nichts anfangen können? Bei den Möbeln sollte das Denken doch nicht aufhören!"

Informationen für Journalisten: Dr.-Ing. Gesine Marquardt, Tel. 0351 463-34724,
E-Mail: gesine.marquardt@tu-dresden.de

Kim-Astrid Magister | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-dresden.de/

Weitere Berichte zu: Demenzerkrankt Pflegeheim

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Europaweite Studie zu „Smart Engineering“
30.03.2017 | IPH - Institut für Integrierte Produktion Hannover gGmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Im Focus: Making lightweight construction suitable for series production

More and more automobile companies are focusing on body parts made of carbon fiber reinforced plastics (CFRP). However, manufacturing and repair costs must be further reduced in order to make CFRP more economical in use. Together with the Volkswagen AG and five other partners in the project HolQueSt 3D, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) has developed laser processes for the automatic trimming, drilling and repair of three-dimensional components.

Automated manufacturing processes are the basis for ultimately establishing the series production of CFRP components. In the project HolQueSt 3D, the LZH has...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Ballungsräume Europas

26.04.2017 | Veranstaltungen

200 Weltneuheiten beim Innovationstag Mittelstand in Berlin

26.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Wie digitale Technik die Patientenversorgung verändert

26.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Akute Myeloische Leukämie: Ulmer erforschen bisher unbekannten Mechanismus der Blutkrebsentstehung

26.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Naturkatastrophen kosten Winzer jährlich Milliarden

26.04.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Zusammenhang zwischen Immunsystem, Hirnstruktur und Gedächtnis entdeckt

26.04.2017 | Biowissenschaften Chemie