Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Intakter Schleimschutz im Darm

14.12.2007
Spezialfett befreit von Beschwerden und Kortison bei chronischer Dickdarmentzündung / Klinische Studie der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg in "Annals of Internal Medicine" veröffentlicht

Ein viel versprechendes Medikament gegen die chronische Dickdarmentzündung "Colitis ulcerosa" haben Wissenschaftler der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg bereits in einer zweiten klinischen Studie erfolgreich getestet: Ein körpereigenes, aber speziell aufbereitetes Fett kann 80 Prozent der Patienten von ihren Beschwerden befreien, ohne dass eine zusätzliche Behandlung mit Kortison nötig ist. Das im Fettgemisch Lecithin enthaltene Phosphatidylcholin (PC) macht zudem die Hälfte dieser Patienten beschwerdefrei. Für die Studie wurde PC pharmakologisch verpackt, so dass es - im Gegensatz zu anderen Fetten - erst im unteren Teil des Dünndarms freigesetzt wird und von dort den Dickdarm erreicht.

Die Heidelberger Studie ist jetzt in der renommierten amerikanischen Fachzeitschrift "Annals of Internal Medicine" veröffentlicht worden; sie wurde von der Dietmar-Hopp-Stiftung, Walldorf, unterstützt.

An der schweren Darmentzündung Colitis ulcerosa leiden rund 200.000 Menschen in Deutschland. Meist beginnt die Erkrankung im jungen Erwachsenenalter; blutige Durchfälle und heftige Schmerzen durch Geschwüre im Dickdarm prägen das Krankheitsbild - oft ein Leben lang. Die Ursache der Erkrankung, die das Risiko für Darmkrebs vervielfacht, ist nicht bekannt. Medikamente können nur die Beschwerden lindern, allerdings oft mit erheblichen Nebenwirkungen wie beim entzündungshemmenden Kortison.

Erste Studie 2005 gab Hinweise auf Wirksamkeit und Verträglichkeit

Die Heidelberger Wissenschaftler suchen seit Jahren nach Möglichkeiten, die bei Colitis verminderte Schleimschicht auf den Darmzellen zu verstärken, damit sie wieder ausreichend Schutz vor Bakterien oder anderen Entzündungsauslösern bieten kann. So entdeckten Professor Dr. Wolfgang Stremmel, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg, und sein Team, dass die Einnahme von speziell aufbereitetem Phosphatidylcholin (PC) den Schleimschutz im Dickdarm aufbauen kann. Eine erste Studie an Patienten mit chronisch aktiver, bei der PC gegen ein Scheinpräparat (Placebo) getestet wurde, hatte bereits im Sommer 2005 erste Hinweise auf die Wirksamkeit und Verträglichkeit des Fettes gegeben (GUT, Band 54, Seite 966 - 971, 2005).

"Für die neue Studie haben wir Patienten behandelt, die dauerhaft Kortison einnehmen müssen, damit ihre Erkrankung wenigstens einigermaßen kontrolliert wird", berichtet Professor Stremmel. "Allerdings sprechen nicht alle Patienten auf Kortison oder andere Medikamente wie die Immunsuppressiva an, zum Teil rufen sie auch schwere Nebenwirkungen hervor."

Deutschlandweite Studie unter Heidelberger Federführung

An der Heidelberger Studie nahmen insgesamt 60 Patienten teil, die 12 Wochen lang entweder PC oder ein Placebo einnahmen. "Rund 80 Prozent der Patienten waren innerhalb von 3 Monaten vom Cortison befreit, ohne dass sich die Colitis verschlechterte", berichtet Dr. Max Karner, wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Stremmel. Die Hälfte dieser Patienten erreichte dabei ein krankheitsfreies Stadium; Nebenwirkungen traten - abgesehen von Blähungen - nicht auf. "Dies ist ein erster Hinweis dafür, dass wir diesen verzweifelten Patienten mit einem nebenwirkungsarmen Therapieverfahren in Zukunft eine Behandlungsalternative anbieten können", bewertet Professor Stremmel die Ergebnisse der Studie.

Die Heidelberger Wissenschaftler bereiten nun eine deutschlandweite Studie vor, in der das Präparat an mindestens 150 Patienten getestet wird. Ergebnisse werden in ca. zwei Jahren vorliegen. Bis dahin hofft man auch, einen pharmazeutischen Hersteller gefunden zu haben, der die Heidelberger Entwicklung umsetzt und das aufbereitete Phosphatidylcholin produziert sowie eine Zulassung als Medikament beantragt.

Patienten, die an der Studie teilnehmen möchten, wenden sich bitte an:
Studiensekretariat
Tel.: 06221 / 56 8701
E-Mail: anja.hanemann@med.uni-heidelberg.de
Kontakt Professor Stremmel:
Tel.: 06221 / 56 8705 (Sekretariat)

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/pressestelle/pdf/interview.pdf
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Lecithin-zur-Behandlung-chronisch-entzuendlicher-Darmerkrankungen.102390.0.html

Weitere Berichte zu: Colitis Dickdarm Kortison Nebenwirkung Phosphatidylcholin Schleimschutz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten