Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bedeutende deutsch-französische Studie für die Parkinson-Behandlung

14.02.2013
Tiefe Hirnstimulation verbessert die Lebensqualität bei weit mehr Parkinson-Patienten als bisher angenommen
Die motorischen Störungen und die Lebensqualität von Parkinson-Patienten können in einem früheren Krankheitsstadium durch die Tiefe Hirnstimulation (THS, Neurostimulation) verbessert werden, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Das operative Verfahren kommt derzeit lediglich bei medikamentöser Therapieresistenz mit schwersten Symptomen nach mehr als zehnjähriger Krankheitsdauer zum Einsatz.

Laut einer lange erwarteten Studie mit 251 Parkinson-Patienten im frühen Krankheitsstadium, die am 14. Februar 2013 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wird, ist die frühe Neurostimulation der alleinigen Gabe von Medikamenten überlegen.
„Diese Daten werden wahrscheinlich die Leitlinien zur Behandlung der Krankheit verändern, sodass die Neurostimulation schon viel früher beim Morbus Parkinson genutzt werden kann und deutlich mehr Parkinson-Patienten diese Therapieoption erhalten“, erklärt Professor Günther Deuschl, Direktor der Kieler Universitätsklinik für Neurologie und einer der beiden Senior-Autoren der deutsch-französischen Studie, die vom Bundesministerium für Forschung und Entwicklung (BMBF) mitfinanziert worden war. „Dies ist eine der am präzisesten durchgeführten Studien zur Neurostimulation“, kommentiert Caroline M. Tanner vom Parkinson’s Institute Sunnyvale in Kalifornien im Editorial des Fachmagazins.

Neun deutsche und acht französische Universitätskliniken waren an der Untersuchung beteiligt, die Professor Deuschl – einer der maßgeblichen Wegbereiter der THS – initiiert und gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Professor Yves Agid (Centre Hospitalier Universitaire Pitié-Salpêtrière, Paris) und den Forschern der EARLYSTIM Study Group durchgeführt hat. Die 251 Teilnehmer waren im Durchschnitt 52 Jahre alt und seit 7,5 Jahren an Morbus Parkinson erkrankt, bevor sie randomisiert entweder nur Medikamente erhielten oder zusätzlich bilateral in einer stereotaktischen Operation stimulierende Elektroden in den Nucleus subthalamicus implantiert bekamen. Die Elektroden werden von einem Schrittmacher unter der Haut angeregt. Ein wichtiges Kriterium für die Teilnahme war, dass die Patienten eine gute L-Dopa-Sensitivität zeigten.

Verbesserte Lebensqualität und Verbesserung der Motorik
Bei der Lebensqualität, dem Hauptkriterium der Studie, zeigte sich ein beträchtlicher Zugewinn für die implantierten Patienten: Anhand des Parkinson‘s Disease Questionnaire (PDQ-39) verbesserten sie sich um annähernd 26 Prozent von durchschnittlich 30,2 auf 22,4 Punkte. Die nur medikamentös behandelten Patienten verschlechterten sich dagegen um 0,2 Punkte.„Die Verbesserung der Lebensqualität durch die Tiefe Hirnstimulation (THS) bestätigt frühere Ergebnisse für länger erkrankte Patienten mit schwersten Symptomen“, so Deuschl. Dies war nicht erwartet worden, weil die Krankheit in diesem Stadium auch noch medikamentös behandelt werden kann. Entsprechend hatte sich auch die soziale Anpassungsfähigkeit der Patienten signifikant verbessert. Positiv überrascht hat den Neurologen, dass die operierten Patienten auch bei fast allen sekundären Endpunkten der Studie besser abschnitten: Die Aktivitäten des täglichen Lebens – gemessen Anhand der Skala UPDRS-II – verbesserten sich bei den Implantierten von 15,0 auf 10,5. Ohne THS verschlechterte sich dieser Wert dagegen von 14,8 auf 16,5. Die Mobilität im schlechtesten Zustand (UPDRS-III) verbesserte sich mit der THS von 33,2 auf 15,7, was einer Verbesserung von 53 Prozent entspricht. Nur mit Medikamenten gab es erwartungsgemäß wenig Veränderung (33,0 zu 31,8). Auch im Teilbereich IV der UPDRS-Skala – den durch L-Dopa induzierten Komplikationen – verbesserten sich die tiefhirnstimulierten Patienten deutlich (um 61 Prozent) und schnitten somit wie in den anderen Bereichen hochsignifikant besser ab als Patienten ohne Neurostimulation. Positiv wirkte sich die Neurostimulation auch auf den Medikamentenverbrauch aus: Die tägliche L-Dopa-Äquivalenzdosis reduzierte sich um 39 Prozent, ohne THS nahm sie im Untersuchungszeitraum um 21 Prozent zu. Keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen fanden sich bei den kognitiven Fähigkeiten der Probanden und deren Apathie.

Risiken der Behandlung
Da die THS einen neurochirurgischen Eingriff erfordert, waren in dieser Gruppe mehr Nebenwirkungen erwartet worden. Tatsächlich verzeichneten die Ärzte bei den 124 Operierten 68 schwerwiegende Ereignisse, darunter 27 Mal operative Nebenwirkungen, die jedoch bis auf einen Fall (störende Narbe) folgenlos blieben. Unter den 127 nur medikamentös behandelten Patienten war es zu 56 schwerwiegenden Nebenwirkungen gekommen. Insgesamt, so Deuschls Beobachtung, haben die jüngeren Patienten in dieser Studie die Operation aber besser vertragen, als dies bei früheren Studien mit älteren Patienten der Fall war.
Im Laufe der Studie waren drei Todesfälle durch Suizid zu beklagen. Zwei davon traten in der THS-Gruppe auf, einer in der Medikamentengruppe. Zusätzlich gab es in jedem Studienzweig zwei belegte Suizid-Versuche. Dieser Vergleich deutet darauf hin, dass nicht die Behandlung THS Suizide auslöst, wie bisher vermutet, wahrscheinlich entschließen sich aber mehr risikobereite Patienten für die Operation. „In jedem Fall ist daher bei der Neurostimulation ein engmaschiges Monitoring auf suizidale Tendenzen notwendig“, so Deuschl.

Forschungsbeitrag aus Deutschland
Finanziert wurde die Studie mit Geldern des deutschen Bundesforschungsministeriums, des französischen Programmes Hospitalier de Recherche Clinique National und durch die Firma Medtronic, dem Hersteller der implantierten Neurostimulatoren. Das Unternehmen hatte keinen Einfluss auf das Protokoll, betont Deuschl: „Die Studie ist ein Beispiel dafür, wie man auf Augenhöhe mit der Industrie zusammenarbeiten und seine Unabhängigkeit bewahren kann“, so der Co-Studienleiter. Mehrere weitere Faktoren hätten zu den guten Ergebnissen beigetragen: Beteiligt waren ausschließlich erfahrene Zentren, in denen die Versorgung durch ein multidisziplinäres Team geleistet wurde. Wichtige Grundlagen hat auch die DGN-Arbeitsgemeinschaft Tiefe Hirnstimulation gelegt. „Dieser Zusammenschluss von Klinikteams, der in den vergangenen Jahre in Deutschland ein leistungsfähiges Netzwerk etabliert hat, hat die aktuelle Studie erst möglich gemacht hat“, lobt Deuschl.

Die Parkinson-Krankheit ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. Weltweit sind rund 4,1 Millionen Menschen an Morbus Parkinson erkrankt – das entspricht knapp zwei Prozent der Bevölkerung im Alter von über 60 Jahren. In Deutschland sind etwa 250 000 bis 280 000 Personen betroffen. Studien gehen davon aus, dass sich die Zahl der Patienten bis 2030 wegen des zunehmenden Altersdurchschnitts weltweit auf 8,7 Millionen verdoppelt.

Quellen
Schuepbach WMM; Rau J; Knudsen K et al: Neurostimulation for Parkinson´s Disease with Early Motor Complications. New Engl J Med. 2013 Feb 14. 368; 7:610-622.
Tanner CM: Editorial: A Second Honeymoon for Parkinson’s Disease? New Engl J Med. 2013 Feb 14. 368; 7:675-676.

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen
Prof. Dr. Günther Deuschl
Direktor der Klinik für Neurologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Kiel Campus, Schittenhelmstraße 10, 24105 Kiel
Tel.: +49 (0) 431 597 8500
Mobil: 0172 4499 490
E-Mail: g.deuschl@neurologie.uni-kiel.de

Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
c/o albertZWEI media GmbH, Englmannstraße 2, 81673 München
Tel.: +49 (0)89-461486-22, Fax: +49 (0)89-461486-25
E-Mail: presse@dgn.org

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 7300 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin.
1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Martin Grond
2. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Wolfgang H. Oertel
3. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Ralf Gold
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter

Geschäftsstelle
Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin, Tel: +49 (0)30-531437930, E-Mail: info@dgn.org

Ansprechpartner für die Medien
Frank A. Miltner, Tel: +49 (0)89-461486-22, E-Mail: presse@dgn.org

Pressesprecher der DGN: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Frank A. Miltner | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgn.org/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Weltweit erste Therapiemöglichkeit für Kinderdemenz CLN2 entwickelt
25.04.2018 | Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

nachricht Tabakrauchen verkalkt Arterien stärker als reiner Cannabis-Konsum
11.04.2018 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics