Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Babysimulatoren: Zwischen Kinderwunsch und Kinderschutz

21.08.2008
Babysimulatoren sehen aus wie Babypuppen, aber ihr Innenleben besteht aus einem Computer, der das Verhalten von Säuglingen simuliert.

Junge Mädchen sollen durch die Simulatoren erste Erfahrungen im Umgang mit einem Kind sammeln können. Gleichzeitig zeichnet der Simulator die Versorgungsleistung und die Umgangsfehler der Probanden mit den Baby-Attrappen auf.

Die Simulatoren wurden in den USA entwickelt und haben in Deutschland seit 2000 eine erstaunlich starke Verbreitung und öffentliche Aufmerksamkeit gefunden. Doch der Einsatz der Babysimulatoren erweist sich unter pädagogischen Gesichtspunkten in der Praxis als mangelhaft. Zu diesem Ergebnis kommt die Oldenburger Pädagogin Prof. Dr. Anke Spies in ihrer Untersuchung "Zwischen Kinderwunsch und Kinderschutz - Babysimulatoren in der pädagogischen Praxis". Die Studie, die in Zusammenarbeit mit der Psychologin Lalitha Chamakalayil entstand, liefert erstmals empirische Daten und Befunde zur pädagogischen Arbeit mit Babysimulatoren in Deutschland.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage, ob Mädchen in der Berufsorientierungsphase durch den Simulator unterstützende Impulse für die Familienplanung erhalten können. Spies' Ergebnisse zeigen, dass der ursprünglich als innovativ und produktiv eingeschätzte Einsatz von Babysimulatoren problematische Konsequenzen hat - mit noch unabsehbaren Folgen: Unter dem Schlagwort "Prävention" werden - meist mit der unausgesprochenen Intention der Abschreckung - bevorzugt Mädchen in niedrig qualifizierenden Bildungsgängen mit dem Simulator konfrontiert. "Das Projekt Babysimulator ist darauf ausgerichtet, dass die Mädchen an den Anforderungen des Simulators scheitern und die sozial erwünschte Einsicht formulieren, einen etwaigen Kinderwunsch auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben", so Spies.

Das Problem der Babysimulation liege darin, dass die Mädchen systematisch überfordert sowie öffentlich beschämt und zum Teil mit massiver Verunsicherung zurückgelassen werden. Neben einer oftmals belastenden Situation auf dem Arbeitsmarkt und der Angst, den Einstieg in das Berufsleben zu verpassen, würden durch die Simulation auch familiäre Perspektiven in Zweifel gezogen.

Spies kritisiert, dass beim Einsatz der Babysimulatoren keine individuellen Entwürfe für frühe Schwangerschaften und einen Umgang damit aufgezeigt werden. Dies wird durch die Kooperationspraxis zwischen Jugendhilfe und Schulen untermauert: Anstatt biografische Verläufe mit früher Elternschaft zu normalisieren und ein durchaus notwendiges Unterstützungsangebot (bis hin zur Teilzeitausbildung) aufzuzeigen, werden diese Biographien entwertet und tabuisiert. Der Lerneffekt des Babysimulators, die "gute Absicht", die mit dem Simulatoreneinsatz verfolgt werde, könne eher Zugänge zu Hilfesystemen verschließen und sei damit keineswegs dem Kinderschutz dienlich.

Für die Untersuchung wurden Mädchen unterschiedlicher Bildungsgänge vor Beginn und mit deutlichem zeitlichem Abstand zur Simulationserfahrung in Gruppendiskussionen zu Themen wie Mutterschaft und Lebensplanung befragt. Eine bundesweite Fragebogenerhebung ermittelte quantitative Daten zu Verbreitung, Konzepten und Kooperationsansätzen, die durch 28 Leitfadeninterviews mit PädagogInnen aus der Praxis angereichert wurden. Zusätzlich wurde die Studie durch eine differenzierte Analyse der Daten des Statistischen Bundesamtes zu Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüchen bei Minderjährigen ergänzt.

Spies, Anke: "Zwischen Kinderwunsch und Kinderschutz - Babysimulatoren in der pädagogischen Praxis", VS-Verlag, Wiesbaden.

Kontakt: Prof. Dr. Anke Spies, Institut für Pädagogik, Tel.: 0441/798-2283, E-Mail: anke.spies@uni-oldenburg.de

Gerhard Harms | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-oldenburg.de
http://www.uni-oldenburg.de/fk1/8328.html

Weitere Berichte zu: Babysimulator Kinderschutz Kinderwunsch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Von Agenten, Algorithmen und unbeliebten Wochentagen

28.03.2017 | Unternehmensmeldung

Hannover Messe: Elektrische Maschinen in neuen Dimensionen

28.03.2017 | HANNOVER MESSE

Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome

28.03.2017 | Medizin Gesundheit