Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Babys überflügeln Erwachsene beim Lernen sprachlicher Regeln

11.09.2012
Durch bloßes Zuhören erkennen Säuglinge komplexe Abhängigkeiten zwischen Silben, sobald ihre Lautverarbeitung ausreichend entwickelt ist

Bereits im Alter von drei Monaten entdecken und speichern Säuglinge ganz automatisch komplexe Regeln gesprochener Sprache. Das ist das Ergebnis einer Studie am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, bei der die Hirnreaktionen von Babys gemessen wurden.

Erwachsene registrierten die Regeln dagegen nur dann, wenn sie aufgefordert wurden, danach zu suchen. Der Beginn des automatischen Regellernens scheint bei den Säuglingen zudem abhängig von der Fähigkeit zu sein, Tonhöhenveränderungen auf eine bestimmte Art und Weise zu verarbeiten.

Dass Babys ein besonderes Talent zum Lernen von Sprache haben, gilt fast schon als Binsenweisheit; der rasante Verlauf der kindlichen Sprachentwicklung ist weithin bekannt. Trotzdem sind Erwachsene kleinen Babys, die noch ganz am Anfang ihrer Sprachentwicklung stehen, in den meisten sprachlichen Bereichen natürlich haushoch überlegen. Wie drei Forscherinnen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig nun herausgefunden haben, gilt dies jedoch nicht für das Lernen von komplexen sprachlichen Mustern.

Jutta Mueller, Angela D. Friederici und Claudia Männel spielten drei Monate alten Säuglingen für 20 Minuten Silbensequenzen vor. Dabei bildeten jeweils zwei Silben, die durch eine weitere Silbe getrennt waren, ein Paar, wie etwa die Silben le…bu oder fi…to. „Solche Abhängigkeiten zwischen nicht benachbarten Silben bilden einen der Grundbausteine menschlicher Sprache und finden sich bei vielen grammatikalischen Regeln“, erklärt die Erstautorin der Studie, Jutta Mueller. So etwa bei der Konjugation von Verben: „ich geh-e“, aber „du geh-st“.

In dem Sprachstrom, der insgesamt 65 Säuglingen präsentiert wurde, trat von Zeit zu Zeit eine Silbe an der falschen Stelle auf, z.B. le-wi-to statt le-wi-bu. Damit wurde die aufgestellte Regel verletzt. „Die Gehirnreaktion der Kinder zeigte uns, dass sie diese Verletzungen erkannten, also die Regel automatisch extrahiert hatten“, erklärt Mueller.

Zusätzlich wurde ab und zu eine Silbe in einer höheren Tonlage gesprochen. Dabei zeigten die Hirnstrommessungen, dass nur die Babys, die auf diese Tonhöhenunterschiede mit einer sogenannten reifen Hirnreaktion – einer negativen Abweichung im Potenzialverlauf des Elektroenzephalogramms (EEG) – reagierten, auch auf die Regelabweichung reagierten. Die anderen Babys konnten die Regelabweichung dagegen offenbar noch nicht entdecken.

Erwachsene, denen die Silben in gleicher Weise wie den Babys präsentiert wurden, konnten die Regel überhaupt nicht finden. Erst als sie die Aufgabe erhielten, nach Regeln zu suchen, waren einige der getesteten Erwachsenen dazu in der Lage. Interessanterweise zeigten diese erfolgreichen Erwachsenen ebenfalls ein stärkeres elektrisches Potenzial für die Tonhöhenabweichung als jene, die die Regel nicht entdecken konnten.

Dass kleine Kinder scheinbar so mühelos Sprache lernen, wird durch die Ergebnisse der Leipziger Studie besser verständlich. „Spannend ist zudem, dass wir eine so enge Abhängigkeit zwischen der Verarbeitung von Tonhöhenunterschieden und Sprachlernprozessen zeigen konnten“, sagt Mueller. Ob sich die bei den Babys beobachteten Unterschiede langfristig auf die Sprachentwicklung auswirken oder später wieder ausgleichen, prüfen die Forscherinnen derzeit in einer Folgestudie mit derselben Kindergruppe.

Contact

Dr. Jutta L. Mueller
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig
Telefon: +49 341 9940-2230
Email: muellerj@­cbs.mpg.de
Dr. Claudia Männel
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig
Telefon: +49 341 9940-126
Email: maennel@­cbs.mpg.de
Peter Zekert
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig
Telefon: +49 341 9940-2404
Fax: +49 341 9940-2221
Email: zekert@­cbs.mpg.de
Originalveröffentlichung
Jutta L. Mueller, Angela D. Friederici, Claudia Maennel
Auditory perception at the root of language learning
PNAS, September 10, 2012, Early Edition

Dr. Jutta L. Mueller | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/6340502/Babies_sprachliche-Regeln

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise