Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ausbau des Welthandels macht Nahrungsproduktion billiger – auf Kosten der Umwelt

22.11.2011
Eine zunehmende weltweite Öffnung der Märkte für landwirtschaftliche Produkte lässt langfristig die Produktionskosten für Nahrungsmittel sinken.

Dies geht aber zu Lasten von Umwelt und Klima, etwa wenn Wälder zu Äckern umgewandelt werden. Diesen Zielkonflikt zwischen Ernährung und Klimaschutz zeigen jetzt Berechnungen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) für die Jahre 2005 bis 2045.

Erstmals wurden hier in einer gekoppelten ökonomischen und biophysikalischen Computersimulation umfassend die Effekte einer voranschreitenden Liberalisierung des Agrarhandels untersucht – die wirtschaftlichen Auswirkungen genauso wie jene auf Landnutzung und Natur. Dies ist eines der Themen für den UN-Gipfel in Durban kommende Woche.

„Der Handel mit Getreide und Zucker, mit Soja und Fleisch hat sich seit 1950 mehr als verzehnfacht“, sagt Christoph Schmitz, Hauptautor der in der Fachzeitschrift Global Environmental Change veröffentlichten Studie. Sein Team hat drei Szenarien für den Welthandel der Zukunft durchgespielt, und dies mit Blick auf die unterschiedlichen Regionen der Erde.

„Die Folgen einer Ausweitung des globalen landwirtschaftlichen Handels für das Weltklima könnten drastisch sein – jedenfalls wenn nicht ergänzend neue Regeln eingeführt werden“, so Schmitz. Der wichtigste Grund hierfür: In einem liberalisierten Weltmarkt verschieben sich Produktionsgebiete hin zu tropischen Regionen, was dort zur Ausweitung der Agrarflächen zu Lasten der Natur führt.

Äcker statt Urwald am Amazonas: billige Produktion, teure Emissionen

Wenn der Welthandel bis 2045 von allen Schranken befreit würde, könnte in dem Zeitraum von vier Jahrzehnten die weltweite landwirtschaftliche Produktion um insgesamt etwa 11 Billionen US-Dollar billiger werden als ohne diese – eine Einsparung von rund einem Zehntel. Zugleich stiege der Ausstoß von landwirtschaftlichen Treibhausgasen bis 2045 um rund 15 Prozent gegenüber einem Szenario ohne Ausweitung des Handels. Ein mittleres Szenario der Marktöffnung ergibt immer noch zusammen 6,5 Billionen US-Dollar an Einsparungen und fast 10 Prozent mehr klimaschädliche Emissionen. Die Umweltkosten sind also erheblich.

Lateinamerika wäre im Fall der Liberalisierung den Berechnungen zufolge der große Gewinner beim Export von Getreide und Ölsaaten – dies aber stärker als sonst irgendwo auf der Welt durch das Abholzen von Regenwald, weil die Ausweitung der Anbauflächen etwa im Amazonasgebiet entsprechend ausgeweitet würden. Nordamerika und Europa würden dann weniger exportieren. China könnte führend im Export von Fleisch werden. Bei der Tierhaltung zeigen die Berechnungen im Vergleich zu heute zwar einen starken absoluten Anstieg des Ausstoßes von Treibhausgasen, aber nur geringe Unterschiede zwischen den verschiedenen Handels-Szenarien.

Schutz von Wäldern ist Thema in Durban – Handelsfragen sind hierfür relevant

„Die Lockerung von Handelsbeschränkungen kann unserer Analyse zufolge nicht einfach verdammt werden“, erklärt Hermann Lotze-Campen mit Blick auf die heftige aktuelle Debatte der Öffentlichkeit über Welthandel und kurzfristig schwankende Agrarpreise. Er ist Leiter des Forschungsprojekts zum Thema. „Liberalisierung kann der Welternährung nachhaltig nutzen, wenn zugleich auf internationaler Ebene Regeln geschaffen werden zur Eindämmung landwirtschaftlicher Umweltwirkungen.“

Aus ihrer Studie leiten die Wissenschaftler erstens ab, dass Regeln für Welthandel und Klimaschutz in den internationalen Verhandlungen nicht mehr getrennt behandelt werden sollten. „Hierüber könnte auch beim Klimagipfel gesprochen werden“, sagte Lotze-Campen. „Der institutionalisierte Schutz der Wälder ist entscheidend für die Erreichung ambitionierter Emissionsziele und ist einer der wichtigen Punkte auf der Tagesordnung in Durban.“ Der Studie entsprechend sind verschiedene Optionen möglich. Vereinbarungen zur Handelsliberalisierung könnten in Zukunft einhergehen mit dem Schutz von Wäldern vor Abholzung. Zweitens sei die Kostenersparnis durch die billigere Nahrungsproduktion so groß, dass aus diesen Summen sehr gut Maßnahmen zum Klimaschutz bezahlt werden könnten; etwa Aufforstung oder die Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen in der Landwirtschaft . Umgekehrt wären Ausgleichszahlungen für einen weitgehenden Verzicht auf die Umwandlung von Wäldern in Ackerflächen zumindest rein rechnerisch gut finanzierbar aus den eingesparten Kosten für zusätzliche Emissionszertifikate.

Investieren in landwirtschaftliche Innovation

Eine umweltverträgliche Ausweitung der Agrarproduktion sei drittens nur machbar, wenn rasch deutlich mehr Geld in die Entwicklung besserer Anbaumethoden gesteckt werde, so die Forscher. „Die Investitionen in Ertragssteigerungen sind in den letzten Jahrzehnten zurückgefallen“, betont Lotze-Campen. Gerade in Entwicklungsländern lasse sich hier aber noch viel erreichen. „Wenn auf der gleichen Fläche mehr produziert werden kann, so dient dies am Ende beidem: der Sicherung der Welternährung wie auch dem Klimaschutz.“

Artikel:
Schmitz, C., Biewald, A., Lotze-Campen, H., Popp, A., Dietrich, J.P., Bodirsky, B., Krause, M., Weindl, I. (2011): Trading more Food - Implications for Land Use, Greenhouse Gas Emissions, and the Food System. Global Environmental Change, [doi:10.1016/j.gloenvcha.2011.09.013] (in press)

Kontakt für weitere Informationen:

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Pressestelle
Telefon: +49 (0)331 288 2507
E-Mail: presse@pik-potsdam.de

| PIK Potsdam
Weitere Informationen:
http://www.pik-potsdam.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

nachricht Europas demografische Zukunft
25.07.2017 | Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Im Focus: Breitbandlichtquellen mit flüssigem Kern

Jenaer Forschern ist es gelungen breitbandiges Laserlicht im mittleren Infrarotbereich mit Hilfe von flüssigkeitsgefüllten optischen Fasern zu erzeugen. Mit den Fasern lieferten sie zudem experimentelle Beweise für eine neue Dynamik von Solitonen – zeitlich und spektral stabile Lichtwellen – die aufgrund der besonderen Eigenschaften des Flüssigkerns entsteht. Die Ergebnisse der Arbeiten publizierte das Jenaer Wissenschaftler-Team vom Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT), dem Fraunhofer-Insitut für Angewandte Optik und Feinmechanik, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Helmholtz-Insituts im renommierten Fachblatt Nature Communications.

Aus einem ultraschnellen intensiven Laserpuls, den sie in die Faser einkoppeln, erzeugen die Wissenschaftler ein, für das menschliche Auge nicht sichtbares,...

Im Focus: Flexible proximity sensor creates smart surfaces

Fraunhofer IPA has developed a proximity sensor made from silicone and carbon nanotubes (CNT) which detects objects and determines their position. The materials and printing process used mean that the sensor is extremely flexible, economical and can be used for large surfaces. Industry and research partners can use and further develop this innovation straight away.

At first glance, the proximity sensor appears to be nothing special: a thin, elastic layer of silicone onto which black square surfaces are printed, but these...

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

IT-Experten entdecken Chancen für den Channel-Markt

25.07.2017 | Unternehmensmeldung

Erst hot dann Schrott! – Elektronik-Überhitzung effektiv vorbeugen

25.07.2017 | Seminare Workshops

Dichtes Gefäßnetz reguliert Bildung von Thrombozyten im Knochenmark

25.07.2017 | Biowissenschaften Chemie