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Asthma und Allergien auf dem Vormarsch: Weltweite Studie „ISAAC“ zieht nach 20 Jahren Bilanz

08.04.2011
Bilanz eines Mammut-Projekts: In diesem Jahr blickt ISAAC, eine weltweit beispiellose Langzeitstudie zu Asthma und Allergien, auf 20 Jahre Forschungstätigkeit zurück.

Zwei Millionen Kinder und Jugendliche in 106 Ländern wurden seit dem Start 1991 untersucht. Klares Fazit: Die richtige Lebensweise, wie gesunde Ernährung und Verzicht auf Zigaretten – auch bei den Eltern –, können schützen. Überraschend: Asthma und Allergien sind im Osten Deutschlands seltener als im Westen. Und: Je reicher ein Staat wird, desto größer wird dort das Asthma-Problem.

Die Wurzeln der nun ausgelaufenen Studie - deren Daten aber noch lange genutzt werden können - liegen in Neuseeland und Deutschland. Ein münsterscher Medizinprofessor spielte eine Schlüsselrolle: „ISAAC ist aus zwei multinationalen Projekten entstanden“, erinnert sich Prof. Dr. Ulrich Keil, der 2009 emeritierte Gründer und langjähriger Direktor des Instituts für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Münster (WWU).

„Eine Initiative aus Auckland in Neuseeland plante eine Vergleichsstudie zur Asthma-Schwere in verschiedenen Ländern. Und in Bochum, wo ich damals tätig war, befassten wir uns mit dem zeitlichen Verlauf und den Ursachen von Asthma und Allergien bei Kindern.“ Bei Tagungen in Deutschland fanden die Partner zusammen, 1991 wurde ISAAC geboren. Als Keil kurz darauf nach Münster berufen wurde, verschob sich der deutsche Schwerpunkt der Studie an die Medizinische Fakultät der WWU.

Der Studien-Kurztitel steht für „International Study of Asthma and Allergies in Childhood“. Es handelt sich dabei um die bisher größte epidemiologische Studie an Kindern und Jugendlichen weltweit. Epidemiologen befassen sich mit der Gesundheit und Krankheiten auf Ebene von Populationen, also etwa bezogen auf die Bevölkerung eines Landes oder der Welt. Mit ISAAC wurde die Häufigkeit und Verbreitung von Symptomen dreier unterschiedlicher Krankheiten erforscht: Asthma, Heuschnupfen und allergiebedingte Juckflechte (Ekzem). Diese Krankheiten hängen zusammen; Asthma kann durch Allergien ausgelöst werden. Die Untersuchungen an zwei Millionen Kindern und Jugendlichen fanden in 314 Studienzentren statt; in vielen Ländern wurden sie also in verschiedenen Städten und Regionen durchgeführt. Münster und Greifswald waren die deutschen Zentren.

Um die Entwicklung der Krankheiten zu untersuchen, befragten die Forscher in zwei Wellen: Die erste Untersuchungswelle lag vorwiegend in den Jahren 1994 und 1995, die zweite durchschnittlich sieben Jahre später, also zu Beginn dieses Jahrtausends. Befragt wurden jeweils die Eltern von sechs bis sieben Jahre alten Kindern, und 13 bis 14 Jahre alte Jugendliche wurden selbst befragt. Dafür verwendeten die Forscher einen einfachen standardisierten Fragebogen, teilweise ergänzt durch Videos, mit denen sie den Befragten typische Asthmasymptome zeigten. Zwischen den beiden Erhebungswellen gab es eine weitere, detailliertere Phase. Darin wurden – in deutlich weniger Studienzentren – zehn bis elf Jahre alte Kinder mit klinischen Tests inklusive genetischer Analysen untersucht. Diese Phase, so Keil, habe aber trotz des komplexen und aufwendigen Vorgehens die in sie gesetzten großen Hoffnungen bisher noch nicht erfüllt.

In auffällig vielen englischsprachigen Ländern – in Großbritannien, Neuseeland, Australien, Irland, Kanada und den USA – sind bei besonders vielen (mindestens neun Prozent) der Kinder in den vorigen zwölf Monaten mindestens zwei der drei abgefragten Symptome (Asthma, Heuschnupfen und Ekzem) aufgetreten. „Das hat uns überrascht“, sagt Keil: Sein inzwischen verstorbener wichtigster deutscher ISAAC-Kollege, Prof. Dr. Stephan Weiland, habe gescherzt, die englische Sprache sei Hauptursache der Symptome. Tatsächlich liegt es wohl an der ähnlichen Ernährung in den Ländern: „Trans-Fettsäuren in frittierten Gerichten, in Fast Food, vielen Margarinen und Backwaren schaden. Mediterrane Kost mit Meeresfisch, Gemüse, Hülsenfrüchten, Brot, Nüssen und Oliven- oder Rapsöl hingegen schützt.“

Auch der Verzicht auf die Zigarette senkt offensichtlich das Risiko: Kinder von rauchenden Eltern gaben häufiger allergische Symptome und Asthma an. Rauchen und ungesundes Essen sind auch als Risikofaktoren für Herz- und Kreislauferkrankungen bekannt. In der riesigen Datenbank von ISAAC fanden sich daneben Hinweise, dass sich das Stillen von Säuglingen positiv auswirkt – und die Einnahme von Paracetamol in früher Kindheit zur Entwicklung von Allergien beitragen kann.

Auf Ebene der Staaten zeigt sich ein Einfluss ökonomischer Faktoren: Je höher das Bruttosozialprodukt (BSP) eines Staates ist, desto mehr Menschen leiden unter Asthma. „Uns haben die riesigen Unterschiede überrascht“, sagt Keil: „In Albanien etwa gab eine winzige Minderheit von weniger als drei Prozent der Befragten für die letzten zwölf Monate Asthma-Symptome an, in Großbritannien, Neuseeland, Australien, Irland, Kanada und den USA war der Anteil teils zehnmal so hoch.“ Schweres Asthma ist in reichen Ländern aber nicht stärker verbreitet. Die Erklärung liegt nahe: Da die medizinische Versorgung in reichen Ländern besser ist, kann eine Verschlimmerung der Symptome häufig verhindert werden.

Da die ISAAC-Untersuchungen in zwei Wellen durchgeführt worden sind, lassen sich die zeitlichen Trends abschätzen: „In den reichen Ländern nimmt die Häufigkeit von Asthma nicht zu, in bisher ärmeren aber schon. Der Unterschied zwischen den Ländern wird also kleiner. Da aber der größere Teil der Weltbevölkerung in Ländern mit niedrigem BSP lebt und dort auch das Bevölkerungswachstum größer ist, leidet ein immer größerer Teil der Weltbevölkerung an Asthma.“

Deutschland liegt bei allen untersuchten Symptomen im Mittelfeld. Der Unterschied zwischen den beiden deutschen Studienzentren Münster und Greifswald ist relativ gering, aber statistisch signifikant; in Greifswald sind die Kinder und Jugendlichen gesünder. Eine mögliche Erklärung: „Kinderkrippen waren und sind auf dem Gebiet der ehemaligen DDR weiter verbreitet“, so Keil. „Die Kinder werden deshalb stärker mit Keimen konfrontiert und ihr Immunsystem kann sich dadurch besser entwickeln.“ In Münster untersuchten die Forscher zusätzlich den Einfluss von Belastungen durch den Straßenverkehr – das Ergebnis: Kinder an Hauptstraßen haben häufiger Asthma als Kinder, die in verkehrsarmen Seitenstraßen wohnen. Laut Keil sind Abgase aus Diesel-Motoren das Problem; Abgase aus Industrie-Schloten hätten demgegenüber nur einen geringen Einfluss.

Dr. Christina Heimken | idw
Weitere Informationen:
http://isaac.auckland.ac.nz/index.html
http://www.uni-muenster.de/

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