Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Angst und Ärger verleiten Autofahrer zum Rasen

15.08.2014

Studie zum Einfluss von Emotionen auf das Fahrverhalten

Nach einer Schrecksekunde - etwa einem Beinahe-Unfall - verhalten sich Autofahrer oft nicht etwa vorsichtiger. Im Gegenteil: Viele drücken auf den Kilometern danach erst recht auf die Tube.

Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Leuphana Universität Lüneburg in einer aktuellen Studie. An der Untersuchung nahmen insgesamt 79 Probanden teil. Sie mussten in einem Fahrsimulator einen Testparcours bewältigen und im Anschluss ihre Emotionen zu Protokoll geben. Dabei wurden sie mit verschiedenen typischen Verkehrssituationen konfrontiert.

In einem Fall mussten sie beispielsweise plötzlich auf die Bremse steigen, um einen Auffahrunfall zu verhindern. Sie fuhren daraufhin zwar kurzfristig langsamer. Auf den Kilometern danach beschleunigten sie aber wieder und überschritten dabei sogar oft das Tempolimit. Außerdem fuhren sie insgesamt unberechenbarer; sie lenkten zum Beispiel abrupter.

„Angst verändert das Fahrverhalten messbar zum Negativen“, resümiert Dr. Ernst Roidl. Er hat die Studie zusammen mit Professor Dr. Rainer Höger von der Leuphana Universität Lüneburg konzipiert und durchgeführt. „Und zwar nicht nur kurzfristig – der Effekt wirkt für einige Kilometer nach.“

Wir drücken also erst recht auf die Tube, wenn uns kurz zuvor der Schrecken in die Glieder gefahren ist. Dieses Ergebnis wirkt auf den ersten Blick paradox. „Angst vermindert unsere Risikobereitschaft, und dennoch verhalten wir uns riskanter“, sagt Roidl.

„Wir vermuten, dass viele Menschen nach einem Schrecken einfach unaufmerksamer fahren: Sie bleiben mit dem Gedanken bei der Gefahrensituation und reagieren nicht mehr adäquat auf das, was im Moment auf der Straße passiert.“

Ärger ist ein schlechter Beifahrer

Auch Ärger verleitet dazu, zu schnell zu fahren. Wenn die Studienteilnehmer einige Zeit hinter einem Sonntagsfahrer herschleichen mussten, traten sie danach umso heftiger aufs Gaspedal. Sie fuhren zudem deutlich riskanter als normalerweise.

Dieser Effekt hielt ebenfalls einige Minuten an. „Wenn wir uns ärgern, neigen wir zudem dazu, uns selbst zu überschätzen“, warnt Roidl. „Ärger schärft den Focus; wir denken, wir hätten alles im Griff. Wir sind daher eher bereit, Risiken einzugehen.“

Professor Höger erforscht seit einigen Jahren den Einfluss von Gefühlen auf das Fahrverhalten. Der Arbeitspsychologe sucht unter anderem nach technischen Methoden, mit denen sich die emotionale Verfassung des Fahrers messen lässt.

Denkbar sind etwa Sensoren im Lenkrad, die die Schweißentwicklung der Hände oder ihre Muskelspannung registrieren. Das Auto könnte dann entsprechende Warnmeldungen ausspucken, um dem Fahrer seine Anspannung bewusst zu machen.

Momentan ist das eher Sache des Beifahrers. Doch Roidl warnt vor Beruhigungsversuchen nach dem Motto „Hey, entspann dich doch einfach.“ Denn die könnten einigen Studien zufolge den Ärger sogar noch verstärken. Besser wirke es möglicherweise, wenn der Fahrer einfach einmal kurz auf die Hupe haue, um sich abzureagieren. „Langfristig kann das aber natürlich keine Lösungsstrategie sein“, betont der Wissenschaftler.

Stattdessen solle man versuchen, sich in den Auslöser des Ärgers hineinzuversetzen: Warum trödelt der Fahrer vor mir wohl so? Macht es ihm zusätzlich Angst, wenn ich so dicht auffahre? Wie würde ich reagieren, wenn hinter mir jemand mit der Lichthupe drängelt? „Das ist sicher eines der besten Mittel gegen Ärger im Straßenverkehr“, sagt Roidl: „Empathie!“

Ernst Roidl, Berit Frehse, Rainer Höger: Emotional states of drivers and the impact on speed, acceleration and traffic violations—A simulator study; Accident Analysis and Prevention 70 (2014) 282–292; DOI: 10.1016/j.aap.2014.04.010

Kontakt:
Dr. Ernst Roidl
Institut für Experimentelle Wirtschaftspsychologie
Leuphana Universität Lüneburg
Telefon: 0176/2105555
E-Mail: roidl@leuphana.de

Prof. Dr. Rainer Höger
Institut für Experimentelle Wirtschaftspsychologie
Leuphana Universität Lüneburg
Telefon: 04131/677-7712
E-Mail: hoeger@uni.leuphana.de

Henning Zuehlsdorff | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Berichte zu: Analysis Angst Auto Emotionen Fahrverhalten Rasen Schrecken Sensoren Studie Telefon Tube Wirtschaftspsychologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue Studie „Education first! Bildung entscheidet über die Zukunft Sahel-Afrikas“
29.11.2017 | Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

nachricht Zukunftsstudie zum Autoland Saarland veröffentlicht
29.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Materialinnovationen 2018 – Werkstoff- und Materialforschungskonferenz des BMBF

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovativer Wasserbau im 21. Jahrhundert

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rest-Spannung trotz Megabeben

13.12.2017 | Geowissenschaften

Computermodell weist den Weg zu effektiven Kombinationstherapien bei Darmkrebs

13.12.2017 | Medizin Gesundheit

Winzige Weltenbummler: In Arktis und Antarktis leben die gleichen Bakterien

13.12.2017 | Geowissenschaften