Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Angst vor sozialem Abstieg in Japan

22.07.2010
Ergebnisse einer Studie des Deutschen Instituts für Japanstudien

Über gut drei Jahrzehnte waren Ungleichheit und Armut in Japan als Themen fast vollständig ausgeblendet, jetzt wird die Zunahme unsicherer Lebensverhältnisse vielfach diskutiert. Ein Land, das sich bisher als homogene Mittelschichtgesellschaft wahrnahm, fühlt sich gespalten. Die Mitte der Gesellschaft ist dabei plötzlich kein Thema mehr. Sie scheint vielmehr gegenüber der Sorge, zu den sozialen Verlierern zu gehören, in den Hintergrund zu treten.

Dass ein solcher Abstieg schnell tragisch enden kann, führen zahlreiche Medienberichte über Working Poor und Net Cafe Nanmin fast täglich vor. Entsprechend zeigen Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage des Deutschen Instituts für Japanstudien (DIJ) im September 2009, dass das Bewusstsein für soziale Entsicherung hoch ist: 89 Prozent der Befragten meinen, dass soziale Notlagen gegenwärtig zunähmen.

Das Risiko des sozialen Abstiegs wird aber nicht nur bei anderen gesehen. Große Teile der Bevölkerung fühlen sich persönlich bedroht: 72 Prozent fürchten, ihr gegenwärtiges Einkommen nicht halten zu können. 65 Prozent der Erwerbstätigen schließen ihren beruflichen Abstieg in naher Zukunft nicht aus. Darüber hinaus gehen 85 Prozent davon aus, im Alter ihre Ansprüche deutlich senken zu müssen.

Hoher Anteil subjektiv Armer

Ein Blick auf die objektive finanzielle Situation zeigt, dass solche Ängste nicht unbegründet sind: Gut die Hälfte (52 Prozent) geben an, keine Rücklagen für schlechte Zeiten zu haben. „Eine plötzliche Krankheit oder auch allein ein Schulausflug der Kinder - unvorhersehbare Ausgaben führen da schnell zu finanziellen Engpässen“, erklärt Carola Hommerich, Soziologin am DIJ und verantwortlich für die Studie: „Über die Hälfte der Befragten empfindet es als ständige Gratwanderung mit dem Geld zurechtzukommen, dass monatlich zur Verfügung steht.“ 42 Prozent der Befragten, so Hommerich, bezeichnen sich gar als arm.

Ein solch hoher Anteil subjektiv Armer ist nicht direkt mit der objektiven relativen Armutsrate vergleichbar, die im Oktober 2009 erstmals von der japanischen Regierung veröffentlicht wurde und bei 15,7 Prozent lag. Dennoch verdient er Beachtung, denn er zeugt von erlebten finanziellen Einbußen und Verunsicherung. Auch in der in der DIJ-Befragung verwendeten Kategorisierung ordnen sich zwar noch 74 Prozent der Japaner in der Mitte der Gesellschaft ein. Im Vergleich zu vor 10 Jahren haben aber 37% subjektiv einen sozialen Abstieg erlebt.

Wer aber hilft im Notfall? Die Erwartungen an den Staat sind eher gering. Nur 16 Prozent der Befragten vertrauen darauf, dass sie in einer Notsituation von einer staatlichen Institution unterstützt werden. Im Alter durch den Staat ausreichend abgesichert fühlen sich gerade einmal 7 Prozent. Insgesamt haben fast drei Fünftel Angst vor der Zukunft.

Vergleich mit anderen wichtiger als objektive Lage

Angst und Verunsicherung ziehen sich durch die ganze Gesellschaft: Die DIJ-Studie zeigt, dass nicht nur prekäre, sondern auch gut situierte Gruppen Angst vor finanziellen und sozialen Einbußen haben. Die Stärke der Angst vor sozialem Abstieg wird nicht maßgeblich durch die objektive Lage der Individuen beeinflusst. Stärker ist dagegen der Zusammenhang mit der subjektiven Schichtzugehörigkeit. Die Abstiegsangst ist größer, je niedriger man sich selber in der Gesellschaft einordnet. Aber auch diejenigen, die sich in der Mitte der Gesellschaft sehen, haben überdurchschnittlich hohe Abstiegsangst und gerade die untere Mitte bangt um ihre Zugehörigkeit zur Mittelschicht.

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an:
Dr. Carola Hommerich
Deutsches Institut für Japanstudien (DIJ)
Jochi Kioizaka Bldg. 2F
7-1 Kioicho
Chiyoda-ku, Tokyo 102-0094
Japan
Ph. +81 (0)3 3222-5285
Fax: +81 (0)3 3222-5420
Email: hommerich@dijtokyo.org
http://www.dijtokyo.org
Dr. Carola Hommerich, Soziologin am Deutschen Institut für Japanstudien (DIJ) im Forschungsschwerpunkt „Glück und Unglück in Japan“, ist verantwortlich für Konzeption, Durchführung und Analyse der zitierten Befragung. Die Studie ist Teil eines deutsch-japanischen Vergleichs, der in Kooperation mit Prof. Dr. Heinz Bude und Prof. Dr. Ernst-Dieter Lantermann von der Universität Kassel durchgeführt wird.

Gesche Schifferdecker | idw
Weitere Informationen:
http://www.dijtokyo.org
http://www.dijtokyo.org/research/comparatively_happy

Weitere Berichte zu: Abstieg Abstiegsangst Einbußen Japanstudien Verunsicherung Working Poor

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Im Focus: Physiker erzeugen gezielt Elektronenwirbel

Einem Team um den Oldenburger Experimentalphysiker Prof. Dr. Matthias Wollenhaupt ist es mithilfe ultrakurzer Laserpulse gelungen, gezielt Elektronenwirbel zu erzeugen und diese dreidimensional abzubilden. Damit haben sie einen komplexen physikalischen Vorgang steuern können: die sogenannte Photoionisation oder Ladungstrennung. Diese gilt als entscheidender Schritt bei der Umwandlung von Licht in elektrischen Strom, beispielsweise in Solarzellen. Die Ergebnisse ihrer experimentellen Arbeit haben die Grundlagenforscher kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Physical Review Letters“ veröffentlicht.

Das Umwandeln von Licht in elektrischen Strom ist ein ultraschneller Vorgang, dessen Details erstmals Albert Einstein in seinen Studien zum photoelektrischen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

Unter der Haut

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Neues Schiff für die Fischerei- und Meeresforschung

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit voller Kraft auf Erregerjagd

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie