Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Aktiv gegen das Vergessen

09.03.2012
Mit einem speziellen Programm aus Bewegung, geistiger Aktivität und alltagspraktischem Training kann das Voranschreiten von Demenz nachhaltig verzögert werden – und das ganz ohne Medikamente.
Das hat eine Studie von Forschern um Prof. Dr. Elmar Gräßel von der Psychiatrischen und Psychotherapeutische Klinik am Universitätsklinikum der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) ergeben. Die Wissenschaftler haben eine Therapie für Demenzkranke entwickelt und diese ein Jahr lang gemeinsam mit Bewohnern von Pflegeheimen in Bayern erprobt. Ihre Forschungsergebnisse haben sie jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Biomed Central Medicine veröffentlicht.

Demenzerkrankungen können viele verschiedene Ursachen haben. Ihre Symptome sind Verwirrung, Gedächtnisverlust, Sprach- und Verständnisprobleme. Ganz gleich, ob die Demenz langsam oder schnell verläuft, geht sie immer mit geistigem und körperlichem Abbau einher. Sowohl für die betroffenen Patienten als auch für deren Angehörige kann die Krankheit eine große Belas­tung darstellen. Mit der neuen Aktivierungstherapie „MAKS“ lasse sich die das Fortschreiten der Demenz mindestens zwölf Monate aufhalten, sagen die Erlanger Forscher.
Das MAKS-Programm umfasst ein ganzheitliches Therapiekonzept, das auf Bewegung, Denken und Selbstständigkeit im Alltag einwirkt. Die Abkürzung MAKS steht dabei für „motorisch, alltagspraktisch, kognitiv und spirituell“. Sportspiele wie Bowling und Krocket, Gleichgewichtsübungen und kognitive Aufgaben wie Buchstabenrätsel sind Bestandteile des Programms, aber auch Alltagsaktivitäten wie das Zubereiten von Essen, Gartenarbeit und Basteln gehören dazu. Darüber hinaus schließt die MAKS-Therapie ein „spirituelles Element“ ein, das unter anderem existenziellen Fragen des höheren Lebensalters Rechnung trägt, aber auch gemeinsames Singen einschließt. „Die einzelnen Elemente der Therapie sind zwar nicht neu“, betont Professor Gräßel, „wir haben sie jedoch weiter entwickelt, das heißt auf die Fähigkeiten von Menschen mit Demenz angepasst.“ In einem Handbuch haben die Wissenschaftler eine Vielzahl von verschiedenen Aufgaben detailliert beschrieben und die kognitiven Übungen neu erstellt, so dass sie in abgestuften Schwierigkeitsgraden vorliegen. So kann die MAKS-Therapie in allen Pflegeeinrichtungen nach dem gleichen Konzept angegangen werden.“

An der Studie zur Erprobung der Aktivierungstherapie nahmen insgesamt 50 Bewohner aus fünf bayerischen Pflegeeinrichtungen teil, die in Gruppen von zehn Personen zwei Stunden pro Tag, sechs Tage in der Woche mit dem MAKS-Programm gefördert wurden. Darüber hinaus nutzten die Patienten auch die regulären Angebote der Pflegeheime. Auf die Einnahme von Arzneimitteln jeglicher Art wurde kein Einfluss genommen. Zwölf Monate nach Therapiebeginn zeigten sich die geistigen und alltagspraktischen Fähigkeiten der MAKS-Teilnehmer noch immer stabil, berichten die Erlanger Forscher. Bei der ebenfalls 50 Personen umfassenden Kontrollgruppe hingegen, nahmen diese Fähigkeiten weiter ab, ganz besonders im zweiten Halbjahr der Untersuchung.

„Vergleicht man nun die Wirkstärke der MAKS-Aktivierung mit der von Arzneimitteln gegen die Alzheimer-Demenz aus anderen Studien, zeigt sich folgendes Bild: Bei milder oder moderater Demenz wirkt die MAKS-Therapie auf die geistigen Fähigkeiten der Demenz-Patienten genau so effektiv wie spezielle Arzneimittel zur Behandlung der Alzheimer-Demenz, auf die alltagspraktischen Fähigkeiten sogar deutlich stärker“, fasst Professor Gräßel die Ergebnisse der Untersuchung zusammen. Das zeige, dass die MAKS-Therapie dazu geeignet sei, die Lebensqualität von Demenzpatienten in Pflegeheimen zu verbessern. Zudem sei aus den Heimen viel positives Feedback zu hören, einige Teilnehmer seien beispielsweise wacher, besser gelaunt, finden mehr Anschluss und zeigten mehr Eigeninitiative.

Vor diesem Hintergrund wollen die Wissenschaftler jetzt in Anschlussprojekten erforschen, ob man mit dem Therapieprogramm das Voranschreiten der Demenz über einen längeren Zeitraum aufhalten kann und wie sich die Anwendung im ambulanten Bereich, speziell in der Tagespflege, auswirkt. „Aber bereits jetzt ist es wichtig, alle wissenschaftlich in ihrer Wirksamkeit abgesicherten Therapieverfahren gemeinsam einzusetzen“, betont Gräßel. Das bedeutete, dass Menschen mit Alzheimer-Demenz sowohl einen Therapieversuch mit antidementiven Medikamenten, als auch eine wirksame nicht-medikamentöse Therapie erhalten sollten, um den Krankheitsverlauf so günstig wie möglich zu beeinflussen.

Mehr Informationen zum „MAKS-Projekt“ finden sich im Internet unter http://www.maks-aktiv.de

Handbuch zu MAKS-Therapie:
Birgit Eichenseer, Elmar Gräßel: Aktivierungstherapie für Menschen mit Demenz. München: Urban & Fischer, 2011. ISBN: 978-3-437-28020-7

(http://www.biomedcentral.com/content/pdf/1741-7015-9-129.pdf)

Weitere Informationen für die Medien:

Prof. Dr. Elmar Gräßel
Tel.: 09131/85-34810
elmar.graessel@uk-erlangen.de

Dr. Pascale Anja Dannenberg | idw
Weitere Informationen:
http://www.maks-aktiv.de
http://www.biomedcentral.com/content/pdf/1741-7015-9-129.pdf
http://www.uk-erlangen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie