Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Deutlich sinkende Suizidraten seit der Wiedervereinigung

28.09.2004


Wie hat sich die Wiedervereinigung mit ihren dramatischen gesellschaftlichen Umwälzungen auf die psychische Gesundheit der Menschen in den neuen Bundesländern ausgewirkt? In manchen Medien wurde der Schluss gezogen, dass die Zahl der psychisch Erkrankten wegen der sozialen Veränderungen und Probleme ansteigen. Nicht berichtet wurde in diesem Zusammenhang über ein erfreuliches Faktum: Die Suizidraten in den neuen Bundesländern zeigten seit der Wiedervereinigung einen in Europa einmaligen deutlichen Rückgang.

... mehr zu:
»Depression »Suizid »Suizidrate

Die Menschen in den neuen Bundesländern mussten seit 1989 dramatische gesellschaftliche Veränderungen bewältigen, die alle Lebensbereiche betrafen. Die Zunahme der Arbeitslosigkeit von null auf 20 Prozent in diesen Jahren ist nur ein Aspekt, die Ängste und Empörung in Verbindung mit "Hartz IV" erklären sich zum Teil aus diesen Erfahrungen. Verstärkt werden diese Emotionen noch durch Medienberichte, die einen Zusammenhang zwischen den Veränderungen in unseren Sozialsystemen und dem vermehrten Auftreten psychischer Erkrankungen und insbesondere Depressionen postulieren. Ausgespart wird in diesen Berichten die erfreuliche Tatsache, dass es in den neuen Bundesländern zu einem deutlichen Rückgang der Suizidraten gekommen ist, trotz des dramatischen Anstiegs der Arbeitslosigkeit. Dieser Rückgang war nicht nur schneller als in den alten Bundesländern, sondern auch schneller als in allen anderen europäischen Ländern. - Wie könnte dieser deutliche Rückgang erklärt werden?

Suizide erfolgen am häufigsten im Rahmen depressiver Erkrankungen


Soziologische Modelle wie das von Emile Durkheim postulieren, dass Prozesse, die zu Instabilität und Auflösung sozialer Bindungen führen, die Suizidraten ansteigen lassen. Diese Modelle stimmen jedoch mit tatsächlichen Beobachtungen nicht überein und stehen in krassem Widerspruch zu den Erfahrungen in Ostdeutschland. Suizide erfolgen zu 90 Prozent im Rahmen psychiatrischer Erkrankungen, am häufigsten im Rahmen von Depressionen. Durch eine bessere Behandlung von depressiv erkrankten Menschen kann bei vielen ein Suizidversuch oder ein Suizid verhindert werden. Hierfür sprechen unter anderem die Erfahrungen des "Nürnberger Bündnisses gegen Depression". Durch Kooperation mit Ärzten, Medien, Lehrern, Pfarrern, Altenpflegekräften und zahlreichen anderen an der Versorgung depressiver Menschen beteiligter Partner konnte die Zahl suizidaler Handlungen in Nürnberg um circa 25 Prozent gesenkt werden. Viele Betroffene berichteten in Nürnberg, dass sie durch die begleitende PR-Kampagne den Mut fassen konnten, offener mit ihrer Erkrankung umzugehen und sich professionelle Hilfe zu holen. Denkbar wäre, dass sich nach der Wiedervereinigung auch in Ostdeutschland die Situation depressiv Erkrankter und suizidaler Menschen verbessert hat.

Im Rahmen der sozialistischen Ideologie hoffte man, dass das Phänomen Suizid im Zuge der Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaft verschwinden würde. Als es dann nach der Gründung der DDR nicht zu einer Abnahme, sondern zu einer deutlichen Zunahme der Suizidraten kam, wurden diese nicht mehr in offiziellen Statistiken publiziert. Inzwischen haben die Suizidraten in den östlichen Bundesländern annähernd wieder das niedrigere Niveau der westlichen Bundesländer erreicht.

Krankenkassen berichten über mehr Diagnosen "Depression", in den Statistiken der Krankenkassen spielen Depressionen als Gründe für stationäre Aufnahmen oder Arbeitsunfähigkeitstage eine zunehmend größere Rolle. Auch dies wurde von einigen Medien mit der Zunahme sozialer Härten und "Hartz IV" in Verbindung gebracht. Die Interpretation dieser Zahlen ist jedoch nicht einfach. So könnte diese Zunahme vor allem Ausdruck der Tatsache sein, dass heute depressive Erkrankungen besser erkannt werden und als solche auch benannt werden. Von manchen Ärzten und Patienten wird bisweilen die Diagnose Depression vermieden und auf unscharfe Krankheitsbezeichnungen wie Burnout Syndrom, Chronisches Ermüdungssyndrom oder Fibromyalgie ausgewichen.

Anke Schlee | idw
Weitere Informationen:
http://www.kompetenznetz-depression.de
http://www.suizidpraevention-deutschland.de

Weitere Berichte zu: Depression Suizid Suizidrate

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Statistiken:

nachricht Zahl der Rheuma-Patienten höher als bisher angenommen
23.11.2017 | Versorgungsatlas

nachricht Frauenanteil in Professorenschaft 2015 auf 23 % gestiegen
14.07.2016 | Statistisches Bundesamt

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Statistiken >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics