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Bedarf an Heimerziehung steigt mit familialen Belastungsfaktoren

09.10.2009
Entgegen anderslautender Meldungen ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die im Rahmen der Hilfen zur Erziehung in einem Heim oder einer betreuten Wohnform untergebracht werden, in den letzten Jahrzehnten insgesamt nicht dramatisch gestiegen.

Allerdings zeigen sich beachtliche regionale Unterschiede und ein verdichtetes "Heimrisiko" für Kinder aus alleinerziehenden Familien, die Transfergeld beziehen. Dies belegen aktuelle Berechnungen des Forschungsverbundes Deutsches Jugendinstitut - TU Dortmund.

Präventiv könnten mehr Angebote der Familienbildung helfen, die Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung sowie die Zahl der Inobhutnahmen zu senken. Laut amtlicher Kinder- und Jugendhilfestatistik erhielten im Jahr 2007 rund 725.000 Familien Hilfen zur Erziehung. Damit wurden etwa 810.000 Kinder und junge Menschen, die in den entsprechenden Familien leben, erreicht. Bezogen auf die gesamte Altersgruppe der unter 21-Jährigen in Deutschland entspricht das etwa 5 Prozent aller jungen Menschen.

In Heimen und betreuten Wohnformen lebten im Jahr 2007 dauerhaft oder vorübergehend nach der Gewährung einer Jugendhilfeleistung rund 79.200 junge Menschen - also weniger als 1 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Von ihnen sind 56 Prozent Jungen und junge Männer, 44 Prozent sind weiblich. Deutlich überproportional sind die 16- und 17-Jährigen vertreten. Zählt man zu den Jugendlichen in Heimen und Wohngemeinschaften die rund 60.100 jungen Menschen hinzu, die einen Platz in einer Pflegefamilie hatten, ergibt sich eine Zahl von rund 140.000 Kindern, die außerhalb ihrer Familien untergebracht waren.

Wurden im Jahre 1969 über die damalige Jugendwohlfahrtsstatistik noch 58 Heimunterbringungen pro 10.000 der unter 18-Jährigen im früheren Bundesgebiet gezählt, so hat sich die Inanspruchnahmequote bis 1991, also kurz nach dem Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes auf 34 Maßnahmen reduziert. Seither ist der Umfang der Inanspruchnahme von Maßnahmen der Heimerziehung insgesamt nahezu unverändert geblieben - allerdings mit sehr deutlichen regionalen und lokalen Unterschieden.

Von 10.000 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren kommen in Berlin 87, in Mecklenburg-Vorpommern 82 ins Heim; in Baden-Württemberg sind es 32, in Bayern sogar nur 28. Diese Unterschiede setzen sich bis auf die lokale Ebene einzelner Jugendämter fort. Im Jahr 2005 variierten die Zahlen zwischen 5 in einzelnen Kommunen südlicher Bundesländer und 170 in einigen kreisfreien Städten Deutschlands.

Ein Grund für diese Differenzen sind die Belastungen der sozioökonomischen Lebenslagen in einer Region. Am Beispiel Nordrhein-Westfalen hat der Forschungsverbund DJI - TU Dortmund nachgewiesen: Je höher die ALG-II-Quote in einer Kommune, desto höher ist auch die Inanspruchnahme von Maßnahmen der Heimerziehung. Bundesweit liegt der Anteil der Familien, aus denen ein Kind im Heim untergebracht wird, und die zugleich Transferleistungen beziehen, bei 58 Prozent. Kommen zur Armutslage weitere Belastungen hinzu - wie der Ausfall eines Elternteils durch Trennung oder Scheidung - entstehen belastende Lebenslagen, in denen eine Hilfe zur Erziehung überproportional häufig die familiäre Erziehung unterstützt oder wie im Falle der Heimerziehung ersetzt. So erhöht sich der Quotenwert für die Heimerziehung bei der Gruppe der Alleinerziehenden Familien mit Transfergeldbezug noch einmal deutlich und liegt bei 70 Prozent.

Familien, in denen die Eltern ausländischer Herkunft sind, sind proportional weniger von Heimerziehungen betroffenen. Während insgesamt der Anteil der Minderjährigen mit einem Migrationshintergrund - laut Mikrozensus 2006 - bei etwa 27 Prozent liegt, haben von den rund 28.700 neuen Fällen von Heimerziehung knapp 6.700 Eltern mit einer ausländischen Herkunft. Das entspricht einem Anteil von nur rund 23 Prozent.

Bundesweit war die eingeschränkte Erziehungskompetenz der Eltern mit 45 Prozent der am häufigsten genannte Grund dafür, dass junge Menschen in einem Heim untergebracht werden. Mit jeweils 23 Prozent spielen die Gefährdung des Kindeswohls oder die unzureichende Förderung und Betreuung vor allem der unter 12-jährigen Kinder eine große Rolle. In 37 Prozent der Fälle wurden verstärkt in der Gruppe der 12- bis 18-Jährigen Auffälligkeiten im sozialen Verhalten und in 25 Prozent schulische beziehungsweise berufliche Probleme vor allem bei den jungen Erwachsenen als Gründe angegeben.

Träger beim Gros der Einrichtungen sind die Wohlfahrtsverbände wie Diakonie oder Arbeiterwohlfahrt. Etwa 4 Prozent der "Heimkinder" lebten 2007 in Einrichtungen privatgewerblicher Träger.

Gegenstand der Forschungsverbund-Studien ist auch die Frage nach der Wirksamkeit - ermittelt über die plan- oder unplanmäßige Beendigung der Hilfemaßnahme Heimerziehung. "Weder die Familienform noch die ökonomischen Ressourcen der Familie spielen offenbar eine annähernd so große Rolle für die Erfolgsaussichten einer Hilfe wie der Migrationshintergrund der jungen Menschen", so Jens Pothmann (TU Dortmund). Möglicherweise berücksichtigten die familienersetzenden Hilfen die Besonderheiten der Lebenssituation dieser jungen Menschen noch zu wenig. Der kulturellen Herkunft der jungen Menschen müsse man noch besser gerecht werden. Darüber hinaus sinkt die Chance auf einen planmäßigen Abschluss der Hilfe mit dem steigenden Alter der Jugendlichen. Sie wächst hingegen bei steigender Dauer der Hilfe.

Diese Einschätzung bestätigt Otto Schittler, Leiter eines Heims in der Jugendhilfe Birkeneck, in seiner kritischen Bestandsaufnahme: "Angesichts der komplexen, häufig schon sehr verfestigten Vorgeschichten, die nicht nur einige Verhaltensbereiche, sondern die gesamte Persönlichkeit, manchmal auch Generationen übergreifend das Familiensystem betreffen, ist es (leider) oft unrealistisch, mit kurzfristigen Strategien die nötigen nachhaltigen Veränderungen erzielen zu wollen." Zu frühe Rückführungen in die Familien seien nicht selten kontraproduktiv. Hingegen sei es eine der größten Leistungen der Heimerziehung, im Alltag mit ausdauernd langem Atem geduldig kleine und kleinste Schritte zusammen mit den jungen Menschen zu gehen - professionell dokumentiert -, ohne das Ziel am Horizont aus den Augen zu verlieren, so Schittler. Dazu gehöre vor allem auch die in die integrierte schulische und berufliche Ausbildung der Jugendlichen in heimeigenen Werkstätten.

DJI-Gastautor Prof. Dr. Christian Schrapper (Runder Tisch Heimerziehung) sieht in der Heimerziehung der zurückliegenden 80 Jahre vor allem "eine Bewährungsprobe für die Versprechen eines demokratischen Gemeinwesens". "Menschenwürde" und "freie Entfaltung der Persönlichkeit" sollten für alle Menschen gelten und nicht nur für die, die es sich leisten können. Regelmäßig aufscheinende Skandale rückten den empfindlichen Gradmesser Heimerziehung daher zu Recht ins Licht der Aufmerksamkeit.

Andrea Macion | idw
Weitere Informationen:
http://www.dji.de/thema/0910

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