Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Fußballfan – das unbekannte Wesen

24.07.2012
Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen haben sich zum ersten Forschungsseminar des Instituts für Fankultur an der Universität Würzburg getroffen. Im Zentrum ihres Interesses standen Fußballfans und deren Werte, Normen und Kultur – in Deutschland und im Mittleren Osten.

Fußballfans – sogenannte Ultras – haben in den vergangenen Monaten bei der Arabischen Revolution, beispielsweise in Ägypten, eine wichtige Rolle gespielt. Gut vernetzt, vertraut mit Facebook und Twitter und mit engagierten und charismatischen Köpfen in ihren Reihen, haben sich die Ultras als politische Kämpfer betätigt und erfolgreich große Menschenmengen für den Kampf gegen das herrschende Regime mobilisiert. Kein Wunder, dass die Diktatoren gleich in den ersten Tagen der Unruhen prophylaktisch den Spielbetrieb im Fußball stilllegten.

Fußballfans und die Arabische Revolution

Über die Rolle der Ultras als politische Kämpfer sprach James Dorsey von der Universität Singapur beim ersten Forschungsseminar des Instituts für Fankultur an der Universität Würzburg. Dorsey, der seit Jahrzehnten als investigativer Journalist aus den Krisengebieten des Mittleren Ostens berichtet und dafür zwei Mal für den Pulitzer-Preis nominiert war, fand in seinen Recherchen vor Ort zahlreiche Belege, mit denen er die Bedeutung der Ultras für das Gelingen des Aufstands in Ägypten aufzeigen konnte. Seine Erkenntnisse sind allerdings nicht auf Ägypten beschränkt. Wie er in seinem Vortrag erläuterte, gelten sie für den gesamten Mittleren Osten und Nordafrika.

Dorsey war der wahrscheinlich prominenteste Redner des Forschungsseminars. Mehr als 20 Wissenschaftler verschiedener Disziplinen beschäftigten sich zwei Tage lang mit den unterschiedlichsten Aspekten der Fankultur. Aktuelle Fragen und Probleme wurden aus der Perspektive von Politik-, Wirtschafts- und Sportwissenschaftlern, Theologen, Ethnologen, Soziologen, Juristen und anderen Wissenschaftlern beleuchtet.

Gemeinsam war den anwesenden Forscher dabei eines: Sie alle widmen sich in ihrer Arbeit den Hintergründen der gegenwärtigen Fankultur. In den Vorträgen und Diskussionen ging es demzufolge um den Fußball, dessen Fans, den Umgang mit Gewalt und Leidenschaft, den Kommerz, um Zusammenhänge zwischen Fußball und Gesellschaft sowie um die Politisierung im und durch den Fußball.

Es fehlt an fundiertem Wissen

Das gemeinsame Zwischenfazit aller Anwesenden war nach den ersten Vorträgen und Diskussionen schnell gefasst. Der Leiter des Instituts für Fankultur, Professor Harald Lange von der Universität Würzburg, brachte es folgendermaßen auf den Punkt: „Wir brauchen nichts dringender als verlässliches und wissenschaftlich abgesichertes Wissen zu den Hintergründen der Fankultur – vor allem dann, wenn Politik und Polizei regulierend in das Geschehen in den Stadien eingreifen wollen.“

Nach Langes Ansicht ist immer noch viel zu wenig über die Ursachen von Jugendgewalt in den Fanszenen und über die Beweggründe der aktuellen Fankultur bekannt. “Und vieles von dem, was wir wissen, scheint immer noch nicht in der Politik angekommen zu sein“, beklagt der Sportwissenschaftler. So würden beispielsweise Ultras – trotz besseren Wissens – immer noch mit den Hooligans und deren Zielen gleichgesetzt, auch weil zu wenig über die Werte und Normen, aber auch über die Arbeit innerhalb der verschiedenen Ultragruppen bekannt sei.

Fankultur als Indiz gesellschaftlicher Entwicklungen

Inspiriert durch das Beispiel der internationalen Politik diskutierten die Wissenschaftler die gesellschaftliche Relevanz der Fankultur in Deutschland. Rudolf Oswald (München) verwies in seinem Vortrag auf die historische Perspektive und beleuchtete die Gewaltpotenziale in der Fankultur der Zwanziger und Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Auch damals sei gepöbelt und geprügelt worden, ohne dass es den politisch Verantwortlichen gelang, die Gewalt durch Verbote und andere Repressionen von den Fußballplätzen fern zu halten. Boris Haigis (Würzburg) lenkte die Aufmerksamkeit auf die (neuen) Medien und zeigte die Kommunikationsstrukturen innerhalb der Ultra- und Fanszenen am Beispiel einer Vielzahl von Fanmagazinen auf. Peter Czoch (Berlin) und Steven Adam (Bochum) beleuchteten in ihren Präsentationen die Zusammenhänge zwischen der aktuellen Fankultur und gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen.

Kommerzialisierung als Kernproblem

Als Kernproblem des modernen Sports kristallisierte sich in den Diskussionen der Wissenschaftler das Phänomen der Kommerzialisierung heraus. Mit ihm einher gehe eine neue Form der Politisierung junger Menschen. „Gegenwärtig entdecken jugendliche Fußballfans den Wert von Traditionen und verhalten sich gegenüber den Neuerungen im Fußball und dessen Professionalisierung weitaus zurückhaltender als das in früheren Generationen der Fall gewesen ist“, sagt Lange. Viele jugendliche Fußballfans wären in dieser Hinsicht viel konservativer als ihre Eltern und Großeltern es jemals gewesen sind.

Mit Blick auf das Engagement und die Potenziale, aber auch in Hinblick auf die Interessen, Kompetenzen und den Bildungsstand vieler dieser neuen Fanszenen erscheint es den Wissenschaftlern mehr als zweifelhaft, ob sich die aktuellen Probleme im Umfeld der Fankultur mithilfe repressiver Maßnahmen, wie beispielsweise dem Aussprechen von Verboten, polizeilicher Gewalt oder zunehmender Kontrolle lösen ließen.

Die in der Würzburger Tagung herausgearbeiteten Ergebnisse werden in den kommenden Monaten weiter bearbeitet, so dass die Forschergruppe bereits zu ihrem nächsten Kolloquium die Fortschritte präsentieren kann.

Kontakt

Prof. Dr. Harald Lange, T: (0931) 31-80283, harald.lange@uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | Uni Würzburg
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Seminare Workshops:

nachricht Virtuelle Welten: Forschungstrends in der mobilen 3D-Datenerfassung
30.11.2016 | Fraunhofer IPM

nachricht Workshop Biodegradierbare Schichten für Verpackung und Medizin
24.11.2016 | Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Seminare Workshops >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie