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"Es ist wie die Frage nach der Henne und dem Ei: Wer war zuerst da, die Galaxie oder das Schwarze Loch? Das ist eine der meistdiskutierten Fragen der moernen Astrophysik," so David Elbaz, der Erstautor des Fachartikels, in dem die neuen Ergebnisse vorgestellt werden. "Unsere Untersuchungen legen nahe, dass supermassereiche Schwarze Löcher die Sternentstehung anregen und so ihre eigene Heimatgalaxie miterschaffen können. Das würde auch erklären, warum es in Galaxien, deren zentrale Schwarze Löcher größer sind, mehr Sterne gibt."
Diese bemerkenswerten Schlussfolgerungen basieren auf sorgfältigen Beobachtungen eines ungewöhnlichen Objekts, des nahen Quasars HE0450-2958 (siehe die [englischsprachige] Pressemitteilung ESO PR 23/05, http://www.eso.org/public/outreach/press-rel/pr-2005/pr-23-05.html, für eine frühere Untersuchung dieses Himmelsobjekts). HE0450-2958 ist der einzige Quasar, für den bislang keine umgebende Galaxie nachgewiesen werden konnte [1]. Er ist 5 Milliarden Lichtjahren von der Erde entfernt.
Bis jetzt war allgemein angenommen worden, dass sich die Heimatgalaxie des Quasars hinter großen Mengen von Staub verbirgt. Daher verwendeten die Astronomen für die neuen Beobachtungen ein Instrument am Very Large Telescope der ESO, das Licht im mittleren Infrarotbereich auffängt [2]. In diesem Wellenlängenbereich sind Staubwolken hell leuchtende Objekte und lassen sich direkt beobachten. "Mit diesem Instrument hätten wir Staub, hinter dem sich die Heimatgalaxie des Quasars verbergen kann, direkt nachweisen können", so Knud Jahnke, der für die betreffenden Beobachtungen mit dem VLT verantwortlich war. "Allerdings war kein Staub zu sehen. Stattdessen entdeckten wir, dass in einer Galaxie in der unmittelbaren Nachbarschaft des Quasars überraschend viele neue Sterne entstehen."
Das wirft ganz neues Licht auf die Situation: Zwar waren in unmittelbarer Nähe des Schwarzen Lochs keinerlei Sterne gefunden worden. Die Galaxie, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindet, enthält dagegen extrem viele helle und sehr junge Sterne. Außerdem bilden sich dort in großer Zahl neue Sterne - entsprechend der Entstehung von 350 Sonnen pro Jahr, und damit einer rund hundert Mal größeren Sternentstehungsrate in typischen Galaxien unserer kosmischen Nachbarschaft.
Frühere Beobachtungen hatten bereits gezeigt, dass die Nachbargalaxie unter Beschuss steht: Der Quasar speit ihr einen Jet aus hochenergetischen Teilchen entgegen, der von einem Strom schnell fließender Gasmaterie begleitet wird. Dass der Quasar seiner Nachbargalaxie Materie und Energie zuführt, zeigt, dass der Quasar selbst für die hohe Sternentstehungsrate verantwortlich sein könnte - und deutet allgemeiner auf ein Szenario hin, in dem sich Galaxien aus Gaswolken bilden, die von den hochenergetischen Jets von Quasaren getroffen worden sind.
"Die beiden Objekte werden in Zukunft verschmelzen: Der Quasar bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von einigen zehntausend Kilometer pro Stunde relativ zu seiner Nachbargalaxie, und die beiden sind nur 22 000 Lichtjahre voneinander entfernt", so Elbaz. "Selbst wenn der Quasar derzeit noch 'nackt' sein mag - letztlich wird er eine geeignete 'Hülle' bekommen, wenn er mit seiner sternreichen Nachbargalaxie verschmilzt. Dann wird er endlich, wie alle anderen Quasare, eine Heimatgalaxie haben."
Die hier vorgeschlagene Rolle der Jets Schwarzer Löcher als Triebkraft der Galaxienentwicklung könnte eine grundlegende Frage der Zusammenhänge zwischen Galaxien und ihren zentralen Schwarzen Löchern erklären: warum die Massen solcher Schwarzen Löcher umso größer sind, je mehr Sterne ihre Heimatgalaxie enthält. [3]
"Der naheliegende nächste Schritt besteht darin, in anderen Systemen nach ähnlichen Objekten zu suchen", so Jahnke.
Mit zukünftigen Beobachtungsinstrumenten wie dem Atacama Large Millimeter/submillimeter Array (wörtlich das "Große Millimeter-/Submillimeter-(Teleskop)-Feld in (der Wüste) Atacama"), dem European Extremely Large Telescope (wörtlich das "Europäische Extrem Große Teleskop" und dem James Webb-Weltraumteleskop von NASA/ESA/CSA James Webb Space Telescope werden sich derartige Objekte in noch größeren Entfernungen aufspüren lassen, so dass der Zusammenhang zwischen Schwarzen Löchern und der Entstehung von Galaxien auch für entferntere kosmische Regionen überprüft werden kann.
Endnoten
[1] Supermassereiche Schwarze Löcher finden sich in den Kernregionen der meisten größeren Galaxien. Im Gegensatz zu dem inaktiven und ausgehungerten Exemplar, das sich im Zentrum unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße, befindet, sind eine Reihe dieser Schwarzen Löcher höchst aktiv: Sie verleiben sich beachtliche Mengen an Materie ein; dies führt im Gegenzug zum Ausstoß gewaltiger Energiemengen im gesamten elektromagnetischen Spektrum. Besonders spektakulär sind hier die Quasare, deren Kern so leuchtkräftig ist, dass er alle anderen Regionen der Galaxie schlichtweg überstrahlt.
[2] Dieser Abschnitt der Untersuchungen basiert auf Beobachtungen im mittleren Infrarotbereich mit Hilfe von VISIR, einer leistungsstarken Kombination aus astronomischer Kamera und Spektrometer am VLT, sowie auf Spektraldaten, die mit dem VLT-FORS-Instrument aufgenommen wurden, Bilder im sichtbaren und Infrarotlicht des NASA/ESA-Weltraumteleskops Hubble, und Radiobeobachtungen der Australia Telescope National Facility.
[3] Bei den meisten Galaxien in unserer kosmischen Nachbarschaft sitzt im Kern ein Schwarzes Loch mit einer Masse von 1/700 der Masse der Sterne in ihrer zentralen Verdickung, dem so genannten Bulge. Wie dieser Zusammenhang zwischen der Masse des Schwarzen Lochs und der Sterne zustandekommt ist eine der am meisten diskutierten offenen Fragen der Astrophysik.
Hintergrundinformationen
Die hier beschriebenen Ergebnisse sind der Inhalt zweier Fachartikel: Elbaz et al., "Quasar induced galaxy formation: a new paradigm?", in der Zeitschrift Astronomy & Astrophysics, und Jahnke et al., "The QSO HE0450-2958: Scantily dressed or heavily robed? A normal quasar as part of an unusual ULIRG".
Die beteiligten Forscher sind David Elbaz (Service d'Astrophysique, CEA Saclay, Frankreich), Knud Jahnke (Max-Planck-Institut für Astronomy, Heidelberg), Eric Pantin (Service d'Astrophysique, CEA Saclay, Frankreich), Damien Le Borgne (Universität Paris 6 und CNRS, Institut d'Astrophysique de Paris) und Géraldine Letawe (Institut d'Astrophysique et de Géophysique, Université de Liège, Belgien).
Die Europäische Südsternwarte ESO (European Southern Observatory) ist die führende europäische Organisation für astronomische Forschung und das wissenschaftlich produktivste Observatorium der Welt. Getragen wird die Organisation durch ihre 14 Mitgliedsländer: Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Österreich, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz, die Tschechische Republik und das Vereinigte Königreich. Die ESO ermöglicht astronomische Spitzenforschung, indem sie leistungsfähige bodengebundene Teleskope entwirft, konstruiert und betreibt. Auch bei der Förderung internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Astronomie spielt die Organisation eine maßgebliche Rolle. Die ESO betreibt drei weltweit einzigartige Beobachtungsstandorte in Nordchile: La Silla, Paranal und Chajnantor. Auf Paranal betreibt die ESO mit dem Very Large Telescope (VLT) das weltweit leistungsfähigste Observatorium für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren Lichts. Die ESO ist der europäische Partner für den Aufbau des Antennenfelds ALMA, das größte astronomische Projekt überhaupt. Derzeit entwickelt die ESO das European Extremely Large Telescope (E-ELT) für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren und Infrarotlichts, mit 42 Metern Spiegeldurchmesser ein Großteleskop der Extraklasse.
Die Übersetzungen von englischsprachigen ESO-Pressemitteilungen sind ein Service des ESO Science Outreach Network (ESON), eines internationalen Netzwerks für astronomische Öffentlichkeitsarbeit, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus allen ESO-Mitgliedsstaaten (und einigen weiteren Ländern) vertreten sind. Deutscher Knoten des Netzwerks ist das Haus der Astronomie am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg.
Links
* Fachartikel: http://adsabs.harvard.edu/abs/2009arXiv0907.2923E und http://arxiv.org/abs/0906.0365
* Webseiten von David Elbaz: http://david.elbaz3.free.fr
* Webseiten von Knud Jahnke: http://www.mpia.de/coevolution
Contacts
Knud Jahnke
Max-Planck-Institut für Astronomie, Heidelberg
Tel.: +49 6221 528 398
E-Mail: jahnke (at) mpia.de
David Elbaz
CEA, Saclay, Frankreich
Tel.: +33 (0)1 69 08 54 39
E-Mail: delbaz (at) cea.fr
Dr. Markus Pössel | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.mpia.de
www.eso.org/public/germany/press-rel/pr-2009/pr-46-09.html
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