Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Starkes Trio in der Großen Magellanschen Wolke

27.01.2015

Teleskop H.E.S.S. entdeckt drei extrem helle Gammastrahlenquellen in der Satellitengalaxie unserer Milchstraße ‒ Tübinger Astrophysiker an internationalem Projekt beteiligt

Mit Hilfe des Teleskopsystems H.E.S.S. („High Energy Stereoscopic System“) hat ein internationales Forscherteam in der Galaxie „Große Magellansche Wolke“ äußerst helle Gammastrahlenquellen sehr hoher Energie entdeckt. Es ist das erste Mal, dass stellare Quellen für Gammastrahlen in diesem Energiebereich außerhalb unserer eigenen Galaxie gefunden wurden.


Optisches Bild der Milchstraße; rechts daneben eine gezoomte Infrarotaufnahme der Großen Magellanschen Wolke. Über beide Aufnahmen ist jeweils eine H.E.S.S.-Himmelskarte gelegt.

Kartenbild der Milchstraße: © H.E.S.S.-Kollaboration, optische Aufnahme: SkyView, A. Mellinger; Kartenbild der GMW © H.E.S.S.-Kollaboration, Infrarotaufnahme: M. Braun et al. (1997)

Die Forscher konnten drei völlig unterschiedliche Objekte beobachten: den stärksten bekannten Pulsarwind-Nebel, den leuchtstärksten bekannten Überrest einer Supernova und eine sogenannte Superblase, eine von mehreren Sternen und Supernovae gebildete Schale mit 270 Lichtjahren Durchmesser. Mit der Superblase wurde zugleich auch ein ganz neuer Typ sehr hochenergetischer Gammastrahlenquellen gefunden.

Himmelsbeobachtungen im sehr hochenergetischen Gammastrahlungslicht sind optimal, um kosmische Beschleuniger wie Supernovaüberreste oder Pulsarwind-Nebel zu finden. Dort werden geladene Teilchen (z.B. Protonen) auf extrem hohe Geschwindigkeiten beschleunigt. Treffen sie auf Licht oder Gas, senden sie hochenergetische Gammastrahlen aus. Diese lassen sich mit großen Teleskopen wie H.E.S.S. von der Erde beobachten. An den aktuellen Entdeckungen waren Wissenschaftler des „Kepler Center for Astro and Particle Physics“ der Universität Tübingen beteiligt.

Die Große Magellansche Wolke (GMW) ist eine Zwerggalaxie in einer relativ geringen Entfernung von ca. 160.000 Lichtjahren. Auf der Suche nach sehr hochenergetischen Gammastrahlen aus der GMW investierten die H.E.S.S.-Wissenschaftler insgesamt 210 Stunden Beobachtungszeit, um die größte sternbildende Region, den sogenannten Tarantula-Nebel, zu erkunden.

Dabei war es erstmals möglich, einzelne sehr hochenergetische Quellen in einer Galaxie außerhalb der Milchstraße im Gammalicht voneinander zu trennen und mit bekannten Objekten zu identifizieren. Drei unterschiedliche Objekte konnten als Gammastrahlungsquellen identifiziert werden: die Superblase 30 Dor C, der Pulsarwind-Nebel N 157B und der Supernovaüberrest N 132D.

30 Dor C ist eine sogenannte Superblase, die entsteht, wenn eine Gruppe von massereichen Sternen und Sternexplosionen zusammenwirken und ihre Auswurfmassen (Sternenwinde und Explosionsmaterie) eine gemeinsame äußere Schale formen. Superblasen werden als „Fabriken“ galaktischer kosmischer Strahlung diskutiert. Die mit H.E.S.S. erzielten Ergebnisse zeigen nun, dass die Superblase 30 Dor C tatsächlich mit Hochenergieteilchen gefüllt ist und so als Quelle kosmischer Strahlungsteilchen wirkt. Superblasen stellen damit eine neue Klasse von Quellobjekten im Hochenergiebereich dar.

Pulsare sind hochmagnetisierte, schnell rotierende Neutronensterne. Sie schleudern einen Wind ultrarelativistischer Teilchen aus, die einen Nebel bilden. Das bekannteste derartige Objekt in unserer Galaxie ist der Krebsnebel, eine der stärksten Quellen hochenergetischer Gammastrahlen am Himmel. Der durch die H.E.S.S.-Teleskope in der GMW entdeckte Nebel N 157B übertrifft den Krebsnebel in der Gammalichtstärke um eine ganze Größenordnung.

N 132D, bekannt als helles Objekt im Radio- und Infrarotbereich, gehört vermutlich zu den ältesten Supernovaüberresten, die noch hochenergetische Gammastrahlen aussenden. Bei einem geschätzten Alter zwischen 2500 und 6000 Jahren dürfte sich die Druckwelle der Sternexplosion (laut Modellrechnungen) bereits deutlich verlangsamt haben, was eigentlich bedeutet, dass sie in ihrer Wirkung als Teilchenbeschleuniger nachgelassen haben sollte. Dennoch überstrahlt N 132D selbst noch die leuchtstärksten Supernovaüberreste unserer eigenen Galaxie. Mit dieser Beobachtung haben sich Vermutungen aus früheren H.E.S.S.-Ergebnissen bestätigt, dass Supernovaüberreste viel heller leuchten können als bislang angenommen.

„Die Große Magellansche Wolke ist ein großartiges Labor, um solche Objekte zu untersuchen,“ berichtet Dr. Manami Sasaki, Emmy Noether-Nachwuchsgruppenleiterin am Institut für Astronomie und Astrophysik und Expertin für die GMW. „Wir konnten sie bereits seit einiger Zeit im Röntgenenergiebereich beobachten und untersuchen. Inzwischen haben auch Cherenkov-Teleskope wie H.E.S.S. eine Empfindlichkeit erreicht, mit der Quellen unserer Nachbargalaxie im Licht hochenergetischer Gammastrahlungsquellen untersucht werden können. So stellt sich unser Arbeitsgebiet buchstäblich in völlig neuem Licht dar.”

Noch bessere Aufnahmen solcher entfernten Objekte im hochenergetischen Gammalicht sind nur noch mit verbesserten Teleskopen möglich. „Glücklicherweise konnte die Empfindlichkeit des H.E.S.S.-Teleskopsystems durch die vor kurzem erfolgte Installation des neuen H.E.S.S. II 28-Meter-Teleskops in Namibia erheblich verbessert werden“, erklärt Professor Andrea Santangelo, Leiter der Arbeitsgruppe Hochenergieastrophysik an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät Tübingen. Und langfristig soll das Nachfolgeprojekt „Cherenkov Teleskope Array (CTA)“ Bilder der GMW mit noch höherer Auflösung liefern„ Unter den Hauptzielen, die vom CTA-Konsortium angestrebt werden, ist auch weiterhin die Beobachtung der GMW“, sagt Dr. Gerd Pühlhofer, der die Arbeit der Tübinger Arbeitsgruppe für den hochenergetischen Gammabereich koordiniert.

Originalpublikation:
The exceptionally powerful TeV gamma-ray emitters in the Large Magellanic Cloud, H.E.S.S. Collaboration (corresponding authors: j.vink@uva.nl, nukri.komin@wits.ac.za, chia-chun.lu@mpi-hd.mpg.de, michael.mayer@physik.hu-berlin.de, stefan.ohm@desy.de), Science 347 (2015), 406-412

Kontakt:
Prof. Dr. Andrea Santangelo
Universität Tübingen
Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät
Institut für Astronomie und Astrophysik/Kepler Center for Astro and Particle Physics
Telefon +49 7071 29-78128
Santangelo[at]astro.uni-tuebingen.de

Dr. Gerd Pühlhofer
Universität Tübingen
Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät
Institut für Astronomie und Astrophysik / Kepler Center for Astro and Particle Physics
Telefon +49 7071 29-74982
Gerd.Puehlhofer[at]astro.uni-tuebingen.de

Institut für Astronomie und Astrophysik: http://www.uni-tuebingen.de/de/4656

Weitere Informationen:

http://www.mpi-hd.mpg.de/HESS/pages/about/

Antje Karbe | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion
23.06.2017 | Max-Planck-Institut für Astrophysik

nachricht Individualisierte Faserkomponenten für den Weltmarkt
22.06.2017 | Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften