Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Rosettas Endspurt zum Kometen

16.01.2014
Die europäische Raumsonde nimmt ihre Arbeit wieder auf und beginnt in den nächsten Monaten mit ersten Messungen

Nach zehnjähriger Reise und langem Tiefschlaf wird die Raumsonde Rosetta am 20. Januar aufgeweckt. Das Vehikel beginnt dann seine letzte Etappe, die zum Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko führt. Auf dessen Oberfläche soll im November die Landeeinheit Philae niedergehen.


Rendezvous im All: Die Begegnung von Rosetta mit dem Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko wird alles andere als flüchtig.

ESA – C. Carreau/ATG medialab

Tief im Weltall, etwa 814 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, klingelt am kommenden Montag ein Wecker: Um 11 Uhr Mitteleuropäischer Zeit setzt eine Zeitschaltuhr an Bord der ESA-Raumsonde Rosetta eine Serie interner Kommandos in Gang. Die Navigationsinstrumente werden langsam erwärmt und beginnen sich am Sternenhimmel zu orientieren; die Sonde, die bisher um die eigene Achse rotierte, stabilisiert sich, richtet ihre Hauptantenne zur Erde aus und funkt dann – erstmals nach mehr als 30-monatigem Winterschlaf – ein Signal zur Erde. Frühestens ab 18.30 Uhr erwartet die Bodenstation der europäischen Raumfahrtagentur in Darmstadt das erlösende Signal: Alles okay, Rosetta ist wach!

Der elektronische Weckruf ist weit mehr als ein ungewöhnlicher technischer Vorgang aus der Welt der Raumfahrt. Vielmehr läutet er die letzte Etappe einer mehr als zehnjährigen Reise durchs Sonnensystem ein. An deren Ende steht im August dieses Jahres die einzigartige Begegnung der europäischen Raumsonde mit dem Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko, von den Wissenschaftlern kurz 67P genannt.

Anders als bei allen früheren Missionen, bei denen die Sonden mit hohen Geschwindigkeiten am jeweiligen Kometen vorbeirasten, wird diese Begegnung alles andere als flüchtig. Mindestens bis Ende Dezember 2015 wird Rosetta um „ihren“ Kometen kreisen, ihn auf seinem Weg in Richtung Sonne begleiten und mithilfe ihrer elf wissenschaftlichen Bordinstrumente aus nächster Nähe untersuchen.

Der Höhepunkt der Mission: Im November dieses Jahres soll die Landeeinheit Philae, ausgestattet mit neun weiteren Experimenten, auf der Kometenoberfläche aufsetzen – ein Novum in der Geschichte der Weltraumfahrt.

Bevor es soweit ist, nutzt Rosetta die verbleibende Anflugphase, um alle Systeme und Instrumente Schritt für Schritt zum Leben zu erwecken. Kalibrieren, testen, optimieren: Auch am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau beginnt nun die heiße Phase der Mission. Die Wissenschaftler leiten und überwachen drei Instrumente: das Kamerasystem OSIRIS und den Staubanalysator COSIMA an Bord des Rosetta-Orbiters sowie den Gasanalysator COSAC auf der Landeeinheit Philae.

Zudem haben die Max-Planck-Wissenschaftler maßgebliche Teile der Landeeinheit wie etwa den Abstoßungs- und Dämpfungsmechanismus entwickelt und gebaut sowie zu fünf weiteren Instrumenten Hardware-Komponenten beigetragen.

Auch der Winterschlaf des zweiten Akteurs in der bevorstehenden Begegnung, des Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko, neigt sich dem Ende zu. Unaufhaltsam dringt der Schweifstern ins innere Sonnensystem vor. Wie alle Kometen der Jupiterfamilie verbringt 67P den Großteil seines Daseins in den eisigen Tiefen des Planetensystems in einem ähnlichen Abstand von der Sonne wie der Gasriese Jupiter. Dort zeigen sich diese Himmelskörper oft als tote Klumpen aus gefrorenen Gasen wie Wasser und Kohlendioxid sowie Stein.

Ihren Ursprung haben 67P und seine Familienmitglieder wahrscheinlich im sogenannten Kuiper-Gürtel, einer ringförmigen Region am äußersten Rand unseres Planetensystems jenseits der Neptunbahn. Sie ist mehr als 30-mal so weit von der Sonne entfernt wie die Erde und mit Tausenden kosmischer Brocken bevölkert, wie Modellrechnungen nahelegen. Durch den Einfluss des Neptuns verlagert sich die Bahn einzelner Körper nach und nach zu den anderen Gasriesen im Planetensystem bis hin zu Jupiter.

„Trotz dieser Wanderung – und der möglicherweise vorangegangenen Kollisionen – gehören Kometen der Jupiterfamilie zu dem unverfälschtesten Material, das aus der Geburtsstunde des Sonnensystems vor mehr als 4,6 Milliarden Jahren erhalten ist“, sagt Ulrich Christensen, Direktor am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung.

Während sich besonders die inneren Planeten durch die Hitze und unter dem Teilchenbeschuss von der Sonne stark veränderten und etwa flüchtige Bestandteile verloren, waren diese über Milliarden von Jahren im Eis der Kometen gespeichert.

Für Forscher zugänglich wird diese gefrorene Urmaterie, wenn sich der Komet auf seiner Bahn der Sonne nähert. Bei 67P ist das etwa alle sechseinhalb Jahre der Fall. Die Oberfläche erwärmt sich, Wasser und andere gefrorene Gase verdampfen und reißen winzige Staubteilchen mit sich. Der Komet wird aktiv, bildet eine Atmosphäre und den charakteristischen Schweif aus.

Dieses Kometenmaterial soll Rosetta genauer als je zuvor untersuchen. „Die Raumsonde ist eine Art Labor, das vor Ort am Kometen betrieben wird“, sagt Max-Planck-Forscher Martin Hilchenbach, Leiter des COSIMA-Teams. COSIMA ist eines jener Instrumente, das speziell dem Kometenstaub einen Teil seiner Geheimnisse entlocken soll.

In den mikroskopischen, blumenkohlförmigen Poren weniger Millimeter großer Träger sammelt der kosmische Staubfänger einzelne Partikel, die unter einem Mikroskop zunächst geortet und dann mit Indiumionen beschossen werden. Die Ionen, die sich auf diese Weise aus der Oberfläche der Staubpartikel lösen, lassen sich dann weiter analysieren. „Dabei können wir nicht nur einzelne Elemente, sondern vor allem auch organische Moleküle identifizieren“, so Hilchenbach.

Kometen enthalten viele organische Verbindungen. Selbst komplexe Strukturen wie Aminosäuren, die Bausteine der Eiweiße, hat man entdeckt. Wissenschaftler halten es deshalb für möglich, dass Kometeneinschläge einst der jungen Erde solche Stoffe lieferten – und mit ihnen die Bausteine des Lebens. „Rosetta eröffnet uns nicht nur die Möglichkeit, die genauen Verhältnisse und Mengen der organischen Bestandteile zu bestimmen“, so Hilchenbach. „Erstmals können wir auch genau verfolgen, wie sich die Zusammensetzung der Staubteilchen mit der Aktivität des Kometen entwickelt.“

In der Tat ist das vielleicht der revolutionärste Aspekt der Rosetta-Mission: Sie eröffnet der weltraumgestützten Kometenforschung die vierte Dimension, die Zeit. „Alle Aufnahmen und Messergebnisse, die uns von bisherigen Kometenvorbeiflügen vorliegen, sind eigentlich Schnappschüsse“, sagt Ulrich Christensen. Momentaufnahmen aus einer komplexen und langen Entwicklung, die sich im Kometen bei seiner Reise um die Sonne vollzieht. Erst Rosetta wird es ermöglichen, diese Entwicklungen und Prozesse mitzuerleben: „Am Ende der Mission werden wir keinen Kometen so gut kennen wie 67P.“

Umso kurioser ist es, dass Churyumov-Gerasimenko fast zufällig zum Zielkometen von Rosetta wurde, fast als eine Art Lückenbüßer. Denn zunächst hatte die ESA einen anderen Kandidaten ins Augen gefasst: den Kometen 46P/Wirtanen. Doch als 2003 der Start der Raumsonde wegen Problemen mit der Trägerrakete Ariane 5 verschoben werden musste, waren die Forscher gezwungen, sich nach einem neuen Zielkometen umzusehen.

Die Wahl fiel schließlich auf 67P/Churyumov-Gerasimenko, einen unregelmäßig geformten Körper mit einem mittleren Durchmesser von etwa vier Kilometern. Wie die Bahn von Wirtanen ist die von Churyumov-Gerasimenko kaum gegen jene der Erde geneigt und lässt sich aus diesem Grund recht Treibstoff sparend erreichen.

Der unscheinbare Brocken, der sich 1969 am Institut für Astrophysik in Alma Ata auf einer Fotoplatte seiner Entdecker Klim Iwanowitsch Churyumov und Swetlana Gerasimenko erstmals abzeichnete, wird nun Raumfahrtgeschichte schreiben. Im November dieses Jahres soll Philae, die dreibeinige Landeeinheit von Rosetta, auf seiner Oberfläche aufsetzen.

„Was Philae dort erwartet, ist sehr ungewiss“, sagt Christensen. Feiner Staub, in dem die Füße der Sonde einsinken? Oder große Steinblöcke, die bei der Landung zu Stolperfallen werden können? „Die genaue Oberflächenbeschaffenheit, selbst die Dichte des Kometen ist völlig unbekannt.“ Rosetta jedenfalls ist ein einzigartiges Abenteuer. Ein Abenteuer, das am 20. Januar, mit einem Weckruf im All in seine entscheidende Phase tritt.

Ansprechpartner

Dr. Birgit Krummheuer
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, Katlenburg-Lindau
Telefon: +49 5556 979-462
Mobil: 0173 3958625
E-Mail: Krummheuer@mps.mpg.de
Prof. Dr. Ulrich Christensen
Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, Katlenburg-Lindau
Telefon: +49 5556 979-467
E-Mail: Christensen@mps.mpg.de
Dr. Martin Hilchenbach
Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, Katlenburg-Lindau
Telefon: +49 5556 979-162
E-Mail: Hilchenbach@mps.mpg.de

Barbara Abrell | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/7732805/expedition_ur-materie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Quantenmechanik ist komplex genug – vorerst …
21.04.2017 | Universität Wien

nachricht Tief im Inneren von M87
20.04.2017 | Max-Planck-Institut für Radioastronomie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Im Focus: Making lightweight construction suitable for series production

More and more automobile companies are focusing on body parts made of carbon fiber reinforced plastics (CFRP). However, manufacturing and repair costs must be further reduced in order to make CFRP more economical in use. Together with the Volkswagen AG and five other partners in the project HolQueSt 3D, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) has developed laser processes for the automatic trimming, drilling and repair of three-dimensional components.

Automated manufacturing processes are the basis for ultimately establishing the series production of CFRP components. In the project HolQueSt 3D, the LZH has...

Im Focus: Wonder material? Novel nanotube structure strengthens thin films for flexible electronics

Reflecting the structure of composites found in nature and the ancient world, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have synthesized thin carbon nanotube (CNT) textiles that exhibit both high electrical conductivity and a level of toughness that is about fifty times higher than copper films, currently used in electronics.

"The structural robustness of thin metal films has significant importance for the reliable operation of smart skin and flexible electronics including...

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Forschungsexpedition „Meere und Ozeane“ mit dem Ausstellungsschiff MS Wissenschaft

24.04.2017 | Veranstaltungen

3. Bionik-Kongress Baden-Württemberg

24.04.2017 | Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Phoenix Contact übernimmt Spezialisten für Netzleittechnik

24.04.2017 | Unternehmensmeldung

Phoenix Contact beteiligt sich an Berliner Start-up Unternehmen für Energiemanagement

24.04.2017 | Unternehmensmeldung

Phoenix Contact übernimmt Spezialisten für industrielle Kommunikationstechnik

24.04.2017 | Unternehmensmeldung