Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Quantensimulator mit großem Potential

07.04.2009
MPQ-Wissenschaftler erfinden neues Verfahren für die Steuerung atomarer Gase

In vielen noch nicht verstandenen Bereichen der Physik setzen die Wissenschaftler ihre Hoffnung in den Quantencomputer.

Die besonderen Eigenschaften der Quantenteilchen, die hier der Speicherung und Kodierung von Informationen dienen, sollen die Lösung komplexer Fragestellungen ermöglichen, an denen klassische Computer aus Gründen der Rechenzeit scheitern. Die Realisierung eines universellen Quantencomputers, der beliebige Aufgaben bearbeiten kann, ist noch nicht in greifbarer Nähe. Allerdings können bereits mit heutigen Methoden so genannte Quantensimulationen durchgeführt werden.

Hierbei bilden Anordnungen aus direkt steuerbaren Quantenteilchen Modelle für komplexe Systeme, die sich gezielten Manipulationen entziehen. Ein neues, viel versprechendes Verfahren hat jetzt ein Team um Professor Gerhard Rempe vom Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching entwickelt. Wie die Forscher in der Zeitschrift Nature Physics (Advance online Publication, 6. April 2009) berichten, können sie durch gleichzeitiges Anlegen geeigneter Laser- und Magnetfelder die Eigenschaften atomarer Gase verändern.

So erhalten die Forscher ein Werkzeug, um die Gase auf kleinen Skalen im Nanometerbereich und noch dazu zeitlich schnell veränderbar zu manipulieren. Damit könnte es möglicherweise gelingen, die Vorgänge in Schwarzen Löchern oder Festkörpereigenschaften wie die Supraleitung besser zu verstehen.

Die Physiker beginnen ihr Experiment mit einer dünnen Wolke aus etwa 100 000 Rubidiumatomen, die so stark abgekühlt ist, dass die Atome ein so genanntes Bose-Einstein-Kondensat (BEC) bilden: Sie verlieren ihre Individualität und verhalten sich wie ein einziges Superatom. Dabei spürt jedes Atom die Gegenwart der umgebenden Atome, denn es tritt mit diesen durch Stöße in Wechselwirkung. Während eines Stoßes kommen sich je zwei Atome sehr nahe und bilden dabei kurzzeitig ein Molekül, bevor sie wieder als freie Atome auseinander fliegen.

Um die Eigenschaften solcher Stöße gezielt zu beeinflussen, wird seit einigen Jahren eine Methode verwendet, bei der von außen ein Magnetfeld an das Gas angelegt wird. Dadurch gelingt es, die Zeit zu verlängern, in der ein Atompaar während eines Stoßes als temporär geformtes Molekül vorliegt. Mit der Änderung der Stoßeigenschaften ändern sich dann auch die Eigenschaften des Gases als Ganzes. Diese Methode ist recht erfolgreich. Allerdings ist ihr Anwendungsbereich leider dadurch begrenzt, dass aufgrund der geometrischen Verhältnisse diese Manipulation nicht auf sehr kleinen räumlichen Skalen durchzuführen ist.

Vor wenigen Jahren wurde eine alternative Methode entwickelt, bei der anstelle des Magnetfeldes Laserlicht verwendet wird, um die Stoßeigenschaften der Atome gezielt zu beeinflussen. Die Frequenz des Laserlichts muss dabei in der Nähe der Anregungsenergie der temporär gebildeten Moleküle liegen. Die Lichtintensität lässt sich naturgemäß mit hoher räumlicher Auflösung, nämlich auf der Skala der optischen Wellenlänge (einige hundert Nanometer) steuern, so dass auch die Eigenschaften des Gases auf dieser Längenskala von außen vorgegeben werden können. Allerdings führt der Einfluss des Laserlichts leider auch dazu, dass Teilchen aus dem kalten Gas verloren gehen, und zwar so schnell, dass sich die Methode kaum für praktische Anwendungen nutzen lässt.

In dem vorliegenden Experiment kombinieren die Wissenschaftler erstmals beide Steuerungstechniken, d.h. sie legen ein Magnetfeld an und bestrahlen die kalte Atomwolke gleichzeitig mit Laserlicht. Wie die Forscher in ihren Messungen zeigten, verändert das Laserlicht auch hier die Stoßeigenschaften. Allerdings sind dafür jetzt weniger hohe Lichtintensitäten nötig, da die Atompaare wegen des Magnetfelds längere Zeit als gebundene Moleküle vorliegen. Die Verlustprozesse laufen daher deutlich langsamer ab. Die Eigenschaften des Atomgases können hier also mit Laserlicht (und daher auf kleinen Längenskalen) beeinflusst werden, jedoch mit weit geringeren Teilchenverlusten als bei der bisher bekannten Technik.

Diese Ergebnisse haben ein hohes Anwendungspotential. Man kann z.B. mit einer holographischen Maske ein komplexes Lichtmuster erzeugen und dem Bose-Einstein-Kondensat überlagern. Die Lichtintensität kann dabei auf einer Skala moduliert werden, die der optischen Wellenlänge entspricht, und außerdem kann das Muster innerhalb kurzer Zeit verändert werden. Damit entsteht die Möglichkeit, die Stoßeigenschaften in einem ultrakalten Gas durch Licht sehr flexibel zu verändern.

Der nächste Schritt wird darin bestehen, diese Methode auf ein BEC in einem optischen Gitter anzuwenden. Das ist ein Kristall aus Licht, der durch geeignete Überlagerung aus stehenden Laserwellen erzeugt wird, sodass sich helle und dunkle Gebiete periodisch abwechseln. In diesem Lichtfeld bewegen sich die Atome ähnlich wie die Elektronen im Kristallgitter eines Festkörpers. Durch Kombination mit der neuen Methode können in solchen Gittern weit komplexere Systeme simuliert werden, als mit den bisherigen Methoden, mit denen die Wechselwirkungsstärke entweder nur für alle Gitterplätze gleichzeitig verändert werden konnte, oder die Teilchen so schnell verloren gingen, dass kaum Zeit zum Experimentieren blieb. Damit eröffnen sich deutlich breitere Anwendungsbereiche für Quantensimulationen. [OM/SD]

Originalveröffentlichung:
Dominik M. Bauer, Matthias Lettner, Christoph Vo, Gerhard Rempe, and Stephan Dürr
"Control of a magnetic Feshbach resonance with light"
Nature Physics, Advance online publication, 6. April 2009
Kontakt:
Prof. Dr. Gerhard Rempe
Max-Planck-Institut für Quantenoptik
Hans-Kopfermann-Straße 1
85748 Garching
Telefon: +49 - 89 / 32905 - 701
Fax: +49 - 89 / 32905 - 311
E-Mail: gerhard.rempe@mpq.mpg.de
Dr. Olivia Meyer-Streng
Presse & Kommunikation
Max-Planck-Institut für Quantenoptik
Telefon: +49 - 89 / 32905 - 213
Fax: +49 - 89 / 32905 - 200
E-Mail: olivia.meyer-streng@mpq.mpg.de

Dr. Olivia Meyer-Streng | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpq.mpg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Heiß & kalt – Gegensätze ziehen sich an
25.04.2017 | Universität Wien

nachricht Astronomen-Team findet Himmelskörper mit „Schmauchspuren“
25.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie