Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Homogen oder entmischt? Shampoos und Plastik unter Spannung

06.01.2010
Jülicher Forscher untersucht physikalische Grundlagen des Fließverhaltens komplexer Flüssigkeiten

Alltägliche Produkte wie Shampoos und Plastik bestehen aus höchst komplexen Zutaten, etwa Polymeren und langkettigen Molekülen. Daraus eine stabile Mischung zu schaffen, erfordert abgestimmte Rezepte.

Zu hoher Druck oder zu starkes Rühren bei der Produktion trennen oftmals Flüssigkeiten wieder aus der Mischung ab. Dabei spielen die Scherkräfte an den Behälterwänden eine große Rolle. Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich und der französischen Hochschule "École normale supérieure de Lyon" haben erstmals experimentell nachweisen können, wie ein mikroskopischer "Gleitprozess" zu stabileren Flüssigkeiten führt. Mit diesen Erkenntnissen, die in der renommierten Fachzeitschrift "Physical Review Letters" veröffentlicht wurden, kann jetzt das Fließverhalten von komplexen Flüssigkeiten besser vorhergesagt werden.

"Die Beschaffenheit der Wände spielt eine wichtige Rolle, um das Fließverhalten komplexer Flüssigkeiten günstig zu gestalten", erläutert Dr. Pavlik Lettinga, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Jülicher Institut für Festkörperforschung. Starke Scherkräfte verursachen Spannung in der Flüssigkeit, etwa weil ineinander verzahnte Polymerketten aneinander reiben. Zwei Phänomene können der Spannung entgegenwirken: einerseits die Entmischung der Flüssigkeit in unterschiedlich dickflüssige Schichten, andererseits ein Gleiten der Flüssigkeit über ausreichend glatte Gefäßwände. "Es ist uns erstmals experimentell gelungen, anschaulich zu zeigen, wie diese beiden Phänomene miteinander konkurrieren", so Lettinga. "Ein besseres physikalisches Verständnis dieses Zusammenhangs könnte hilfreich für die Optimierung industrieller Prozesse sein, etwa bei der Kunststoffherstellung."

Die Forscher aus Jülich und Lyon nutzten für ihre Experimente so genannte Scherzellen, die aus zwei ineinandersteckenden Zylindern bestehen. Zwischen die rotierenden Wände des Zylinders brachten sie eine Tensid-Wasser-Mischung, die einem Shampoo ähnelt. Um die mikroskopischen Vorgänge in der Flüssigkeit zu verstehen, verfolgten die Forscher kontinuierlich die Fließgeschwindigkeit der Suspension an verschiedenen Positionen zwischen den Wänden mit Hilfe eines Ultraschallmessgeräts.

Oberhalb einer gewissen Fließgeschwindigkeit trennte sich die Suspension in zwei Schichten unterschiedlicher Viskosität auf, die mit verschiedener Geschwindigkeit fließen. Dies konnten die Forscher verhindern, indem sie die Wände der Scherzelle glätteten. Sie sahen, dass dann bei der genau gleichen Fließgeschwindigkeit wie zuvor die Suspension gewissermaßen über die glatten Wände gleiten kann. Gleichzeitig wiesen die Forscher durch Kraftmessungen nach, dass sich dabei die Spannung in der Flüssigkeit abbaut, die durch den Scherfluss verursacht wird. Wenn das Gleiten durch raue Wände schwieriger wird, findet der Spannungsabbau stattdessen durch die Auftrennung der Flüssigkeit statt. Dieser Zusammenhang zwischen beiden Prozessen war bisher nur vermutet worden und birgt Verbesserungspotenzial für die Herstellung von Kunststoffen und Emulsionen.

Originalveröffentlichung:
Competition between Shear Banding and Wall Slip in Wormlike Micelles
M. P. Lettinga und S. Manneville
Phys. Rev. Lett. 103, 248302 (2009)
DOI: 10.1103/PhysRevLett.103.248302
Kontakt:
Dr. Pavlik Lettinga,
Forschungszentrum Jülich, Institut für Festkörperforschung, 52425 Jülich,
Tel. 02461 61-4515, E-Mail: P.Lettinga@fz-juelich.de
Pressekontakt:
Angela Wenzik, Wissenschaftsjournalistin,
Forschungszentrum Jülich, Institut für Festkörperforschung, 52425 Jülich,
Tel. 02461 61-6048, E-Mail: a.wenzik@fz-juelich.de

Peter Schäfer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fz-juelich.de/portal/presse/pressemitteilungen
http://www.fz-juelich.de/iff/d_iwm_uebersicht/
http://www.ens-lyon.eu/web/nav/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation
13.12.2017 | Max-Planck-Institut für Quantenoptik

nachricht Einmal durchleuchtet – dreifacher Informationsgewinn
11.12.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovativer Wasserbau im 21. Jahrhundert

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neue Wirkstoffe aus dem Baukasten: Design und biotechnologische Produktion neuer Peptid-Wirkstoffe

13.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

Analyse komplexer Biosysteme mittels High-Performance-Computing

13.12.2017 | Informationstechnologie

BRAIN AG und HS Mannheim entwickeln 3D-Hautmodelle zur Anwendung in Gesundheits- und Kosmetikbranche

13.12.2017 | Biowissenschaften Chemie