Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Higgs-Anregungen am absoluten Temperaturnullpunkt

26.07.2012
Wissenschaftlerteam von MPQ, LMU, Harvard University und dem California Institute of Technology weist erstmals ‚Higgs’-artige Anregungen in niedrigdimensionalen Systemen nach, die bei Übergängen zwischen verschiedenen Materiezuständen ultrakalter Atome auftreten.

Die in der Natur plötzlich auftretende Brechung einer Symmetrie spielt eine fundamentale Rolle in der Physik, insbesondere für die Beschreibung von Phasenübergängen, bei denen sich der Gesamtzustand eines Systems ändert. Ein Beispiel dafür ist die spontane Ausrichtung der atomaren Magnete in einem Ferromagneten, der unter die Curie-Temperatur abgekühlt wird.


Abbildung: Illustration einer Higgs-Anregung in einem zweidimensionalen System: Die Dynamik der Higgs-Anregung (roter Bogen) kann als Schwingung in einem Potential beschrieben werden, das die Form eines mexikanischen Sombreros hat.
Grafik: MPQ, Abt. Quanten Vielteilchensysteme

In einer solchen „globalen Ordnung“ kann ein System zu kollektiven Schwingungen angeregt werden, bei denen sich die einzelnen Teilchen koordiniert zusammen bewegen. Folgt diese kollektive Bewegung den Gesetzen der Relativitätstheorie, dann kann ein besonderer Schwingungszustand entstehen, eine (nach dem britischen Physiker Peter Higgs benannte) Higgs-Anregung. Eine solche Anregung spielt z.B. eine Schlüsselrolle im Standardmodell der Elementarteilchenphysik, wo sie Higgs-Teilchen genannt wird. Auch in festkörperähnlichen Systemen können Higgs-Anregungen entstehen, wenn die kollektive Bewegung der Teilchen einem Gesetz folgt, das der Relativitätstheorie ähnelt.

Der experimentelle Nachweis kann sich allerdings auch hier als schwierig erweisen, da Higgs-Anregungen in Festkörpern – wie auch in der Elementarteilchenphysik – meist nach kurzer Zeit zerfallen. Als besonders kurzlebig erweisen sich Higgs-Anregungen in extrem flachen, sogenannten niedrigdimensionalen Systemen, und es war bisher umstritten, ob sie in diesen Systemen überhaupt beobachtbar sind. Ein Physikerteam aus der Abteilung Quanten-Vielteilchensysteme von Prof. Immanuel Bloch am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) konnte jetzt, in enger Zusammenarbeit mit Theoretikern der Harvard University (Cambridge, USA) and des California Institute of Technology (Pasadena, USA), Higgs-Anregungen in einem zweidimensionalen Vielteilchensystem nachweisen, das sich in der Nähe eines Phasenübergangs befindet und dort relativistisch beschreiben lässt (Nature, 26. Juli 2012). „Das spannende an unserem Ergebnis ist, dass wir Phänomene, die sonst nur bei höchsten Energien auftreten, auch in der Nähe des Temperaturnullpunkts wiederfinden“, verrät Immanuel Bloch.

Das Experiment beginnt damit, Rubidiumatome auf Temperaturen in der Nähe des absoluten Nullpunkts abzukühlen. Die ultrakalten Atome werden dann in ein zweidimensionales optisches Gitter geladen, eine schachbrettartige Anordnung heller und dunkler Gebiete, die durch die Kreuzung stehender Laserwellen erzeugt wird. Mit Hilfe dieses periodischen Lichtfeldes lassen sich verschiedene Quantenphasen realisieren.

In optischen Gittern sehr hoher Intensität (d.h. sehr starkem Hell-Dunkel-Kontrast) bildet sich ein hoch geordneter Zustand aus, ein sogenannter „Mott-Isolator“ (benannt nach dem britischen Physiker Sir Neville Mott), bei dem sich auf jedem Gitterplatz genau ein Atom befindet und dort fixiert ist. Wird die Gitterintensität immer weiter erniedrigt, so wird schließlich ein Phasenübergang zu einem suprafluiden Zustand überschritten. In diesem Zustand sind alle Atome Teil eines einzigen Feldes, das sich über das ganze Gitter ausdehnt und die kollektive Bewegung des Systems als eine einzige große quantenmechanische Welle beschreibt. Das Besondere ist hier, dass die Dynamik dieses Quantenfeldes den Gesetzen einer effektiven Relativitätstheorie gehorcht, bei der die Lichtgeschwindigkeit durch die Schallgeschwindigkeit ersetzt ist. Wird nun das Quantenfeld gezielt in seinem Gleichgewichtszustand gestört, können sich kollektive Schwingungszustände in Form von Higgs-Moden bilden.

Die Frage ist nun: kann sich diese Art der kollektiven Anregung auch in einem zweidimensionalen System entwickeln, und wenn ja, wie lässt sie sich nachweisen? Die Wissenschaftler stellen dazu die Systemparameter so ein, dass sich das Quantengas sehr dicht am Übergang vom Suprafluid zum Mott-Isolator befindet. Anschließend wird die Gitterintensität einige Millisekunden lang vorsichtig moduliert. Diese Modulation führt zur Erzeugung von wenigen Higgs-Anregungen, ohne das System zu sehr aus dem Gleichgewicht zu bringen. „Wir halten das „Schütteln“ bewusst sehr gering, um unerwünschte Nebeneffekte zu vermeiden. Nur so ist es möglich, das Signal der Higgs-Anregungen heraus zu filtern“, meint Manuel Endres, der an dem Experiment im Rahmen seiner Doktorarbeit forscht. „Mit einer besonders empfindlichen Methode, die wir in unserer Gruppe entwickelt haben, können wir die Temperatur des Quantensystems extrem genau, bis auf ein Milliardstel Kelvin messen. Bei bestimmten Modulationsfrequenzen konnten wir eine kleine „Spitze“ im Temperaturverlauf feststellen.“

Diese Ergebnisse deuten die Physiker so: Stimmt die Frequenz, mit der die Gitterintensität moduliert wird, mit der Frequenz einer Higgs-Mode überein, dann kommt es zu einer resonanten Schwingungsanregung, d.h. es werden verstärkt Higgs-Anregungen gebildet und Energie in das System übertragen. Damit erhöht sich auch die Temperatur des Quantengases. Die Messdaten zeigen, dass sich die Schwingungsfrequenz stark erniedrigt, wenn sich das System der Mott-Phase nähert. Dies ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass es sich tatsächlich um eine kollektive Higgs-Anregung handelt. „Wir sprechen hierbei von einer „Aufweichung“ der Mode, die typisch für den kollektiven Charakter der Anregung in der Nähe des Phasenübergangs ist“, führt Manuel Endres aus.

Unter Theoretikern war es bislang umstritten, ob eine Higgs-Anregung in einem solchen niedrigdimensionalen System überhaupt existiert und wenn ja, in welcher Form. „In anderen Worten: Wir haben ein Phänomen beobachtet, für welches eine exakte Berechnung zur Zeit nicht möglich ist. Das macht unsere Messung umso wichtiger“, so Manuel Endres. [Olivia Meyer-Streng]

Originalveröffentlichung:

Manuel Endres, Takeshi Fukuhara, David Pekker, Marc Cheneau, Peter Schauß, Christian Groß, Eugene Demler, Stefan Kuhr und Immanuel Bloch
The ‘Higgs’ Amplitude Mode at the Two-Dimensional Superfluid-Mott Insulator Transition
Nature, 26. Juli, 2012

Kontakt:

Prof. Dr. Immanuel Bloch
Lehrstuhl für Quantenoptik, LMU München
Schellingstr. 4, 80799 München, und
Max-Planck-Institut für Quantenoptik
Hans-Kopfermann-Straße 1
85748 Garching b. München
Tel.: +49 (0) 89 / 32905 -138
E-Mail: immanuel.bloch@mpq.mpg.de

Manuel Endres
Max-Planck-Institut für Quantenoptik
Hans-Kopfermann-Straße 1
85748 Garching b. München
Tel.: +49 (0) 89 / 32905 -214
E-Mail: manuel.endres@mpq.mpg.de

Prof. Dr. Stefan Kuhr
University of Strathclyde
Department of Physics
107 Rottenrow East
Glasgow, U.K.
G4 0NG
Tel.: +44 141 548 3364
E-Mail: stefan.kuhr@strath.ac.uk

Dr. Olivia Meyer-Streng
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Quantenoptik
Tel.: +49 (0) 89 / 32905 -213
E-Mail: olivia.meyer-streng@mpq.mpg.de

Dr. Olivia Meyer-Streng | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpq.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Neue Harmonien in der Optoelektronik
21.07.2017 | Georg-August-Universität Göttingen

nachricht Von photonischen Nanoantennen zu besseren Spielekonsolen
20.07.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten