Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Farbenpracht der Weltraum-Möwe

26.09.2012
Bildveröffentlichung der Europäischen Südsternwarte (Garching) - Diese neue Aufnahme vom La Silla-Observatorium der ESO zeigt einen Ausschnitt aus einer Sternkinderstube, die im Englischen den Spitznamen “Seagull Nebula” trägt.
Offiziell fungiert der „Möwennebel“ unter der Bezeichnung Sharpless 2-292. Die hier sichtbare Gaswolke ist in der Tat wie der Kopf einer Möwe geformt und leuchtet mit beachtlicher Helligkeit – verantwortlich dafür ist insbesondere ein heißer, junger Stern im Wolkeninneren. Die detailreiche Aufnahme wurde mit dem Wide Field Imager erstellt, der Kamera am MPG-ESO-2,2 Meter-Teleskop.

Nebelgebiete gehören zu den eindrucksvollsten Beobachtungsobjekten, die der Nachthimmel zu bieten hat. Es handelt sich dabei um interstellare Wolken aus Staub, Molekülen, Wasserstoff, Helium und anderen ionisierten Gasen, in denen neue Sterne geboren werden. Die Formen- und Farbenvielfalt dieser Objekte inspiriert ihre Entdecker regelmäßig – und auch in diesem Fall – zu kreativer Namenswahl.

Das neue Bild des Wide Field Imager am MPG-ESO-2,2 Meter-Teleskop am La Silla-Observatorium der ESO in Chile zeigt die Kopfpartie des Möwennebels [1]. Diese Region ist nur ein Teil eines größeren Nebels, der offiziell als IC 2177 bezeichnet wird und einer fliegenden Möwe ähnelt – und das bei einer Flügelspanne von 100 Lichtjahren. Die Gesamtansicht des kosmischen Seevogels zeigt sich in Aufnahmen mit großem Gesichtsfeld.

Der Möwennebel liegt auf der Grenze zwischen den Sternbildern Einhorn und Großer Hund in der Nähe von Sirius, dem hellsten Stern am Nachthimmel. Der Nebel ist allerdings mehr als 400 Mal soweit von der Erde entfernt wie sein bekannter Nachbarstern.

Die Gas- und Staubregion, die den Kopf der Möwe bildet, zeigt ein helles Leuchten. Dafür ist die starke Ultraviolettstrahlung verantwortlich, die weitgehend von einem einzigen hellen jungen Stern herrührt (HD 53367 [2]), der in der Bildmitte sichtbar ist und als Auge der Möwe interpretiert werden kann.

Die Strahlung der jungen Sterne regt das umgebende Wasserstoffgas zu einem charakteristischen rötlichen Leuchten an und verwandelt es in sogenannte HII-Regionen [3]. Etwas von dem Licht der heißen, bläulich-weißen Sterne wird außerdem an winzigen Staubteilchen des Nebels reflektiert. Daher rühren die im Bild sichtbaren bläulichen Nebelregionen.

Während eine kleine, helle Region des größeren Möwennebel-Umfeldes bereits 1785 von dem deutsch-britischen Astronomen Sir William Herschel beobachtet wurde, konnte der hier gezeigte Bereich erst ein gutes Jahrhundert später nach dem Aufkommen fotografischer Methoden nachgewiesen werden.

Zufällig liegt der Nebel nicht allzu weit von Thors Helm (NGC 2359) entfernt, dem Gewinnerobjekt des ESO-Wettbewerbs „Sie entscheiden was das VLT beobachtet“. Dieser Nebel mit seiner charakteristischen Form und seinem ungewöhnlichen Namen war – eine Premiere – von der Öffentlichkeit als Beobachtungsziel für das Very Large Telescope der ESO ausgewählt worden. Die entsprechenden Beobachtungen werden Teil der Festlichkeiten zum 50. Jahrestag der ESO-Gründung am 5. Oktober 2012 stattfinden und live vom Paranal-Observatorium, dem Standort des VLT, übertragen werden: Bleiben Sie dran!

Endnoten

[1] Das Objekt hat noch eine Reihe weiterer Bezeichnungen bekommen: Sh 2-292, RCW 2 und Gum 1. Die Bezeichnung Sh 2-292 sagt aus, dass es sich um Objekt Nummer 292 im 1959 veröffentlichten zweiten Sharpless-Katalog der HII-Regionen handelt. Die RCW-Nummer bezieht sich auf einen 1960 veröffentlichten Katalog, den Rodgers, Campbell und Whiteoak zusammengestellt haben. Das Objekt war außerdem das erste in einer Liste der südlichen Nebel, die Colin Gum zusammengestellt und 1955 veröffentlicht hat.

[2] HD 53367 ist ein junger Stern, der zwanzig mal soviel Masse besitzt wie unsere Sonne. Es handelt sich um einen sogenannten Be-Stern, anders ausgedrückt: einen B-Stern, dessen Spektrum prominente Wasserstoff-Emissionslinien aufweist. Der Stern hat einen Begleiter mit dem fünffachen der Sonnenmasse, der sich auf einer langgestreckt-elliptischen Umlaufbahn befindet.

[3] HII-Regionen sind Regionen, die aus ionisiertem Wasserstoff (Elementsymbol H) bestehen, dessen Elektronen nicht mehr an entsprechende Protonen gebunden sind. HI ist die Bezeichnung für nicht-ionisierten, neutralen Wasserstoff. Das rötliche Leuchten der HII-Regionen entsteht, wenn Protonen und Elektronen sich wieder zusammenfinden und dabei Energie bei bestimmten, genau definierten Wellenlängen bzw. Farben abgeben. Ein besonders wichtiger Übergang dabei nennt sich H-alpha und ist für die charakteristische rötliche Farbe verantwortlich.

Zusatzinformationen

Das MPG/ESO 2,2-Meter-Teleskop wurde 1984 in Betrieb genommen und ist eine Leihgabe der Max-Planck-Gesellschaft an die ESO. Sein Wide Field Imager, eine astronomische Kamera mit besonders großem Blickfeld und einem Detektor mit 67 Millionen Pixeln, liefert Bilder, die nicht nur von wissenschaftlichem, sondern auch von ästhetischem Wert sind.

Im Jahr 2012 feiert die Europäische Südsternwarte ESO (European Southern Observatory) das 50-jährige Jubiläum ihrer Gründung. Die ESO ist die führende europäische Organisation für astronomische Forschung und das wissenschaftlich produktivste Observatorium der Welt. Getragen wird die Organisation durch ihre 15 Mitgliedsländer: Belgien, Brasilien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Österreich, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz, die Tschechische Republik und das Vereinigte Königreich. Die ESO ermöglicht astronomische Spitzenforschung, indem sie leistungsfähige bodengebundene Teleskope entwirft, konstruiert und betreibt. Auch bei der Förderung internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Astronomie spielt die Organisation eine maßgebliche Rolle. Die ESO betreibt drei weltweit einzigartige Beobachtungsstandorte in Nordchile: La Silla, Paranal und Chajnantor. Auf dem Paranal betreibt die ESO mit dem Very Large Telescope (VLT) das weltweit leistungsfähigste Observatorium für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren Lichts und zwei Teleskope für Himmelsdurchmusterungen: VISTA, das größte Durchmusterungsteleskop der Welt, arbeitet im Infraroten, während das VLT Survey Telescope (VST) für Himmelsdurchmusterungen ausschließlich im sichtbaren Licht konzipiert ist. Die ESO ist der europäische Partner für den Aufbau des Antennenfelds ALMA, das größte astronomische Projekt überhaupt. Derzeit entwickelt die ESO ein Großteleskop mit 39 Metern Durchmesser für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren und Infrarotlichts, das einmal das größte optische Teleskop der Welt werden wird: das European Extremely Large Telescope (E-ELT).

Die Übersetzungen von englischsprachigen ESO-Pressemitteilungen sind ein Service des ESO Science Outreach Network (ESON), eines internationalen Netzwerks für astronomische Öffentlichkeitsarbeit, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus allen ESO-Mitgliedsstaaten (und einigen weiteren Ländern) vertreten sind. Deutscher Knoten des Netzwerks ist das Haus der Astronomie in Heidelberg.

Kontaktinformationen

Carolin Liefke
ESO Science Outreach Network - Haus der Astronomie
Heidelberg, Deutschland
Tel: 06221 528 226
E-Mail: eson-germany@eso.org

Richard Hook
ESO, La Silla, Paranal, E-ELT & Survey Telescopes Public Information Officer
Garching bei München, Germany
Tel: +49 89 3200 6655
Handy: +49 151 1537 3591
E-Mail: rhook@eso.org

Carolin Liefke | ESO Science Outreach Network
Weitere Informationen:
http://www.eso.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Schnell wachsende Galaxien könnten kosmisches Rätsel lösen – zeigen früheste Verschmelzung
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Astronomie

nachricht 3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind
24.05.2017 | Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie GmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten