Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Entsteht Supraleitung doch ganz anders?

23.02.2009
Ergebnisse vom Paul Scherrer Institut stellen gängige Theorien der Hochtemperatursupraleitung in Frage

Auch wenn der Mechanismus hinter der Hochtemperatursupraleitung zu den grossen Rätseln moderner physikalischer Forschung gehört, schien es einige sichere Erkenntnisse über die Natur dieses Phänomens zu geben. Forscher des Paul Scherrer Instituts (PSI) und der TU Dresden haben nun gezeigt, dass sich die seit rund einem Jahr bekannten Eisen-basierten Supraleiter nicht an diese Regeln halten.

Damit ist nicht nur gezeigt, dass gängige Theorien revidiert werden müssen - die Ergebnisse könnten auch Wege zur Erzeugung von effizienteren Hochtemperatursupraleitern aufzeigen. Ihre Untersuchungen haben die Forscher vor allem mit Myonen durchgeführt - instabilen Elementarteilchen, die am Teilchenbeschleuniger des PSI erzeugt werden und detaillierte Informationen über Magnetfelder im Inneren von Materialien liefern. Über ihre Ergebnisse berichten die Forscher am 22.02.09 in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Nature Materials.

"Alte und neue" Hochtemperatursupraleiter

Vor rund zwanzig Jahren wurden die ersten Hochtemperatursupraleiter entdeckt: kompliziert aufgebaute Substanzen auf Kupfer-Basis, die elektrischen Strom ganz ohne Widerstand leiten konnten - und das bei deutlich höheren Temperaturen als die schon länger bekannten klassischen Supraleiter. Seit Anfang 2008 ist eine neue Klasse von Hochtemperatursupraleitern auf Eisenbasis bekannt, die den bisher bekannten in vielfacher Weise ähnelt. So haben alle Substanzen gemeinsam, dass ihre Kristallstruktur in Schichten aufgebaut ist und der Strom in diesen Schichten fliesst. Gemeinsam ist auch, dass sie aus einer nicht-supraleitenden Ausgangssubsubstanz entstehen, wenn man bestimmte Atome durch die eines anderen Elements ersetzt und so gezielt die Menge an elektrischen Ladungen verändert.

Plötzlicher Wandel

Der Ausgangsstoff für die Kupfer-Supraleiter ist ein magnetischer Isolator, der bei wachsendem Gehalt an Fremdatomen zunächst allmählich seinen Magnetismus verliert und schliesslich supraleitend wird. Dieser Ablauf galt bislang als Standard für die Vorgänge in Hochtemperatursupraleitern und war die Basis der gängigen Theorien zur Entstehung des Effekts. Die Forscher zeigen nun, dass es auch anders geht. So ist der Ausgangsstoff der neuen Eisen-Supraleiter ein Metall. Vor allem wechseln sie aber bei einer bestimmten Menge von Fremdatomen schlagartig vom magnetischen zum supraleitenden Zustand. Das heisst, dass der magnetische Zustand die Supraleitung unterdrückt, die sich sofort entfalten kann sobald der magnetische Zustand zerstört wird. Dabei verschwindet mit dem Magnetismus auch gleichzeitig eine Verzerrung des Kristallgitters.

"Wenn man diese Verzerrung und den damit gekoppelten Magnetismus gezielt unterdrücken könnte, wäre es wahrscheinlich möglich, die Supraleitung bei höheren Temperaturen zu erzeugen." erläutert der Physiker Hubertus Luetkens die Konsequenzen seiner Forschung. "Die erwähnte strukturelle Verzerrung kann zum Beispiel durch Einbringen von geeigneten Fremdatomen, aber auch durch das Anlegen hoher externer Drücke verhindert werden." ergänzt sein Kollege Hans-Henning Klauß von der TU Dresden. Solche Experimente mit hohem Druck werden zur Zeit am PSI durchgeführt.

Elementarteilchen enthüllen Magnetismus und Supraleitung

Die Ergebnisse haben die Forscher vor allem mit Hilfe von Myonen gewonnen. Diese instabilen Elementarteilchen werden am Teilchenbeschleuniger des Paul Scherrer Instituts erzeugt und gezielt in das Innere der untersuchten Substanz eingebracht. Dort agieren sie wie mikroskopisch kleine Magnetfeldsonden, die magnetische Vorgänge und Supraleitung im Inneren des Materials zeigen können. "Man kann auch mit einer Messung der Leitfähigkeit feststellen, ob eine Substanz supraleitend geworden ist. Aber nur Myonen zeigen, ob die Supraleitung auf einzelne Bereiche beschränkt ist oder das ganze Material erfasst hat" erklärt Luetkens einen Vorteil der Myonenexperimente. Myonen für solche Versuche sind weltweit nur an wenigen Orten verfügbar.

Das Paul Scherrer Institut entwickelt, baut und betreibt grosse und komplexe Forschungsanlagen und stellt sie der nationalen und internationalen Forschungsgemeinde zur Verfügung. Eigene Forschungsschwerpunkte sind Festkörperforschung und Materialwissenschaften, Elementarteilchenphysik, Biologie und Medizin, Energie- und Umweltforschung. Mit 1300 Mitarbeitenden und einem Jahresbudget von rund 260 Mio. CHF ist es das grösste Forschungsinstitut der Schweiz.

An der Technischen Universität Dresden lernen, lehren und forschen rund 35'000 Studierende und über 400 Professorinnen und Professoren aus vielen Ländern. Materialwissenschaften, Biomaterialien und Nanotechnologie bilden gemeinsam eine von sechs Profillinien in der Forschung, die besonders in der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät verankert ist.

Kontakt:

Dr. Hubertus Luetkens, Paul Scherrer Institut, Labor für Myonen-Spin-Spektroskopie,
Tel: +41 56 310 4450
E-Mail: hubertus.luetkens@psi.ch
Prof. Dr. Hans-Henning Klauß, Technische Universität Dresden, Institut für Festkörperphysik
Tel: +49 351 463-42125
E-Mail: H.Klauss@physik.tu-dresden.de
Originalveröffentlichung:
The electronic phase diagram of the LaO1-xFxFeAs superconductor
H. Luetkens, H.-H. Klauss, M. Kraken, F. J. Litterst, T. Dellmann, R. Klingeler, C. Hess, R. Khasanov, A. Amato, C. Baines, M. Kosmala, O. J. Schumann, M. Braden, J. Hamann-Borrero, N. Leps, A. Kondrat, G. Behr, J. Werner and B. Büchner

Nature Materials, 22.02.2009, http://dx.doi.org/10.1038/NMAT2397

Dagmar Baroke | idw
Weitere Informationen:
http://www.psi.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht MADMAX: Ein neues Experiment zur Erforschung der Dunklen Materie
20.10.2017 | Max-Planck-Institut für Physik

nachricht Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung
20.10.2017 | Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie GmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise