Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Einheitliche Theorie für Skyrmionen-Materialien: Die Zähmung der magnetischen Wirbel

03.03.2015

Mit magnetischen Wirbelstrukturen, sogenannten Skyrmionen, könnte man sehr effizient Informationen speichern oder verarbeiten. Auch als Hochfrequenz-Bausteine könnten sie eingesetzt werden. Erstmals hat nun ein Team von Physikern die elektromagnetischen Eigenschaften isolierender, halbleitender und leitender skyrmionischer Materialen charakterisiert und eine einheitliche theoretische Beschreibung des Verhaltens entwickelt. Damit können in Zukunft gezielt Bausteine mit bestimmten Eigenschaften hergestellt werden.

Vor mehr als sechs Jahren entdeckten Physiker der Technischen Universität München (TUM) in einer metallischen Legierung aus Mangan und Silizium extrem stabile magnetische Wirbelstrukturen. Zusammen mit theoretischen Physikern der Universität zu Köln treiben sie seitdem diese Technologie weiter voran.


Magnetische Spin-Wellen in einem Festkörper

Illustration: Christoph Hohmann / NIM

Da die magnetischen Wirbel mikroskopisch klein sind und sich sehr leicht bewegen lassen, könnten Computerbausteine mit dieser Technologie 10.000 mal weniger Strom benötigen und wesentlich größere Datenmengen speichern als heute. Neuere Forschungsergebnisse zeigten, dass sich die einzigartigen elektromagnetischen Eigenschaften der Skyrmionen auch für den Bau effizienter und sehr kleiner Mikrowellen-Sender und –Empfänger nutzen ließe.

Leiter, Halbleiter und Isolatoren

Um Computerchips herstellen zu können braucht man isolierende, halbleitende und leitende Materialien. Für alle drei Materialklassen sind inzwischen Materialien bekannt, die magnetische Wirbelstrukturen ausbilden. Entscheidend ist aber, dass diese Wirbel schnell auf Wechselfelder reagieren, damit Informationen mit hoher Rate verarbeitet werden können. Das dynamische Verhalten der drei Materialen untersuchte nun ein Team von Physikern der TU München, der Universität zu Köln und der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (Schweiz).

Aus den Ergebnissen ihrer Messungen entwickelte das Team eine für alle drei Materialklassen gültige theoretische Beschreibung des Verhaltens. „Mit dieser Theorie haben wir für die weitere Entwicklung ein wichtiges Fundament geschaffen“, sagt Professor Dirk Grundler, Inhaber des Lehrstuhls für Physik funktionaler Schichtsysteme an der TU München. „Damit können wir in Zukunft gezielt Materialien mit bestimmten Eigenschaften ermitteln, so wie wir sie für ein Bauelement brauchen“.

Extrem kompakte Frequenzbausteine

Die typischen Eigenfrequenzen der Skyrmionen liegen im Mikrowellen-Bereich. In diesem Frequenzbereich senden beispielsweise Handys, WLAN und viele Arten mikroelektronischer Fernsteuerungen. Dank der Robustheit der magnetischen Wirbel und ihrer leichten Anregbarkeit ließen sich mit Skyrmionen-Materialien sehr effiziente Mikrowellen-Sender und -Empfänger bauen.

Während die Wellenlänge elektromagnetischer Mikrowellen typischer Weise im Bereich von Zentimetern liegt, sind die Wellenlängen magnetischer Spin-Wellen, sogenannter Magnonen, 10.000 mal kürzer. „Aus magnetischen Nanomaterialien wie den Skyrmionen-Materialien ließen sich daher sehr viel kompaktere oder gänzlich neue Bausteine für die Mikroelektronik herstellen“, sagt Professor Dirk Grundler.

Neben dem Material ist für die elektromagnetischen Eigenschaften auch die Form des Bausteins entscheidend. Auch hier hilft die von den Wissenschaftlern entwickelte Theorie. Mit Ihr können die Forscher voraussagen, welche Form bei welchem Material die besten Eigenschaften hervorbringt.

„Chiral-magnetische Materialien versprechen viele neue Funktionalitäten mit interessantem Zusammenspiel von elektronischen und magnetischen Eigenschaften“, sagt Dr. Markus Garst, Physiker am Institut für Theoretische Physik der Universität zu Köln. „Doch für alle Anwendungen ist es unverzichtbar, die Möglichkeiten und Grenzen verschiedener Materialien vorauszusagen. Dem sind wir nun einen entscheidenden Schritt näher gekommen“.

Die Arbeiten wurden unterstützt mit Mitteln des European Research Councils (ERC Advanced Grant), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (TRR 80, SFB 608 und Exzellenzcluster Nanosystems Initiative Munich, NIM) sowie der TUM Graduate School.

Publikation

Universal helimagnon and skyrmion excitations in metallic, semiconducting and insulating chiral magnets
T. Schwarze, J. Waizner, M. Garst, A. Bauer, I. Stasinopoulos, H. Berger, C. Pfleiderer, D. Grundler
nature materials, March 2, 2015 – DOI: 10.1038/nmat4223 Link: http://www.nature.com/nmat/journal/vaop/ncurrent/full/nmat4223.html

Video-Sequenzen (Format: avi): http://www.nature.com/nmat/journal/vaop/ncurrent/full/nmat4223.html#/supplementa...

Bildmaterial: https://mediatum.ub.tum.de/?cfold=1237952&dir=1237952&id=1237952#1237952

Kontakt

Prof. Dr. Dirk Grundler
Technische Universität München
Lehrstuhl für Physik funktionaler Schichtsysteme (E10)
James-Franck-Str. 1, 85748 Garching, Germany
Tel.: +49 89 289 12402 – Internet: http://www.e10.ph.tum.de
und
Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne,
Institut des Matériaux,
1015 Lausanne, Switzerland
E-Mail: dirk.grundler@epfl.ch

Prof. Dr. Christian Pfleiderer
Technische Universität München
Lehrstuhl für Topologie korrelierter Systeme
James-Franck-Str. 1, 85748 Garching, Germany
Tel.: +49 89 289 14720
E-Mail: christian.pfleiderer@frm2.tum.de
Internet: http://www.e21.ph.tum.de

Dr. Ulrich Marsch | Technische Universität München

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Neue Methode zur Analyse von Supraleitern
24.10.2017 | Ruhr-Universität Bochum

nachricht Bildung von Magma-Ozeanen auf Exoplaneten erforscht
24.10.2017 | Österreichische Akademie der Wissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: 65 neue genetische Risikomarker für Brustkrebs entdeckt

Manche Familien sind häufiger von Brustkrebs betroffen als andere. Dies kann bislang nur teilweise durch genetische Risikomarker erklärt werden. In einem weltweiten Verbund haben Forscher nun 65 weitere Erbgutvarianten identifiziert, die zum Brustkrebsrisiko beitragen. Die Studie, an der auch Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum und dem Universitätsklinikum Heidelberg beteiligt waren, wurde in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht. Die Forscher erwarten, dass die Ergebnisse dazu beitragen, Screeningprogramme und die Früherkennung von Brustkrebs zu verbessern.

Seit Angelina Jolies medienwirksamer Entscheidung, sich vorbeugend die Brüste entfernen zu lassen, ist der genetische Hintergrund von Brustkrebs auch einer...

Im Focus: Salmonellen als Medikament gegen Tumore

HZI-Forscher entwickeln Bakterienstamm, der in der Krebstherapie eingesetzt werden kann

Salmonellen sind gefährliche Krankheitserreger, die über verdorbene Lebensmittel in den Körper gelangen und schwere Infektionen verursachen können. Jedoch ist...

Im Focus: Salmonella as a tumour medication

HZI researchers developed a bacterial strain that can be used in cancer therapy

Salmonellae are dangerous pathogens that enter the body via contaminated food and can cause severe infections. But these bacteria are also known to target...

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Konferenz IT-Security Community Xchange (IT-SECX) am 10. November 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Luftfracht

23.10.2017 | Veranstaltungen

Ehrung des Autors Herbert W. Franke mit dem Kurd-Laßwitz-Sonderpreis 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fettstoffwechsel beeinflusst Genaktivität

24.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Forscher der Universität Hamburg entdecken Mechanismus zur Verdopplung von Pflanzengenomen

24.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Bakterielle Toxine im Darm

24.10.2017 | Biowissenschaften Chemie