Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Choreografie eines Elektronenpaars

18.12.2014

Die Bewegung der beiden Elektronen im Heliumatom lässt sich mit zeitlich genau aufeinander abgestimmten Laserblitzen abbilden und steuern

Physiker verfeinern zusehends ihre Kontrolle über die Materie. Ein deutsch-spanisches Team um Forscher des Max-Planck-Instituts für Kernphysik in Heidelberg hat nun erstmals die Bewegung der beiden Elektronen eines Heliumatoms abgebildet und den elektronischen Paartanz sogar gesteuert.


Elektronischer Paartanz: Heidelberger Physiker haben eine pulsierende Bewegung des Elektronpaars in einem Heliumatom gefilmt. Bei 15,3 Femtosekunden (fs) befinden sich beide Elektronen dicht am Kern (Zentrum des Bildes) und entfernen sich dann von ihm. Die Farbe steht für die Wahrscheinlichkeit, ein Elektron am Ort A (vertikale Achse) und das zweite Elektron am Ort B (horizontale Achse) auf einer Schnittlinie durch das Atom (entlang der Laserpolarisationsrichtung) zu finden. Bei 16,3 Femtosekunden erreichen sie wieder ihre Ausgangsposition; sie bewegen sich also im Takt von etwa einer Femtosekunde.

© MPI für Kernphysik

Gelungen ist dies den Wissenschaftlern mit unterschiedlichen Laserblitzen, die sie zeitlich sehr genau aufeinander abstimmten. Dabei verwendeten sie neben sichtbaren Lichtblitzen auch ultraviolette Pulse, die nur einige Hundert Attosekunden dauerten. Eine Attosekunde entspricht dem Milliardstel Teil einer Milliardstel Sekunde. Physiker möchten die Bewegung von Elektronenpaaren nicht zuletzt deshalb gezielt beeinflussen, weil sie damit die Chemie revolutionieren wollen: Wenn sie die gepaarten Bindungselektronen in Molekülen mit Laserpulsen verschieben könnten, würden sie möglicherweise Substanzen erzeugen, die sich mit den üblichen chemischen Mitteln nicht herstellen lassen.

Elektronen sind kaum zu fassen. Den genauen Ort, an dem sie sich in einem Atom befinden, können Physiker nicht feststellen. Immerhin können sie den Raum eingrenzen, in dem sich die Ladungsträger höchstwahrscheinlich aufhalten. Wenn Elektronen sich bewegen, verändern sich diese Bereiche ihrer größten Aufenthaltswahrscheinlichkeit. In manchen Zuständen der Elektronen – Physiker sprechen von Überlagerungszuständen – geschieht dies in einem Pulsieren mit regelmäßigem Takt.

Genau diese pulsierende Bewegung haben Wissenschaftler um Thomas Pfeifer, Direktor am Max-Planck-Institut für Kernphysik nun in der Bilderserie eines Heliumatoms festgehalten. Dabei verfolgten sie, wie das Elektronenpaar in einem Moment nahe um den Atomkern tanzt und sich im nächsten Augenblick etwas von ihm entfernt. Mit der bloßen Beobachterrolle begnügten sich die Forscher jedoch nicht, sondern griffen auch aktiv in die Choreografie der Elektronen ein. So gaben sie gewissermaßen den Rhythmus des elektronischen Paartanzes vor. „Die Bewegung einzelner Elektronen im Atom hat man bereits häufiger abgebildet und auch manipuliert“, sagt Christian Ott, Erstautor der Studie. „Wir haben dies nun für ein kurzzeitig gebundenes Elektronenpaar erreicht.“

Werden Elektronen verschoben, lassen sich molekulare Verbindungen knüpfen

Das Verhalten von zwei Elektronen in einer konzertierten Aktion zu analysieren und zu steuern, ist zum einen für Physiker hilfreich, die besser verstehen möchten, wie Atome und Moleküle mit Licht wechselwirken. Denn dabei mischen meist zwei oder mehr Elektronen mit. Zum anderen ist es für die Chemie nützlich, Elektronenpaare dirigieren zu können. Denn die typische chemische Bindung besteht aus genauso einem Elektronenpaar, sodass Chemiker fast immer mindestens zwei Elektronen bewegen müssen, wenn sie eine molekulare Verbindung knüpfen oder lösen möchten.

Um die Choreografie der Elektronen in einem Heliumatom zu filmen und zu steuern, schicken die Heidelberger Physiker zwei Laserpulse durch eine Zelle mit Heliumgas. Dabei kommt es nicht nur auf die Energie, also die Farbe der Blitze an, sondern auch auf deren Intensität und auf den Abstand zwischen ihnen. Mit einem ultravioletten Blitz befördern die Forscher die Elektronen des Heliums zunächst in den ultraschnell pulsierenden Zustand. Dies gelingt Ihnen aber nur, weil die Dauer dieses Blitzes kürzer ist als eine Femtosekunde (der Millionste Teil einer Milliardstel Sekunde). Denn solange benötigt das Elektronenpaar für einen Zyklus der pulsierenden Bewegung, in der sich das Paar erst näher am Kern befindet, sich dann davon entfernt und wieder zum Kern zurückkehrt.

Mithilfe eines schwachen sichtbaren Laserpulses ermitteln sie dann, wo die Elektronen gerade tanzen. Und indem sie den Abstand zwischen dem ultravioletten Attosekunden-Puls und dem sichtbaren Puls variieren, drehen sie gewissermaßen einen Film des Elektronentanzes. „Dabei bilden wir zwar nicht direkt ab, wo sich die Elektronen aufhalten“, erklärt Thomas Pfeifer. „Der sichtbare Puls liefert uns aber die relative Phase des Überlagerungszustandes.“ Die Phase beschreibt das Auf und Ab einer Schwingung, und damit also die rhythmische Bewegung des Elektronenpaares. Hier gibt sie Physikern Auskunft darüber, an welcher Stelle ihres natürlichen Partnertanzes um das Heliumatom sich die Elektronen gerade befinden.

Um die Tanzfiguren zu ermitteln, nutzt das Heidelberger Team Erkenntnisse früherer Arbeiten. Damit bestimmten sie, wo sich die Elektronen aufhalten, wenn sie sich nicht bewegen. „Mit der hier gemessenen Information über die Phase und mit dem vorhandenen Vorwissen rekonstruieren wir, wo sich die Elektronen befinden“, so Pfeifer. Dabei helfen ihm und seinen Mitarbeitern theoretische Modelle, mit denen sie auch den Elektronentanz und die Wirkung der Laserpulse simulieren.

Intensive sichtbare Laserpulse ändern den Rhythmus des Elektronentanzes

Simulationen brauchen die Heidelberger Physiker auch, um den zweiten Teil ihrer Experimente zu interpretieren. Dabei dient ihnen der sichtbare Laserpuls nicht mehr nur als Kamera, sondern als Steuerhilfe für die pulsierende Elektronenbewegung. Wenn sie nämlich die Intensität des Blitzes erhöhen, verschieben sich die Zeitpunkte, zu denen sich die Elektronen nahe am Atomkern beziehungsweise weiter weg davon aufhalten. Wie sich der Rhythmus und damit die Choreographie des Elektronentanzes ändert, halten die Forscher ebenfalls in einer Bildsequenz fest.

Bisher können Thomas Pfeifer und seine Kollegen noch nicht alle Details erklären, die sie in den Experimenten mit intensiven Laserblitzen beobachten. Das wollen sie nun mit umfassenderen Untersuchungen, wie diese Pulse wirken, ändern. In künftigen Experimenten möchten Sie zudem das weitere Schicksal des Elektronenpaares genau verfolgen. Der Elektronentanz im Überlagerungszustand endet nämlich damit, dass einer der beiden Partner aus dem Atom geschleudert wird und das Atom folglich ionisiert wird. Solche Ionisationen spielen ebenfalls bei vielen chemischen Reaktionen eine Rolle. Solche wilden Tänze zweier Elektronen besser zu verstehen, könnte Chemikern also Erkenntnisse bringen, wie sich eine Reaktion in eine gewünschte Richtung lenken lässt. Spätestens dann dürfte die Attosekunden-Physik auch zu einem Werkzeug der Chemie werden.

Ansprechpartner

Dr. Thomas Pfeifer

Telefon:+49 6221 516-380Fax:+49 6221 516-802

Originalpublikation

 
Christian Ott, Andreas Kaldun, Luca Argenti, Philipp Raith, Kristina Meyer, Martin Laux, Yizhu Zhang, Alexander Blättermann, Steffen Hagstotz, Thomas Ding, Robert Heck, Javier Madroñero, Fernando Martín and Thomas Pfeifer
Reconstruction and control of a time-dependent two-electron wave packet

Dr. Thomas Pfeifer | Max-Planck-Institut für Kernphysik, Heidelberg
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/8808649/elektronen-bewegung-attosekunde

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht MADMAX: Ein neues Experiment zur Erforschung der Dunklen Materie
20.10.2017 | Max-Planck-Institut für Physik

nachricht Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung
20.10.2017 | Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie GmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Ehrung des Autors Herbert W. Franke mit dem Kurd-Laßwitz-Sonderpreis 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise