Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bonner Astronomen lesen in "galaktischen Tagebüchern"

04.11.2010
In Galaxien werden regelmäßig neue Sterne geboren. Das geschieht aber nicht gleichmäßig: Manchmal herrscht im stellaren Kreissaal Hochkonjunktur, dann geht die Geburtenrate wieder stark zurück. Astronomen der Universität Bonn und Cambridge haben eine neue Methode entwickelt, in den „Geburts-Tagebüchern“ weit entfernter Galaxien zu lesen. Sie stellen ihre Ergebnisse in Kürze in den Monthly Notices of the Royal Astronomical Society vor; der Artikel ist aber bereits online abrufbar (http://xxx.uni-augsburg.de/abs/1011.0724).

Die Entwicklungsgeschichte einer Galaxie von ihrer Entstehung kurz nach dem Urknall bis heute lässt sich aus ihren Sternen ablesen. Das Beispiel der Großen Magellansche Wolke verdeutlicht das: Die Zwerggalaxie befindet sich heute auf einer Bahn um die Milchstraße. In ihr entstehen seit ein bis zwei Milliarden Jahren deutlich mehr Sterne als zuvor. Das deutet darauf hin, dass sich die Magellansche Wolke erst seit dieser Zeit im gravitativen Einflussbereich der Milchstraße befindet.

Die Sternentstehungsgeschichte einer Galaxie ist also gewissermaßen ihr „kosmologisches Tagebuch”. Um diese Tagebücher zu lesen, nutzten Astronomen bislang zwei unterschiedliche Methoden. „Bei Galaxien in unserer Nähe ist die Sache vergleichsweise einfach“, erklärt Thomas Maschberger vom Argelander-Institut für Astronomie: „Mit steigendem Alter verändern Sterne nämlich ihre Farbe und Helligkeit. Wir beobachten sie also mit dem Teleskop und können dann aus Farb-Helligkeits-Diagrammen das Alter der Sterne ablesen.“

Das machen Forscher nicht nur für einen Stern, sondern für ziemlich viele - im Falle der Großen Magellanschen Wolke für 24 Millionen. „So können wir beispielsweise feststellen, wann die Galaxie hinsichtlich der Entstehung neuer Sterne besonders aktiv war“, sagt der Bonner Astronom Professor Dr. Pavel Kroupa. Für weiter entfernte Galaxien nutzen die Wissenschaftler dagegen das Licht aller Sterne in ihnen zusammen. Aus diesem Gesamtspektrum lassen sich ebenfalls Rückschlüsse auf die Sternentstehungsgeschichte ziehen. Die Ergebnisse sind allerdings wesentlich weniger detailreich.

Sternhaufen als Geschichtenschreiber

Die Astronomen aus Bonn und Cambridge haben nun eine neue Methode zur Auswertung galaktischer Tagebücher erprobt. Basis dafür sind die Umstände, in denen Sterne innerhalb einer Galaxie entstehen. Typischerweise geschieht das nicht in völliger Isolation. Stattdessen werden Sterne in „Rudeln“ geboren, als so genannte Sternhaufen. Zu solchen stellaren Mehrlingsgeburten kommt es, wenn das Gas innerhalb der Galaxie lokal kondensiert.

Je mehr Sterne in einer Galaxie entstehen, desto mehr Sternhaufen finden sich in ihr und desto heller sind sie. Das Alter dieser Strukturen lässt sich ebenfalls über das von ihnen ausgehende Licht bestimmen. „Auf diese Weise können wir also genau wie anhand von Einzelsternen die Sternentstehungsgeschichte rekonstruieren“, betont Kroupa. „Der Vorteil daran: Sternhaufen lassen sich auch in relativ weit entfernten Galaxien noch individuell auswerten. Wir können daher für eine viel größere Zahl von Galaxien erheblich detailliertere Ergebnisse erhalten, als bisher möglich war.“

Große Magellansche Wolke als Testfall

Ein erster Testfall war die Anwendung der Methode auf die Große Magellansche Wolke. Durch ihre Nähe zu uns ist es möglich, die Sternhaufen-Methode mit der Farben-Helligkeits-Diagramm-Methode zu vergleichen. „Beide führen für die letzte Milliarde Jahre zu im Wesentlichen identischen Ergebnissen“, freut sich Thomas Maschberger. „Das zeigt, dass unser Vorschlag funktioniert und auch auf weitere Galaxien angewandt werden kann.“

Für die entferntere Vergangenheit unterscheiden sich die Ergebnisse jedoch: Es gibt weit mehr alte Sterne, als man anhand der sichtbaren Sternhaufen erwarten würde. Dieser Befund ist bisher rätselhaft: Hat sich die Art geändert, wie sich Sterne bilden? Oder ist vielleicht die Wechselwirkung der Großen Magellanschen Wolke mit der Milchstraße dafür verantwortlich? Maschberger: „Diese Fragen machen unsere Arbeit in der nächsten Zeit außerordentlich spannend.“

Kontakt:
Dipl.-Phys. Thomas Maschberger
Institute of Astronomy, Madingley Road, Cambridge CB3 0HA
Telefon: +44 (0)1223/766-651
E-Mail: tmasch@ast.cam.ac.uk
Prof. Dr. Pavel Kroupa
Argelander Institut für Astronomie, Auf dem Hügel 71, 53121Bonn
Telefon: 0228/73-6140
E-Mail: pavel@astro.uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://xxx.uni-augsburg.de/abs/1011.0724 -

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Proteintransport - Stau in der Zelle
24.03.2017 | Ludwig-Maximilians-Universität München

nachricht Neuartige Halbleiter-Membran-Laser
22.03.2017 | Universität Stuttgart

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise