Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Komet auf schweißtreibender Abmagerungskur

25.07.2006
Fünfeinhalb Jahre benötigt der Komet Tempel 1, um einmal die Sonne zu umkreisen - eine wahrhaft schweißtreibende Angelegenheit, bei der er drei Millionen Tonnen Wasser verliert.

Auf diese Werte kommen Astronomen der Universität Bonn zusammen mit Kollegen vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics in den USA. Die Wissenschaftler haben den Kometen drei Monate lang von einem Satelliten aus beobachtet und gemessen, wieviel Wasser er durch die Einstrahlung der Sonne verdampft. Seine Abmagerungskur könnte Tempel 1 schon in einigen hundert Jahren das Leben kosten: Irgendwann wird er wahrscheinlich so instabil, dass er einfach auseinander bröselt. Ihre Ergebnisse haben die Forscher nun in der Fachzeitschrift "Icarus" vorgestellt.


Der Komet Schwassmann-Wachmann 3 wurde im Mai dieses Jahres mit Teleskopen des Observatoriums Hoher List aufgenommen, einer Außenstelle des Argelander-Instituts für Astronomie in der Eifel. Wie Tempel 1 zählt auch Schwassmann-Wachmann 3 zu den "kurzperiodischen Kometen", die für einen Sonnenumlauf nur einige Jahre benötigen (Tempel 1 war im vergangenen Jahr von der Nordhalbkugel nicht gut sichtbar). Schwassmann-Wachmann 3 zerbrach in diesem Jahr in mehrere Teile. Ereilt Tempel 1 irgendwann das gleiche Schicksal?

(c) Universität Bonn

Kometen verbringen die meiste Zeit ihres Lebens in den Randbereichen unseres Sonnensystems. Nur wenn sie auf ihrer Bahn der Sonne nahe kommen, werden durch die Sonneneinstrahlung große Mengen Staub und Gas freigesetzt: Es entsteht ein Kometenschweif, der bei besonders großen Kometen auch mit dem bloßem Auge zu sehen ist. Dabei verdampft hauptsächlich Wassereis, weshalb Kometen auch oft als schmutzige Schneebälle bezeichnet werden.

Über die genaue Zusammensetzung der Kometenkerne ist jedoch relativ wenig bekannt. Aus diesem Grund wurde im vergangenen Jahr ein spektakuläres Experiment durchgeführt. Die Raumsonde "Deep Impact" schoss ein mehr als 370 Kilogramm schweres Projektil auf Tempel 1 ab. Beim Einschlag wurde soviel Energie frei gesetzt wie bei der Explosion von 4,5 Tonnen TNT. "Auf diese etwas unsanfte Art hoffte man neue Erkenntnisse über die Zusammensetzung des Kerns zu gewinnen", sagt Dr. Frank Bensch vom Argelander-Institut für Astronomie.

... mehr zu:
»Abmagerungskur »Komet »Kometenkern

Weltweit saßen Wissenschaftler an ihren Teleskopen und fieberten dem Aufprall des Projektils entgegen. Sie sahen, wie durch den Einschlag eine große Staubwolke in das All geschleudert wurde. Die Forschergruppe von Frank Bensch und ihre Kollegen in den USA interessierten sich vor allem für den Wassergehalt der Staubwolke und des Kometenkerns. "Von der Erde aus kann man das jedoch kaum messen, weil die Erdatmosphäre selbst sehr viel Wasserdampf enthält", erklärt Bensch.

Für ihre Beobachtungen nutzten die Wissenschaftler daher den NASA-Satelliten SWAS (Submillimeter Wave Astronomy Satellite). Das Radioteleskop an Bord des Satelliten kann die vom Kometen "ausgeschwitzte" Wasserdampfmenge messen. Drei Monate beobachteten sie damit im Sommer 2005 den Kometen Tempel 1 - so auch die Kollision mit dem Projektil. "Das Material, das dabei frei wurde, enthielt erstaunlicherweise kaum Wasserdampf", sagt Bensch. "Es handelte sich eher um 'feuchten Staub' als um 'schmutzigen Schnee'."

Stellenweise enthält der Komet jedoch durchaus große Mengen Eis: Zu manchen Zeiten verdampften nämlich bis zu 360 Kilogramm Wasser pro Sekunde von seiner Oberfläche. Zwischen diesen "aktiven" Phasen kann die Wasserverdampfungsrate jedoch auf ein Drittel zurückgehen. Der Komet verliert dann "nur noch" 120 Kilogramm Wasser pro Sekunde. "Wir glauben, dass nur ein kleiner Teil der Oberfläche größere Mengen Eis enthält", versucht Bensch die Schwankungen zu erklären. "Der Kometenkern rotiert jedoch. Zu einem Anstieg der Kometenaktivität kommt es immer dann, wenn bei der Rotation einer der vereisten Bereiche von der Schatten- auf die Sonnenseite wechselt, wenn also über diesen aktiven Oberflächenregionen die Sonne aufgeht."

Bensch und seine Mitarbeiter schätzen, dass Tempel 1 während seines Sonnenumlaufs im vergangenen Jahr knapp 3 Millionen Tonnen Wasser verloren hat - auf der Erde entspräche das einem kleinen See mit 500 Metern Durchmesser und 15 Metern Tiefe. In dieser Zeit sind die eisreichen Oberflächenregionen um bis zu 40 Zentimeter "schlanker" geworden. Dennoch sei es unwahrscheinlich, dass der rund sechs Kilometer "dicke" Komet im Laufe der Jahrtausende nach und nach verdampft. "Irgendwann wird er wohl einfach auseinander bröseln", sagt Bensch. "Wenn er nicht zuvor mit dem Jupiter zusammenstößt oder von diesem aus dem Sonnensystem geschleudert wird."

F. Bensch, G.J. Melnick, D.A. Neufeld, M. Harwit, R.L. Snell, B.M, Patten, V. Tolls. Submillimeter Wave Astronomy Satellite observations of comet 9P/Tempel 1 and Deep Impact. Icarus 2006, im Druck. Die Arbeit ist unter http://dx.doi.org/10.1016/j.icarus.2006.05.016 bereits online verfügbar.

Kontaktinformation:
Dr. Frank Bensch
Argelander-Institut für Astronomie, Universität Bonn
Telefon: 0228/73-1774
E-Mail: fbensch@astro.uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Berichte zu: Abmagerungskur Komet Kometenkern

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Der überraschend schnelle Fall des Felix Baumgartner
14.12.2017 | Technische Universität München

nachricht Eine blühende Sternentstehungsregion
14.12.2017 | ESO Science Outreach Network - Haus der Astronomie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik