Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Astronomen finden Welt mit dicker, lebensfeindlicher Atmosphäre und Herz aus Eis

17.12.2009
ESO 50/90 - Pressemitteilung Wissenschaft: Astronomen haben die zweite so genannte Supererde gefunden, für die sich Masse und Radius bestimmen lassen - Messungen, die Rückschlüsse auf die innere Struktur des Exoplaneten erlauben [1].

Dies ist zudem die erste Supererde, für die sich eine Atmosphäre nachweisen lässt. Der Exoplanet, der die Bezeichnung GJ1214b trägt, eröffnet neue Perspektiven für die Suche nach bewohnbaren Welten. Er besitzt die sechsfache Masse der Erde und scheint überwiegend aus Wassereis zu bestehen. Er hat eine vergleichsweise heiße Oberfläche und ist von einer dicken Atmosphäre umgeben, die äußerst unwirtliche Verhältnisse für die uns bekannten Arten von Leben schafft.

In der dieswöchigen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature geben Astronomen die Entdeckung eines Planeten um den nahen, massearmen Stern GJ1214 bekannt [2]. Der Planet wurde mit der so genannten Transitmethode entdeckt, die ausnutzt, dass die Helligkeit eines Sterns um einen Bruchteil abnimmt, wenn ein Exoplanet von der Erde aus gesehen vor dem Stern vorbeizieht. Dies ist erst das zweite Mal, dass mit dieser Methode eine so genannte Supererde nachgewiesen werden konnte - ein Exoplanet mit einer Masse größer als der Erdmasse, aber kleiner als der zehnfachen Erdmasse [3]. Der neu entdeckte Planet besitzt sechs Mal soviel Masse wie die Erde, und sein Radius entspricht dem 2,7fachen des Erdradius. Von der Größe her liegt der Planet damit zwischen die Erde und den Eisriesen des Sonnensystems, Uranus und Neptun.

Die Masse von GJ1214b ist vergleichbar der Masse der ersten auf diese Weise entdeckten Supererde, des Planeten Corot-7b. Doch der Radius von GJ1214b ist deutlich größer, und damit dürften sich die beiden Planeten im inneren Aufbau deutlich voneinander unterscheiden: Während Corot-7b wohl einen felsigen Kern besitzt und von Lava bedeckt sein könnte, vermuten die Astronomen, dass GJ1214b zu drei Vierteln aus Wassereis und zu einem Viertel aus Silizium und Eisen besteht.

GJ1214b umkreist seinen Heimatstern einmal alle 38 Stunden in einer Entfernung von nur 2 Millionen Kilometern - nur rund ein Siebzigstel des Abstands der Erde von der Sonne. "Bei dieser geringen Entfernung des Planeten von seiner Sonne ist zu erwarten, dass die Oberflächentemperatur des Planeten rund 200 Grad Celsius beträgt - viel zu heiß, als dass es dort flüssiges Wasser geben könnte," so David Charbonneau, der Erstautor des Fachartikels.

Der gemessene Radius von GJ1214b ist deutlich größer, als es theoretische Planetenmodelle vorhersagen. Die Daten deuten darauf hin, dass der Planet von einer 200 Kilometer dicken Atmosphäre umgeben ist, die beim Transit dazu beiträgt, dass das Licht des Sterns abgeschirmt wird. "Diese Atmosphäre ist weit dicker als die Erdatmosphäre. Der hohe Druck und die Abwesenheit von Licht nahe der Planetenoberfläche machen es sehr unwahrscheinlich, dass sich hier Leben bilden konnte, wie wir es kennen," so Charbonneau weiter. "Trotzdem sind die dort herrschenden Bedingungen hochinteressant - dort könnten sich hochkomplexe chemische Reaktionen abspielen."

Xavier Bonfils, ein weiteres Mitglied des Forscherteams, fügt hinzu: "Da der Planet zu heiß ist, um eine Atmosphäre lange bei sich behalten zu können, können wir bei GJ1214b erstmals eine Atmosphäre untersuchen, die sich neu um einen Exoplaneten herum gebildet hat. Dabei ist dieses Planetensystem nicht allzu weit von der Erde entfernt, so dass es bereits mit heutigen Teleskopen möglich sein wird, seine Atmosphäre direkt zu untersuchen."

Der Planet wurde im Rahmen des MEarth-Projekts entdeckt, das auf der Suche nach Exoplaneten-Transits rund 2000 massearme Sterne überwacht [4]. Um zu bestätigen, dass es sich bei GJ1214b tatsächlich um einen Planeten handelt, und um seine Masse zu bestimmen, waren die Astronomen auf die hohe Präzision des HARPS-Spektrografen angewiesen, der am 3,6-Meter-Teleskop der ESO auf La Silla angebracht ist. HARPS ist das weltweit erfolgreichste Instrument für die Suche nach vergleichsweise kleinen Exoplaneten.

Koautor Stephane Udry fügt hinzu: "Dies ist die zweite Supererde, für die es gelungen ist, Masse und Radius zu bestimmen, so dass wir die Dichte des Planeten ausrechnen und Rückschlüsse auf seine innere Struktur ziehen können. In beiden Fällen hat das HARPS-Instrument die entscheidenden Daten geliefert."

"Die Unterschiede in der Zusammensetzung dieser beiden Planeten sind von Bedeutung für die die Suche nach bewohnbaren Planeten", schließt Charbonneau. Wenn Supererden ganz allgemein von einer Atmosphäre wie der des Planeten GJ1214b umgeben sind, könnte es sein, dass sie schlechte Ausgangsbedingungen für die Entwicklung von Leben bieten, wie wir es von der Erde her kennen.

Endnoten

[1] Als "Supererde" bezeichnen Astronomen einen Planeten mit mehr als einer, aber weniger als zehn Erdmassen. Ein Exoplanet ist ein Planet, der einen anderen Stern als unsere Sonne umkreist.

[2] Der Stern GJ1214 ist fünf Mal kleiner als unsere Sonne und strahlt 300 Mal weniger Licht ab.

[3] Corot-7b ist der kleinste und schnellste der bekannten Exoplaneten. Er ist von vergleichbarer Dichte wie die Erde; ein Dichtewert, der eine solide, felsige Welt nahelegt. Corot-7b wurde von dem Satellitenteleskop CoRoT entdeckt; seine Eigenschaften wurden mit dem HARPS-Instrument ermittelt (ESO 33/09).

[3] Das Projekt MEarth verwendet acht kleine Teleskope mit je 40 Zentimetern Durchmesser, die auf dem Mount Hopkins in Arizona stationiert sind. MEarth sucht nach Sternen, die ihre Helligkeit ändern - auf diese Weise lassen sich mit Hilfe der Transitmethode Exoplaneten entdecken. Auf diese Weise lassen sich etwa Helligkeitsänderungen nachweisen, die entstehen, wenn eine Supererde einen Roten Zwergstern umkreist. Für eine solche Konstellation ist die Helligkeitsänderung einfacher nachzuweisen als beispielsweise für Planeten von der Größe der Erde, die einen sonnenähnlichen Stern umkreisen.

Hintergrundinformationen

Die hier beschriebenen Ergebnisse werden diese Woche in der Fachzeitschrit Nature veröffentlicht ("A Super-Earth Transiting a Nearby Low-Mass Star", von David Charbonneau et al.).

Die beteiligten Forscher sind David Charbonneau, Zachory K. Berta, Jonathan Irwin, Christopher J. Burke, Philip Nutzman, Lars Buchhave, David W. Latham, Ruth A. Murray-Clay, Matthew J. Holman und Emilio E. Falco (Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics, Cambridge, USA), Christophe Lovis, Stephane Udry, Didier Queloz, Francesco Pepe und Michel Mayor (Observatorium Genf), Xavier Bonfils, Xavier Delfosse und Thierry Forveille (University Joseph Fourier -- Grenoble 1/CNRS, LOAG, Grenoble) und Joshua N. Winn (Kavli Institute for Astrophysics and Space Research, MIT, Cambridge, USA).

Die Europäische Südsternwarte ESO (European Southern Observatory) ist die führende europäische Organisation für astronomische Forschung und das wissenschaftlich produktivste Observatorium der Welt. Getragen wird die Organisation durch ihre 14 Mitgliedsländer: Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Österreich, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz, die Tschechische Republik und das Vereinigte Königreich. Die ESO ermöglicht astronomische Spitzenforschung, indem sie leistungsfähige bodengebundene Teleskope entwirft, konstruiert und betreibt. Auch bei der Förderung internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Astronomie spielt die Organisation eine maßgebliche Rolle. Die ESO betreibt drei weltweit einzigartige Beobachtungsstandorte in Nordchile: La Silla, Paranal und Chajnantor. Auf Paranal betreibt die ESO mit dem Very Large Telescope (VLT) das weltweit leistungsfähigste Observatorium für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren Lichts, und VISTA, das größte Durchmusterungsteleskop der Welt. Die ESO ist der europäische Partner für den Aufbau des Antennenfelds ALMA, das größte astronomische Projekt überhaupt. Derzeit entwickelt die ESO das European Extremely Large Telescope (E-ELT) für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren und Infrarotlichts, mit 42 Metern Spiegeldurchmesser ein Großteleskop der Extraklasse.

Die Übersetzungen von englischsprachigen ESO-Pressemitteilungen sind ein Service des ESO Science Outreach Network (ESON), eines internationalen Netzwerks für astronomische Öffentlichkeitsarbeit, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus allen ESO-Mitgliedsstaaten (und einigen weiteren Ländern) vertreten sind. Deutscher Knoten des Netzwerks ist das Haus der Astronomie am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg.

Kontaktinformationen

Stéphane Udry
Universität Genf
Tel.: +41 22 379 2467
E-Mail: stephane.udry (at) unige.ch
Xavier Bonfils
Université Joseph Fourier - Grenoble 1 / CNRS,
Laboratoire d'Astrophysique de Grenoble (LAOG), Frankreich
Tel. : +33 47 65 14 215
E-Mail: xavier.bonfils (at) obs.ujf-grenoble.fr
David Charbonneau
Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics
Cambridge, USA
Tel.: +1 617 496 6515
E-Mail: dcharbon (at) cfa.harvard.edu

Dr. Markus Pössel | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.eso.org/public/germany/press-rel/pr-2009/pr-50-09.html
http://www.eso.org/public/archives/releases/sciencepapers/eso0950/eso0950.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Scharfe Röntgenblitze aus dem Atomkern
17.08.2017 | Max-Planck-Institut für Kernphysik, Heidelberg

nachricht Optische Technologien für schnellere Computer / „Licht“ mit Wespentaille
16.08.2017 | Universität Duisburg-Essen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie