Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Dem Ursprung von Epilepsien auf der Spur

27.07.2011
Hochfrequenz-EEG zeigt erkrankte Areale im Gehirn an

Wenn sich epileptische Anfälle nicht durch Medikamente verhindern lassen, ist oft eine Operation notwendig. Die Ärzte entfernen dabei erkrankte Hirnabschnitte. Voraussetzung hierfür ist eine präzise Ortung der betroffenen Bereiche. Eine neue Methode, die Analyse sogenannter Hochfrequenzoszillationen im Elektroenzephalogramm (EEG), könnte dies künftig verbessern. Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) fordert eine weitere Erforschung der Technik, um in Zukunft mehr Patienten eine Operation zu ermöglichen.

Ursache eines epileptischen Anfalls ist eine unkontrollierte Übererregung von Nervenzellen. Diese breitet sich innerhalb kürzester Zeit über das gesamte Großhirn oder Teile davon aus. „Die meisten Epilepsien nehmen ihren Ursprung an umgrenzten Hirnarealen”, erläutert Professor Dr. med. Detlef Claus, 1. Sekretär der DGKN und Direktor der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie am Klinikum Darmstadt. Diese Krankheitsherde sind schwer zu finden. Denn epileptische Anfälle dauern in der Regel nur wenige Minuten. „Wenn wir im Labor mit dem EEG die Hirnströme messen, ist die Aktivität bereits wieder zurückgegangen”, so Claus.

Einige Krankheitsherde senden aber auch zwischen den Anfällen Signale aus. Ein bekanntes Signal sind die sogenannten Spikes. Sie lassen sich mit Elektroden empfangen, die auf der Kopfhaut verteilt werden. „Die Möglichkeiten dieser EEG-Analyse sind jedoch begrenzt”, schränkt Dr. med. Julia Jacobs von der Abteilung für Neuropädiatrie und Muskelerkrankungen an der Universitätsklinik Freiburg ein. So treten Spikes gelegentlich auch in gesunden Hirnarealen auf und die Unterscheidung ist schwierig. Auch mit Hilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) und anderer funktioneller Untersuchungen gelinge es nicht immer, die erkrankte Region im Gehirn zu finden.

Eine neue Technik könnte hier helfen. Während bisherige EEG-Geräte auf Frequenzen bis zu 70 Hertz (Hz) begrenzt sind, zeichnen neuere Geräte auch Frequenzen bis zu 500 Hz auf und ermöglichen so die Suche nach neuen Markern epileptogener Hirnareale. „In dem Bereich des Gehirns, in dem epileptische Anfälle entstehen, treten Hochfrequenzoszillationen, kurz HFOs, auf“, berichtet die EEG-Expertin Jacobs. „Sie nennen sich ‚ripple’ bei Frequenzen zwischen 80 und 250 Hz und ‚fast ripple’ bei Frequenzen über 250 Hz.“ HFOs kommen nicht nur während eines epileptischen Anfalls vor, sondern vor allem zwischen den Anfällen – also dann wenn die EEG-Untersuchungen normalerweise durchgeführt werden. Ähnlich wie bei den Spikes treten „ripple” und „fast ripple” aber auch in gesunden Hirnregionen auf. „Im Hippocampus können sie Zeichen einer hohen Gedächtnisaktivität sein”, so Jacobs.

Deshalb wird die HFO-Analyse derzeit nur in Forschungseinrichtungen durchgeführt. Dort wird auch untersucht, ob eine Ableitung der HFO auf der Hirnoberfläche oder während der Operation die Suche nach den Krankheitsherden erleichtert. Jacobs ist zuversichtlich, dass die neue Technik sich durchsetzen wird und HFOs künftig als Biomarker für epileptogene Hirnabschnitte dienen können. Voraussetzung hierfür sei eine weitere intensive Beforschung der Methode, betont auch die DGKN. „Die bisherigen Erkenntnisse im Bereich Hochfrequenzoszillationen sind vielversprechend. Hier gilt es, weitere Untersuchungen anzuschließen. Unser Ziel ist es, möglichst vielen Patienten, bei denen Medikamente nicht helfen, eine Operation zu ermöglichen“, so Professor Claus.

Literatur:
J. Jacobs. Hochfrequenzoszillationen (>80 Hz) als Marker für epileptogene Areale. Klinische Neurophysiologie 2011; 42: 9-16

Kontakt für Journalisten:

Pressestelle DGKN
Silke Stark
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-572
Fax: 0711 8931-167
stark@medizinkommunikation.org

Silke Stark | idw
Weitere Informationen:
http://awmf.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizintechnik:

nachricht Fraunhofer IGB wirkt bei Gestaltung des europäischen Fahrplans für Organ-on-a-Chip-Technologie mit
14.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB

nachricht Entwicklung modernster Navigationssysteme für die Gefäßchirurgie
06.11.2017 | Universität zu Lübeck

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizintechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

500 Kommunikatoren zu Gast in Braunschweig

20.11.2017 | Veranstaltungen

VDI-Expertenforum „Gefährdungsanalyse Trinkwasser"

20.11.2017 | Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Künstliche neuronale Netze: 5-Achs-Fräsbearbeitung lernt, sich selbst zu optimieren

20.11.2017 | Informationstechnologie

Tonmineral bewässert Erdmantel von innen

20.11.2017 | Geowissenschaften

Hemmung von microRNA-29 schützt vor Herzfibrosen

20.11.2017 | Biowissenschaften Chemie